Wengen (Südtirol)

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Wengen
(lad.: La Val, ital.:La Valle)
Wappen von Wengen
Wengen (Südtirol)
Wengen
Wengen
Lage von Wengen in Südtirol
Staat: Italien
Region: Trentino-Südtirol
Provinz: Bozen (Südtirol)
Bezirksgemeinschaft: Pustertal
Einwohner:
(VZ 2011/31.12.2012)
1.299/1.308
Sprachgruppen:
(laut Volkszählung 2011)
1,53 % deutsch
0,81 % italienisch
97,66 % ladinisch
Koordinaten 46° 39′ N, 11° 55′ O46.65805555555611.9236111111111353Koordinaten: 46° 39′ N, 11° 55′ O
Meereshöhe: 1.106–3026 m s.l.m. (Zentrum: 1353 m s.l.m.)
Fläche: 39,03 km²
Dauersiedlungsraum: 7,1 km²
Nachbargemeinden: Abtei, Enneberg, St. Martin in Thurn
Postleitzahl: 39030
Vorwahl: 0471
ISTAT-Nummer: 021117
Steuernummer: 81005390216
Politik
Bürgermeister (2010): Dr. Franz Complojer
Pfarrkirche zum Hl. Jenesius (lad.: San Senese) vor Armentara und Zehner

Wengen (ladinisch La Val, italienisch La Valle) ist eine Gemeinde mit 1308 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2012) in Südtirol (Italien). Zusammen mit St. Martin in Thurn, Abtei, Corvara und Enneberg gehört Wengen zu den fünf ladinischen Gemeinden des Gadertals.

Geografie[Bearbeiten]

Blick nach Westen von Alt-Wengen auf Barbarakapelle und Peitlerkofel

Die Gemeinde Wengen ist 39,03 km² groß und befindet sich grob in der Mitte des von Norden nach Süden verlaufenden Gadertals (ladinisch Val Badia). Die größten Siedlungsflächen, darunter der kleine Dorfkern St. Genesius (1320–1400 m s.l.m., San Senese) sowie zahlreiche kleinere Weiler (viles), befinden sich im nach Osten vom Haupttal abzweigenden Wengental, das vom Wengenbach durchflossen wird.

Vom Antonijoch durch das kleine Fanestal Richtung Wengen

Im Osten und Südosten wird das Wengental von schroffen Gebirgskämmen der Fanesgruppe, einer Untergruppe der Dolomiten, begrenzt. Zu den bedeutendsten Bergen Wengens zählen (von Süden nach Norden) der Heiligkreuzkofel (2907 m, Sas dla Crusc), der Zehner (3026 m, Sas dles Diesc), der Neuner (2968 m, Sas dles Nü) sowie durch das Antonijoch (Ju de Sant’Antone) und das kleine Fanestal von den vorhergehenden getrennt die Antonispitze (2655 m, Piz de Sant’Antone) und der Pares (2396 m, Sas de Crosta). Große Teile des Wengener Anteils an der Fanesgruppe sind im Naturpark Fanes-Sennes-Prags unter Schutz gestellt. Im Norden trennt ein sanfter Höhenzug, der die Kreuzspitze (2021 m, Crusc de Rit) trägt, das Wengental von Enneberg. An den Südhängen dieser bewaldeten Kette befinden sich die meisten viles mit ihren landwirtschaftlichen Nutzflächen. Im Süden begrenzen die Armentara-Wiesen (Pra d’Armentara) das Wengental nach Abtei hin.

Der Anteil Wengens am Gadertaler Haupttal ist relativ klein. Hier befindet sich direkt an der Gader gelegen das Dorf Pederoa (1150–1200 m, Pidrô), wo die ganzjährig befahrbare Gadertalstraße Richtung Norden nach St. Martin in Thurn und weiter ins Pustertal in der Gegend von Bruneck führt, und wo die Straße zum Wengener Siedlungskern Richtung Osten abzweigt. An der westlichen Talseite des Gadertals befinden sich noch auf Wengener Gemeindegebiet Teile der nordöstlichen Ausläufer der Puezgruppe, die das Gadertal vom Campilltal trennen.

Geologie[Bearbeiten]

Der Name Wengener Schichten oder Wengen-Formation, auf Italienisch Formazione di La Valle stammt von diesem Dorf.

