Tarcisio Bertone

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kardinal Tarcisio Bertone 2010
Wappen des Kardinalkämmerers Tarcisio Bertone während der Sedisvakanz 2013

Tarcisio Pietro Evasio Kardinal Bertone SDB (* 2. Dezember 1934 in Romano Canavese, Provinz Turin, Italien) ist ein römisch-katholischer Geistlicher. Er war vom 15. September 2006 bis zum 15. Oktober 2013 Kardinalstaatssekretär. Als Camerlengo (Kardinalkämmerer) der Vatikanstadt leitete er die Übergangsregierung während der Sedisvakanz 2013 der römisch-katholischen Kirche.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studium und Ordenseintritt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tarcisio Bertone wuchs in dem kleinen Dorf Romano Canavese in der Region Piemont als fünfter von acht Söhnen auf. Nach der Schulzeit trat er im Jahre 1950 in die Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos ein. Er studierte in Turin und Rom die Fächer Philosophie und Römisch-Katholische Theologie. Später erwarb er das Lizentiat im Fach Theologie mit einer Arbeit über Toleranz und religiöse Freiheit und wurde im Kanonischem Recht mit der Arbeit Die Leitung der Kirche im Denken von Benedikt XIV. – Papst Lambertini (1740–1758)[1] zum Dr. jur. can. promoviert.

Lehrtätigkeit, Bischofs- und Kurienämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bertone empfing 1960 das Sakrament der Priesterweihe durch Erzbischof Albino Mensa und arbeitete anschließend sieben Jahre lang als Professor für Moraltheologie an der Hochschule der Salesianer in Rom. Dort lehrte er von 1976 bis 1991 Kanonisches Recht und nahm Leitungsaufgaben in der Fakultät wahr. Er hielt Gastvorlesungen an der Lateranuniversität und wirkte als Seelsorger in mehreren römischen Pfarreien.

1991 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof der Erzdiözese Vercelli, der er bis 1995 vorstand. Die Bischofsweihe spendete ihm am 1. August 1991 sein Vorgänger im Amt, Erzbischof Albino Mensa. Mitkonsekratoren waren der Bischof von Ivrea, Luigi Bettazzi, sowie der Bischof von Casale Monferrato, Carlo Cavalla.

Von 1995 bis 2002 war Tarcisio Bertone Sekretär der Glaubenskongregation. In dieser Zeit übernahm er in Joseph Kardinal Ratzingers Auftrag Missionen, wie zum Beispiel den Fall Emmanuel Milingo, der zunächst in der Wiedereingliederung des Erzbischofes in die katholische Kirche endete, sowie auch die Enthüllung des dritten Geheimnisses von Fatima. Er prangerte Dan Browns Bestseller Sakrileg öffentlich an und forderte die Gläubigen auf, es nicht zu lesen.

Aufstieg zum mächtigsten Kurienkardinal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kardinal Bertone in Polen (Juni 2007)
Kardinalswappen (links) an der Kathedrale San Pietro in Frascati

2002 ernannte Papst Johannes Paul II. Tarcisio Bertone zum Erzbischof von Genua. Dem Kardinalskollegium gehört er seit dem 21. Oktober 2003 als Kardinalpriester mit der pro hac vice zur Titelkirche erhobenen Titeldiakonie Santa Maria Ausiliatrice in via Tuscolana an.[2] Im Vatikan wurde Bertone als enger Vertrauter Joseph Ratzingers und Mann für heikle Aufgaben wahrgenommen. Er galt als volksnah und aufgeschlossen und wurde vor dem Konklave 2005 auch selbst als papabile betrachtet.[3] Anschließend ernannte ihn der neue Papst am 15. September 2006 als Nachfolger von Angelo Sodano zum Kardinalstaatssekretär.

Am 4. April 2007 wurde als Nachfolger von Eduardo Martínez Somalo auch zum Camerlengo (Kardinalkämmerer) bestellt. Die Vereidigung erfolgte am 7. Juli desselben Jahres.

Am 10. Mai 2008 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Kardinalbischof von Frascati.

Positionen, Kritik und Skandale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem diplomatisch brisanten Streit um die Reaktionen auf das Papstzitat von Regensburg zur Charakterisierung des Islam im Spätherbst 2006 stellte sich Bertone hinter Papst Benedikt XVI. und machte deutlich, dass dieser sich von dem in seinem Vortrag verwendeten Zitat klar distanziert hatte.

