Schneckenhorn

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Tibetisches Schneckenhorn dung kar
Hindu-Priester bei einer Puja im Tempel Tirumala Tirupati
Jazzmusiker Steve Turré 1976

Das Schneckenhorn (sanskrit: śaṅkha, hindi: śaṅkh, tib.: dung dkar, japanisch: 陣貝, jinkai, oder 法螺貝, horagai, auch Schneckentrompete, fälschlich: Muschelhorn) ist das einfachste und älteste Trompeteninstrument.

Verbreitung[Bearbeiten]

Das Schneckenhorn wird aus der Schale einer Meeresschnecke (hauptsächlich Turbinella rapa, synonym T. pyrum) gefertigt, die Spitze wird bei den am weitesten verbreiteten, längs geblasenen Schnecken abgesägt. Dieser Typ war vom Mittelmeer über Tibet, Indien, den malaiischen Archipel, Japan, Fidschi, Neuseeland und in weiten Teilen Amerikas verbreitet. Bei quer geblasenen Schneckenhörnern ist an einem seitlich gebohrten Anblasloch ein Mundstück aufgesetzt. Solche Instrumente gab es auf Madagaskar, dem malaiischen Archipel, in Mikronesien und Polynesien.[1]

Oft erfährt die Schneckenschale eine Veredlung durch Gravuren oder Metallfassungen. Manchmal wird auch ein Mundstück aus Metall angesetzt. Durch Hineinblasen mit geschlossenen Lippen entsteht wie bei einem Horn oder einer Trompete nach dem Prinzip der Polsterpfeife ein markanter, durchdringender Ton. Vielfach dienen Schneckenhörner dem Dienst an Göttern oder zum Kampf gegen böse Geister.

Regionale Formen[Bearbeiten]

In der tibetischen Ritualmusik wird das Schneckenhorn (dung kar) meist paarweise gespielt, so dass der Ton beim Atemholen eines der beiden Spieler nicht unterbrochen wird. Es wird als Instrument bei Ritualen, zum Beispiel zur Vertreibung von bösen Geistern eingesetzt. Weiters ist es neben Sonnenschirm, Schatzvase, Fische, Lotosblüte, Siegesbanner, Endloser Knoten und Rad eines der acht Glücksymbole (sanskrit Ashtamangala) im tibetischen Buddhismus. Besonders das in der Natur sehr selten vorkommende weiße, rechtsläufige Schneckenhorn steht für den rechten Weg – der Ton für die Verbreitung der Lehre Buddhas.

Ebenso wurden Schneckenhörner in Japan eingesetzt, hier insbesondere von den mit dem Buddhismus assoziierten Yamabushi. Die Symbolik des horagai bleibt buddhistisch, die Hörner wurden jedoch außer zur Sutrenrezitation und Ritualbegleitung auch als Signale in den Bergregionen Japans verwendet.

Im indischen Kulturraum kommt es nur im sakralen Bereich vor und unterscheidet sich dadurch vom alten Kuhhorn (shringa), das früher nur für Signalzwecke verwendet wurde. Im Hinduismus ist das Schneckenhorn neben Rad, Keule und Lotos eines der vier Hauptsymbole von Vishnu, dem Gott des Bewahrens und Erhaltens. Im Hinduismus wird Buddha als die neunte Verkörperung Vishnus angesehen. Daher wird in buddhistischen Bildwerken häufig der alte vedische Gott Indra dargestellt, der Buddha das Schneckenhorn Vishnus übergibt.

Koreanische Schneckenhörner nagak bei einer traditionellen Militärprozession, rechts ein Flachgong ching
Schneckenhorn in Osttimor

Die Göttin Durga tritt als Mahishasuramardini im Kampf gegen den bösen Büffeldämon Mahishasura an, aber aus seinem Blut entstehen andauernd neue Riesen. Daher bittet sie Vishnu um Hilfe, der schickt einen personifizierten sankha, der das Blut aufsaugt und Durga zum Sieg verhilft. Durga wird mit der Schneckentrompete in der oberen linken Hand und Haaren des Dämons in der unteren linken Hand dargestellt. Ähnlich besiegte der griechische Meeresgott Triton in seine Schneckentrompete Charonia tritonis blasend die Giganten.

Chaski, ein Nachrichtenübermittler der Inkas mit einem pututu und der Knotenschrift quipu

Im thailändischen Hofzeremoniell blieb der vishnuitische Hintergrund des sang (thailändisch: สังข์) genannten Schneckenhorns erhalten. Seine glückverheißende Bedeutung zeigt sich, wenn Paaren bei der Hochzeit Wasser aus einem Schneckenhorn auf die Hände gegossen wird. Das sang wird gemäß der Tradition würdevoll zu Paraden und Zeremonien des thailändischen Königshauses geblasen.[2]

Bei Prozessionen, die in Korea zur traditionellen königlichen Militärmusik Daechwita gehören, spielen neben den großen Schneckenhörnern nagak unter anderem Flachgongs jing, Sanduhrtrommeln janggu und als weitere Blasinstrumente die Langtrompete nabal und die Kegeloboe taepyeongso.

In Ozeanien wurden Schneckenhörner vor allem als Zeremonial- und Signalinstrumente eingesetzt. Sie kamen auf zahlreichen Inseln in Mikronesien und Polynesien vor. Die neuseeländischen Maori nennen ihr heute noch gespieltes Schneckenhorn putatara[3]. Gruppen von zwei bis neun Bläsern sind auf der zu Tonga gehörenden Insel Niuatoputapu für ihr mehrstimmiges Spiel bei besonderen Anlässen bekannt.

Überliefert sind Schneckenhörner auch aus Assyrien, die bei Kulthandlungen in der Zeit um 2000 bis 1500 v. Chr. verwendet wurden.

Priester altmexikanischer Kulturen benutzten die Gehäuse von Schnecken (auf Nahuatl Tecciztli oder Quiquiztli), mit denen sie Regengötter beschworen. In Südamerika wurden Schneckenhörner sowohl von den Chimú als auch den Inka aus den Gehäusen von Fechterschnecken (Strombus) hergestellt und sind bis heute unter der Quechua-Bezeichnung pututu bekannt. Bei den Inkas überbrachte ein schneller Läufer, Chaski, Nachrichten und blies ein pututu, um sich anzukündigen.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schneckenhorn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Paul Collaer: Ozeanien. In: Heinrich, Besseler, Max Schneider (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band I: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1974, S. 210
  2. Thai princess cremated in Bangkok ceremony. ABC News, 16. November 2008
  3. Richard Nunns: Putatara – conch trumpet.