Geschichte[Bearbeiten]

Eisenzeit[Bearbeiten]

alte Heuhütte auf Armentara, Hintergrund: Heilig-Kreuz-Kirche

Auf den Almen der Ritwiesen und von Armentara finden sich viele kleine einfach gebaute Heu-Hütten. Es wird vermutet, dass diese in der Bauart bis auf die Latènezeit (300 bis 100 vor Christus) zurückgehen. Inzwischen sind auch diese Hütten vom technischen Fortschritt eingeholt worden, da das Heu jetzt in Plastiksäcken eingeschweißt wird (Ballen-Silage). Die alten Hütten dienen noch als Gerätehütte oder werden zu kleinen Freizeithütten umgebaut.

Mittelalter[Bearbeiten]

Um 1018 schenkte Graf Volkhold das östliche Gadertal dem Kloster Sonnenburg (bei St. Lorenzen). Aus dem Jahre 1296 gibt es ein Sonnenburger Urbar, das einzelnen Orte nennt. Von Wengen werden Runch, „Pitzedatze“ (Picedac auf der westlichen Wengenseite) und Promperch (ebenfalls auf der westlichen Seite) und Rü genannt.

Links Barbarakirche, Mitte alte Kirche, halb rechts Pfarrhaus, rechter Rand: altes Gasthaus, Gemälde von Giachomo Kolz

Als ältestes Gehöft (oder Weiler) gilt Tolpëi hinter der Barbarakapelle und Alt-Wengen. 1382 wird die alte Kirche Hl. Jenesius in Alt-Wengen erwähnt. Die Einweihungsurkunde der Kapelle Sankt Barbara, die als zweiten Schutzpatron auch den Heiligen Florian hat, stammt aus dem Jahr 1491. Die heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute. Es wird vermutet, dass die Kapelle von Bergknappen aus dem Tal von Buchenstein (lad. Fodom) erbaut wurde. Einer lokalen Überlieferung zur Folge soll im Nahen Tolpëi früher Silber abgebaut worden sein, was ebenfalls erklärte, weshalb die Schutzpatronin der Bergleute hier eine Kapelle hat. Für die Überlieferung spricht, dass der Schürfbau von Bleierzen und Silber für das 16. Jahrhundert nachgewiesen ist, also auch schon früher im 15. Jahrhundert stattgefunden haben kann.

Die Abbildung links zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Altarbild der Kapelle, das von „Giachomo Kolz anno 1806“ angefertigt wurde. Den Weg, der nach links unten führt, gibt es heute immer noch, er hat aber keine große Bedeutung mehr. Die Kapelle hatte die Funktion, mit ihrem Geläut und Glockenschlag akustisch das westliche Tal und die andere Wengenseite zu erreichen, da die alte Kirche ungünstig in einem Talwinkel gebaut wurde.

Romanisches Haus in Furnacia

Im Mittelalter entstanden in Wengen ladinische Haustypen vom Typ „romanisches Haus“ (z. B. Furnacia) und dem späteren „gotisches Haus“ (Runch).

Neuzeit[Bearbeiten]

Südöstlicher Teil des Atlas Tyrolensis, wo auch Wengen dargestellt ist.

Im 16. Jahrhundert Schürfbau von Eisenerzen und Silber in Tolpei unweit der Barbarakapelle, die der Schutzpatronin der Bergleute geweiht ist.

Im Jahre 1785 wurden unter Kaiser Joseph II. im Zuge des nach ihm benannten Josephinismus dem Kloster Sonnenburg seine Grundherrenrechte, die es bis dahin immer noch im Gadertal hatte, genommen. Im Zuge dieser Säkularisation wurde auch die Barbarakapelle 1786 (ähnlich wie die Heilig-Kreuz-Kirche (Abtei)) für eine nicht mehr bekannte Anzahl von Jahren gesperrt.

Im Jahr 1874 war die Einweihung der heutigen neuromanischen Hl.-Jenesius-Kirche auf dem „Plan da Murin“ (Mühlplatz). Am Rande einer der Deckengemälde ist die Kirche selbst mit dem Neuner im Hintergrund abgebildet. 1933 wird dann die alte Hl.-Jenesius-Kirche, die zu klein geworden war und seit der Einweihung der neuen Kirche kaum noch benutzt wurde, bis auf den Glockenturm und ein paar Fundament- und Mauerreste abgetragen. Durch die zentrale Lage der neuen Kirche ist auch die alte Barbarakapelle sozusagen funktionslos geworden.