Am 5. Juni 2007 stellte Bertone eine Biografie von Andrea Tornielli über Papst Pius XII. vor und sprach sich bei dieser Gelegenheit für eine Neubewertung der historischen Rolle dieses Papstes aus. Die gegen Pius XII. erhobenen Vorwürfe wegen seiner passiven Haltung angesichts des Holocaust bezeichnete er als „schwarze Legende“, die nur mühsam zu berichtigen sei.[4]

Mehrfach geriet Bertone kirchen- und kurienintern wegen seines mangelhaften Krisenmanagements in die Kritik. Bekannt geworden ist die kritische Haltung des früheren Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner gegenüber der Rolle, die Bertone in der Kurie unter dem mit Meisner befreundeten Benedikt XVI. spielte. Meisner berichtete in Interviews wiederholt davon, wie er Papst Benedikt während der Williamson-Affäre im Dezember 2008 nach der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. dringend die Entlassung Bertones nahelegte, was der Papst aber strikt abgelehnt habe.[5]

Dem kirchenrechtlich vorgeschriebenen Rücktrittsgesuch Kardinal Bertones zum 75. Geburtstag entsprach Benedikt XVI. nicht und bestätigte ihn am 15. Januar 2010 in seinen Ämtern. In diesem Zusammenhang stellte sich der Papst in einem offenen Brief, der von Radio Vatikan verbreitet wurde, demonstrativ hinter seinen Vertrauten und dankte ihm für die jahrzehntelange wertvolle Zusammenarbeit.[6]

Im Jahr 2010, als das Pontifikat Benedikts XVI. durch das Bekanntwerden zahlreicher Fälle von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester in eine schwere Krise geriet, wurde durch Dokumente belegt, dass Tarcisio Bertone seit 1996 mit dem Fall Lawrence C. Murphy befasst gewesen war. Der Fall war unter anderem deshalb brisant, weil amerikanische Opferanwälte die Freigabe der Akten aus dem Archiv des Erzbistums Milwaukee gerichtlich erzwungen und daraus Dokumente veröffentlicht hatten.[7] Die Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte Ostern 2010 eines der Geheimdokumente,[8][9] was weltweit beachtet wurde; der Vatikan erklärte sich darüber „verstimmt“.[10]

Ebenfalls im Zusammenhang mit den bekannt gewordenen Fällen von Kindesmissbrauch durch Kleriker stieß im Frühjahr 2010 eine Äußerung Bertones auf breite, z. T. scharfe Kritik, wonach Pädophilie und Homosexualität miteinander in einem Zusammenhang stünden. Die Aussage wurde unter anderem vom deutschen LSVD und vom französischen Außenamtssprecher Bernard Valero kritisiert, der die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen gleichgeschlechtlicher Liebe und Kindesmissbrauch als „nicht hinnehmbar“ bezeichnete.[11]

Niedergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bertone selbst versuchte im April 2010, die schwierige Situation Benedikts nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit verständlich zu machen.[12] Im Zusammenhang mit der „Vatileaks“-Affäre ab 2011, ausgelöst durch Veröffentlichungen vertraulicher päpstlicher Dokumente, wurde Bertone intern wiederum sehr stark kritisiert. Presseberichten zufolge wurde er innerhalb des Vatikans von Kritikern offen als „unfähig“ tituliert.[13][14][15]

Kardinal Bertone führte nach dem Rücktritt Benedikts XVI. als Camerlengo die Amtsgeschäfte und nahm am Konklave 2013 teil. Bereits vor der Neuwahl des Papstes hielten Beobachter das Ende von Bertones Zeit als einflussreichste Gestalt in der Kurie, wo er sich zahlreiche Feinde geschaffen hatte, allerdings für absehbar.[16] Bereits im Dezember 2012 hatte ihm Papst Benedikt im Zuge der Aufarbeitung von Missständen in der vatikanischen Finanzverwaltung die Letztzuständigkeit für Kooperationen mit internationalen Geldwäscheuntersuchungsstellen entzogen, was im Nachhinein als erster Schritt zu seiner Entmachtung gewertet wurde.[17]