Im Ersten Weltkrieg war Wengen gar nicht so weit von der Front entfernt. Die Dolomitenfront verlief südöstlich der Gader. Die Fanes war österreichisches Nachschubgebiet. Die Militärstraße dorthin verlief von der Nachbargemeinde Enneberg durch das Rautal. Wengen gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Gerichtsbezirk Enneberg und war Teil des Bezirks Bruneck.

Mit Ende des Ersten Weltkrieges kam Südtirol an Italien, so auch Wengen. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte Mussolini Südtirol zu italienisieren. Jeder Ort, auch die ladinischen, bekam eine italienische Bezeichnung, so wurde aus Wengen bzw. La Val wurde La Valle. (Das Gehöft oberhalb von La Val wird allerdings schon auf österreichischen Karten italienisch „Campo“ (Feld) genannt. Heute heißt es ladinisch Ćians.) Die ladinische Sprache wurde während des italienischen Faschismus (vgl. ausführlicher Questione Ladina) zum italienischen Dialekt erklärt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der „Befreiungsausschuss Südtirol“ aktiv. Strommasten wurden gesprengt, auch Polizisten wurden umgebracht, wobei die Täterfrage hier umstritten ist (Geschichte Südtirols). In Wengen wurde jedenfalls das Böllern verboten, das sonst an Feiertagen stattfand. Auch war eine Zeit lang das Andreas-Hofer-Lied für die Blaskapellen verboten.

1951 wurde in Wengen die Sage vom Reich der Fanes von der Bevölkerung selbst aufgeführt.

Einige alte Fotos von Wengen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich im Ladinischen Landesmuseum Schloss Thurn in St. Martin in Thurn.

1930 wurde Campill (Lungiarü) zusammen mit Wengen an St. Martin in Thurn angeschlossen, und Welschellen (Rina) an Enneberg. Während Wengen seit 1965 eine eigene Gemeinde bildet, verblieb Campill bei St. Martin in Thurn.

1968 brannte das Gehöft „Costa“ ab und wurde neu aufgebaut.

verlassenes Haus in Miribun

Letztendlich brach die moderne Zeit in den 80er Jahren in Wengen herein, als alle Gehöfte an asphaltierte Fahrwege angeschlossen wurden. Nicht zuletzt machte dies die neue Autonome Provinz Bozen-Südtirol möglich. Wie schon vorher andere Gemeinden Südtirols erlebt jetzt auch Wengen starkes Wachstum. In den 1950er Jahren bestand der Hauptort noch aus der Kirche, dem Haus des Messners, einem Wohnhaus und einem Gasthaus. Eine Ausdehnung erschien auch schwierig, weil talabwärts und bergaufwärts das Gelände wieder rasch steil wurde. Doch in den 1960er Jahren entstand am Abhang ein zweites Gasthaus, das inzwischen schon oft umgebaut und erweitert worden ist. Dies war nur der Anfang. Seitdem ist unterhalb und oberhalb von Wengen eine (noch) kleine Siedlung entstanden mit einigen Geschäften, zahlreichen Pensionen und Wohnhäusern. Eine Zersiedelung des Tales konnte bis jetzt aber vermieden werden.

Auch Wengen steht jetzt vor der Schwierigkeit, wie die alte gewachsene Kultur bewahrt bleiben kann. Die alten Bauernhäuser genügen nicht mehr modernen Anforderungen, sie werden verlassen, einige teuer und gelungen modernisiert, manche einfach abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Zum Teil werden neue Häuser in Anlehnung an ladinische Stilelemente errichtet, billigere Häuser werden einfach im „Tiroler Stil“ errichtet.

Pläne, Wengen dem Skisport zu erschließen, wurden nicht verwirklicht, auch aus Sorge um die Tradition. Trotzdem sind im Winter mehr Gäste in Wengen als im Sommer. Ein Shuttle-Bus befördert die Touristen in die nahen Skigebiete.

Rumestluns[Bearbeiten]

Bad Rumestluns auf Altarbild in Kapelle (im Vordergrund)

Im neunzehnten Jahrhundert war Wengen mit seinem Heilbad (Al Bagn) in Rumestluns („Rumschlungs“, Bad Rumustluns, 1412 m s.l.m.) überregional bekannt. Rumestluns liegt südlich des Wengenbaches etwas schattig an der Mündung des von der Armentara kommenden Baches „Rü da la Gana“ (Bach zur wilden Frau) in den Wengenbach. Das Heilbad war ein Schwefelbad mit radioaktivem Wasser (3,1 Mache-Einheiten). Es soll gegen zahlreiche Krankheiten wie Geschlechtskrankheiten, Skorbut und skrofulöse Geschwülste geholfen und gegen Rheuma, Rotlauf und Podagra vorgebeugt haben.