Nach der Wahl von Papst Franziskus galt Bertone faktisch als einflusslos, übte das Amt des Kardinalstaatssekretärs nach seinem vom Papst angenommenen Rücktrittsgesuch vom 31. August 2013 aber noch bis zum 15. Oktober 2013 kommissarisch aus.[18] Das Staatssekretariat übernahm Pietro Parolin. Sein Nachfolger als Camerlengo wurde am 20. Dezember 2014 der französische Kardinal Jean-Louis Tauran. Nach seiner Abberufung durch den Papst sagte Bertone, er sei Opfer von „Maulwürfen und Schlangen“ im Vatikan geworden.[19] Anfang Dezember 2014 schied Bertone aus seinen noch verbliebenen Ämtern aus, so etwa auch aus der Aufsicht über die Vatikanbank.[20]

Skandal um die Wohnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Abschied wurde im April 2014 bekannt, dass er seinen Ruhesitz in einer eigens für ihn umgebauten 600-m²-Wohnung im Vatikan mit großer Dachterrasse bezieht.[21][22][23] Die Affäre weitete sich in den folgenden Jahren zu einem Finanzskandal aus, da der Umbau mit zweckentfremdeten Spendengeldern finanziert worden war, die Bertone im März 2016 freiwillig zurückzahlte.[24] Der ehemalige Leiter der vatikanischen Kinderklinik Bambino Gesù wurde im Zusammenhang mit dem Skandal 2017 von den vatikanischen Strafverfolgungsbehörden angeklagt.[25]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bertone spricht fließend Italienisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und ein wenig Englisch und kann Polnisch, Lateinisch, Altgriechisch und Hebräisch lesen.[26]

Tarcisio Bertone wurde am 15. April 2009 im Rang eine Kollarritters in den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem aufgenommen.[27]

Mitgliedschaften in der römischen Kurie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tarcisio Bertone war bis Ende 2014 Mitglied der folgenden Kongregationen der Kurie:

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vita cristiana secondo giustizia: trattato di teologia morale. Appunti di studio, Roma, Pontificio Ateneo Salesiano 1968.
  • mit G. Leclerc, G. C. Milanesi, V. Polizzi, E. Quarello, Discussione sull'aborto, Quaderni di «Salesianum» 1, Roma, LAS 1975.
  • II governo della Chiesa nel pensiero di Benedetto XIV (1740-1758) (= Biblioteca di Scienze Religiose, Band 21), Roma, LAS 1977.
  • Il rapporto giuridico tra Chiesa e Comunità politica, in: Gruppo Italiano Docenti di Diritto Canonico (Hrsg.), Il Diritto nel mistero della Chiesa, Band 4: Diritto Patrimoniale - Tutela della comunione e diritti - Chiesa e Comunità politica, «Quaderni di Apollinanis» 4, Roma, Libreria Editrice della Pontificia Università Lateranense 1980, S. 295–430 und 448-492.
  • (Hrsg.) mit A. SEVERGNINI, La famiglia e i suoi diritti nella comunità civile e religiosa. Atti del VI Colloquio Giuridico, (Roma, 24-26 aprile 1986), Roma, Libreria Editrice Vaticana - Libreria Editrice Lateranense 1987.
  • (Hrsg.), Codice di diritto canonico. Testo ufficiale e versione italiana sotto il patrocinio della Pontificia Università Lateranense e della Pontificia Università Salesiana, Roma, Unione Editori Cattolici Italiani 1983, 2. durchgesehene und korrigierte Auflage, 1984, 3. Durchgesehene korrigierte und erweiterte Auflage 1997.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tarcisio Bertone – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die rechte Hand des Papstes. In: VATICAN magazin. Nr. 4, 2007, ISSN 1865-1577.
  2. Angelus. Der Heilige Stuhl, 28. September 2003
  3. Vertrauter Ratzingers und Fußballfan. In: Zeit online, 15. April 2005, abgerufen im August 2017.
  4. Strong defense of Pius XII by Cardinal Bertone June 06, 2007. In: Catholic World News, abgerufen im August 2017.
  5. "Wie soll das gehen? Ein Papst im Ruhestand!" Interview mit Joachim Kardinal Meisner in der Frankfurter Rundschau, 11. Februar 2013, abgerufen im August 2017.
  6. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bleibt im Amt. Radio Vatikan, 22. Januar 2010
  7. Patrik Schwarz, Martin Klingst: Dokumente des Vertuschens. In: Zeit online, 2. April 2010, abgerufen im August 2017.
  8. Martin Klingst, Patrik Schwarz: Die Akte Bertone. In: Die Zeit, 30. März 2010
  9. Patrik Schwarz, Martin Klingst: Sexueller Missbrauch: Geheimprotokoll belastet wichtigsten Mitarbeiter des Papstes. In: Zeit online, 5. April 2010, abgerufen im August 2017.
  10. Patrik Schwarz: Missbrauchsskandal: Die Kirche teilt aus. In: Zeit online, 7. April 2010, abgerufen im August 2017.
  11. Kardinal Bertone erzürnt Homosexuelle. In: Zeit online, 14. April 2010, abgerufen im August 2017.
  12. Papst-Vertrauter spricht über Benedikts Seelenheil. In: Die Welt, 8. April 2010, abgerufen am 4. August 2017.
  13. Jörg Bremer: Komm, sag es allen weiter. FAZ.net, 5. März 2012; abgerufen am 22. Februar 2013.
  14. Gerhard Mumelter: Vatikan: Staatssekretär unter Druck. derstandard.at vom 31. Januar 2012, abgerufen am 22. Februar 2013
  15. Stefan Troendle: Der Rücktritt – eine Premiere mit vielen Fragezeichen. (Memento vom 15. Februar 2013 im Internet Archive) tagesschau.de vom 12. Februar 2013, abgerufen am 22. Februar 2013.
  16. Hans-Jürgen Schlamp: Tarcisio Bertone: Der Zwischenpapst. In: Spiegel Online. 4. März 2013, abgerufen am 3. August 2017.
  17. Mehr Macht für Schweizer Ausmister im Vatikan. In: Handelszeitung, 14. November 2014, abgerufen am 4. August 2017.
  18. Pietro Parolin zum neuen Staatssekretär ernannt. Radio Vatikan, abgerufen am 31. August 2013.
  19. zitiert nach Süddeutsche Zeitung vom 22. April 2014: Luxuswohnung für Kardinal Bertone (afp-Meldung)
  20. Papst verabschiedet umstrittenen Kurienkardinal Bertone, Seite auf orf.at, abgerufen am 4. Dezember 2014.
  21. Mario Ansaldo: L'ira di Francesco per il mega-attico del cardinale Bertone. In: La Repubblica, 20. April 2014, abgerufen am 4. August 2017.
  22. Tarcisio Bertone: Kardinal bezieht Luxuswohnung im Vatikan. FAZ online 21. April 2014
  23. Tarcisio Bertone: Kardinal baut „Goldenes Penthouse“ im Vatikan. Die Welt online, 21. April 2014
  24. Kardinal Bertone überweist Vatikan-Kinderklinik 150.000 Euro. In: Domradio, 10. März 2016, abgerufen am 4. August 2017.
  25. Vorwurf der Zweckentfremdung. In: Domradio, 13. Juli 2017, abgerufen am 4. August 2017.
  26. Cardinal Bertone Prefers Activity to Study. zenit.org, 15. Dezember 2006, abgerufen am 18. März 2013 (englisch).
  27. Vatikan: Bertone wird Ritter. Radio Vatikan, 16. April 2009
  28. Nomina di Membri e conferme nella Congregazione per il Clero. In: Bolletino. Sala Stampa della Santa Sede, 9. Juni 2014, abgerufen am 11. Juni 2014 (italienisch).
  29. Kardinalskommission für IOR erneuert. Radio Vatikan, 16. Februar 2013
Vorgänger Amt Nachfolger
Alfonso Kardinal López Trujillo Kardinalbischof von Frascati
seit 2008
Eduardo Kardinal Martínez Somalo Kardinalkämmerer
2007–2014
Jean-Louis Kardinal Tauran
Angelo Kardinal Sodano Kardinalstaatssekretär
2006–2013
Pietro Kardinal Parolin
Dionigi Kardinal Tettamanzi Erzbischof von Genua
2002–2006
Angelo Kardinal Bagnasco
Alberto Bovone Sekretär der Glaubenskongregation
1995–2002
Angelo Amato SDB
Albino Mensa Erzbischof von Vercelli
1991–1995
Enrico Masseroni
Roberto Giannatelli Rektor der Päpstlichen Universität der Salesianer (UPS)
1989–1991
Angelo Amato nur einige Monate
Raffaele Farina