Als bekanntester Gast gilt Max Planck. Auf alten Fotos im Burgmuseum in Sankt Martin in Thurn sind englische Touristen mit einheimischen Fremdenführern in Rumestluns abgebildet. Das alte Bad wurde 1978 durch einen Neubau ersetzt und wird inzwischen nur noch als Gasthof betrieben. Die Quelle (Kieselsäure, Schwefelsäure, Schwefelwasserstoff und andere Stoffe) gilt als zu unergiebig oder die medizinischen Auflagen sind zu streng und damit zu teuer geworden, um einen Betrieb zu rentieren.

Max Planck war Gast in Rumestluns

Wirtschaft[Bearbeiten]

Neben der Landwirtschaft ist der Fremdenverkehr Hauptwirtschaftszweig. Im etwas sonnenarmen Talort Pederoa ist an der Gadertalstraße ein kleines Industriegebiet entstanden mit (kunst-)handwerklichen Betrieben.

Religiöse Monumente und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Kirchlicher Feiertag

Die bedeutendsten kirchlichen Gebäude sind die Pfarrkirche Hl. Jenesius, die alte Kirche, von der noch in Alt-Wengen der Turm steht, und die Barbarakapelle, die zum Wahrzeichen des Ortes geworden ist.

Daneben gibt es weitere Kapellen in Rumestluns, in Pederoa, in Aiarei und eine neuere in Ćiampëi über dem Gadertal.

Schließlich gibt es kleine Wegekapellen bei Runch und Tolpei, auch die Prozessionsstationen um den Hauptort könnte man dazu zählen.

Zahlreich sind die Wegekreuze, die früher Wegegabelungen und gefährliche Stellen markierten oder als Orientierungshilfe dienten.

Bemerkenswert sind schließlich kleine Heiligtümer, die wohl noch auf heidnische Zeiten zurückgehen. Zwischen Baumwurzeln oder in kleinen Steinhöhlen finden sich noch gelegentlich kleine Madonnenaltäre. Unterhalb des Neuners im Gebiet des Naturparks Fanes-Sennes-Prags wurde an einem Felsblock auf einer einsamen Lichtung jüngst eine bronzene Tafel zu Ehren des heiligen Hubertus angebracht.


Ortsbezeichnungen[Bearbeiten]

Ladinische Inschrift im Gasthof Pider: Ein Schluck von gutem Wein - macht das Herz leichter sein - aber mit Maß - sagt die Schrift.

Neben den ladinischen Ortsbezeichnungen gibt es deutsche oder deutsch ausgesprochene ladinische Namen sowie italienische Ortsbezeichnungen.

Die Aussprache des Ladinischen folgt den Gepflogenheiten romanischer Sprachen, also Cians heißt Tschans und nicht "Zieans", Spëscia heißt Spescha ("Spessa"), j ist ein stimmhaftes "sch".

Einen Hinweis geben auch die einheimischen Familiennamen wie Colz, Comploier, Frenes, Miribung, Tavella mit den ladinischen Ortsnamen Côz, Frëines, Miribun, Taéla.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Viele Einwohner verdienen ihren Lebensunterhalt im Tourismus und mit dem (Kunst-)Handwerk. Auch die Landwirtschaft spielt eine wirtschaftliche Rolle.

Künstler[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Stefania A. Pitscheider: Die sakrale Kunst in La Val/Wengen. Pluristamp, Bozen 2003.
  • Rudolf Schwindl: Die Eisenbergwerke und die Eisenhüttenwerke des Bischofs von Brixen in Buchenstein und im Gadertal. Istitut Ladin Micurà de Rü
  • Karl Felix Wolff: Dolomitensagen. Sagen und Überlieferungen, Märchen und Erzählungen der ladinischen und deutschen Dolomitenbewohner. Mit zwei Exkursen Berner Klause und Gardasee. Unveränderter Nachdruck der 1989 in der Verlagsanstalt Tyrolia erschienenen sechzehnten Auflage. Verlagsanstalt Athesia Bozen 2003 [1913]. ISBN 88-8266-216-0 S. 462ff. werden Wengen und die Wengener erwähnt.

Tondokumente[Bearbeiten]

Kirchturmuhr

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wengen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien