Jürgen Möllemann

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Jürgen Möllemann, 2002

Jürgen Wilhelm Möllemann (* 15. Juli 1945 in Augsburg; † 5. Juni 2003 in Marl-Loemühle) war ein deutscher Politiker (FDP). Unter Bundeskanzler Helmut Kohl war er von 1987 bis 1991 Bundesminister für Bildung, von 1991 bis 1993 Bundesminister für Wirtschaft und ab Mai 1992 zudem Vizekanzler. Im Januar 1993 schied er im Zuge der Briefbogen-Affäre aus der Bundesregierung aus. Nach einem Comeback in Nordrhein-Westfalen 2000 geriet er durch einige Interviewaussagen, ein nicht von der FDP autorisiertes Wahlkampf-Flugblatt und irreguläre Finanzpraktiken erneut in die Kritik, verlor seine Parteiämter und sah einem Strafverfahren entgegen. Möllemann starb 2003 bei einem Fallschirmsprung.

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Jürgen Möllemann wuchs am linken unteren Niederrhein in Appeldorn, heute ein Ortsteil von Kalkar, auf. Er war Schüler am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium (Kleve), wechselte dann aber zum Amplonius-Gymnasium in Rheinberg. Nach dem Abitur 1965 leistete er seinen Wehrdienst als Reserveoffizieranwärter im Fallschirmjägerbataillon 263 in Zweibrücken und Bad Bergzabern ab, nach mehreren Wehrübungen wurde er zum Oberleutnant der Reserve befördert. Ab 1966 studierte er an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Münster Deutsch, Geschichte und Sport und schloss das Studium 1969 mit dem ersten und 1971 mit dem zweiten Staatsexamen für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen ab. 1978 war er für den Flick-Konzern tätig. Ab 1993 war Möllemann Inhaber der Firma WEB/TEC – Wirtschafts- und Exportberatung.

Familie und Sport[Bearbeiten]

Möllemann war in zweiter Ehe verheiratet mit Carola Möllemann-Appelhoff (*1949). Sie war von 1979 bis 1994 FDP-Ratsmitglied in Münster und führt seit 1999 die Münsteraner FDP-Ratsfraktion. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor; aus erster Ehe hatte Möllemann eine weitere Tochter.

Ab 1989 war er Mitglied des Verwaltungsrates des Fußballklubs FC Schalke 04, der 1994 nach einer Satzungsänderung in Aufsichtsrat umbenannt wurde. Von 1993 bis 1995 und von 1998 bis 2001 war er Vorsitzender dieses Gremiums.[1]

Parteipolitische Ämter[Bearbeiten]

Von 1962 bis 1969 war Möllemann Mitglied der CDU. Von 1970 bis zu seinem Austritt am 17. März 2003 war er Mitglied der FDP. Von 1975 bis 1982 gehörte Möllemann zum Landesvorstand der FDP Nordrhein-Westfalens. Von 1982 bis 1983 war er dort zunächst stellvertretender Vorsitzender, von 1983 bis 1994 Landesvorsitzender. Von diesem Amt trat Möllemann 1994 wegen Differenzen mit dem damaligen FDP-Bundesvorsitzenden und Außenminister Klaus Kinkel zurück. Von April 1996 bis Oktober 2002 war er erneut FDP-Landesvorsitzender. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2000 gelang der FDP unter seiner Führung nach fünf Jahren Abwesenheit mit einem Ergebnis von 9,8 Prozent der Stimmen der Wiedereinzug in den Landtag. Im März 2003 schied er aus der FDP-Landtagsfraktion aus.

Auf einem FDP-Parteitag 1980 mit seinem Mentor Hans-Dietrich Genscher (links)

Von 1972 bis 2000 war Möllemann außerdem Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1981 bis 1997 sowie von Mai 1999 bis März 2002 war er Mitglied im FDP-Bundespräsidium. Von Mai 2001 bis September 2002 war er stellvertretender Bundesvorsitzender. Von Oktober 2002 bis zu seinem Ausschluss im Februar 2003 gehörte er erneut der FDP-Bundestagsfraktion an, nachdem er über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Bundestag eingezogen war.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Nach dem Regierungswechsel im Oktober 1982 wurde Möllemann zum Staatsminister im von Hans-Dietrich Genscher geleiteten Auswärtigen Amt ernannt. Nach der Bundestagswahl 1987 wurde er am 12. März 1987 als Bundesminister für Bildung und Wissenschaft in die von Bundeskanzler Helmut Kohl geführte Bundesregierung berufen. Er war Minister im Kabinett Kohl III und Kabinett Kohl IV.

Nach der Bundestagswahl 1990 übernahm er am 18. Januar 1991 das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Nach dem Rücktritt von Hans-Dietrich Genscher wurde er am 18. Mai 1992 zum Stellvertreter des Bundeskanzlers ernannt. Nach der sogenannten Briefbogen-Affäre schied er am 21. Januar 1993 aus dem Kabinett aus.

Vom 2. Juni 2000 bis zu seinem Tod war er Abgeordneter im Nordrhein-Westfälischen Landtag.[2]

Affären[Bearbeiten]

Briefbogenaffäre[Bearbeiten]

Die politische Karriere Möllemanns war von Höhepunkten und schweren Niederlagen gekennzeichnet. Möllemann verstand es, Themen zu positionieren, zu polarisieren, die Medien für sich zu nutzen und die Menschen zu begeistern, aber auch abzustoßen.

Neben zahlreichen Erfolgen und Anerkennungen, beispielsweise als Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, gab es einige politische Skandale. Vom Amt des Bundesministers für Wirtschaft musste er im Januar 1993 zurücktreten, da er dessen offizielles Briefpapier verwendet hatte, um in einem Brief für die Geschäftsidee eines Vetters seiner Ehefrau zu werben. Dies wurde als Briefbogen-Affäre bekannt.

Bei einem Wahlkampfauftritt 2002

Erzwungener Rücktritt und Comeback[Bearbeiten]

1994 sprach Möllemann von einem Comeback als Minister, worauf Kinkel öffentlich nicht reagierte. Jedoch trat der komplette NRW-Landesvorstand der FDP zurück, um auch den Vorsitzenden Möllemann zum Rücktritt zu zwingen.[3]

Bereits zwei Jahre später war er wieder im Amt des NRW-Landesvorsitzenden und führte die Landespartei im Wahlkampf 2000 zu einem ungewöhnlichen Erfolg: Die FDP, die fünf Jahre nicht im Düsseldorfer Landtag vertreten war, wurde dank seiner Wahlkampfstrategie mit 9,8 Prozent Stimmenanteil in den Landtag NRW zurückgewählt. Möllemann war gemeinsam mit dem früheren FDP-Bundesgeschäftsführer Fritz Goergen Initiator der Strategie 18, die von der Bundespartei im Mai 2001 angenommen wurde.

Die Ortsvorsitzende der FDP Berlin-Dahlem, Susanne Thaler, erklärte auf einer Demonstration im Juni 2002 ihren Austritt aus der Partei und warf Möllemann einen „tief verinnerlichten Nazirassismus“ vor. Es klinge „weit hergeholt“, aber ihr wüchsen „mittlerweile auch Zweifel, ob das Ziel ‚18 Prozent‘ nicht mit tieferem Sinn gewählt“ worden sei. Die 18 stehe unter Neonazis für die Initialen Adolf Hitlers, also für „A“ als den ersten und „H“ als den achten Buchstaben des lateinischen Alphabets.[4]

Die Möllemann-Affäre 2002/2003[Bearbeiten]

Möllemann war von 1981 bis 1991 sowie 1993 und erneut seit 1995 Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. In dieser Eigenschaft äußerte er sich öfter zum Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina.

Im Frühjahr 2002 übte Möllemann scharfe Kritik am Vorgehen Israels gegenüber den Palästinensern und äußerte Verständnis für Selbstmordattentate, die er als Form des Widerstands gegen eine völkerrechtswidrige Besetzung legitimierte. Damit stellte er sich hinter Jamal Karsli, der damals Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen war. Karsli hatte von einem „Vernichtungskrieg“ des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon gegen die Palästinenser, von „Nazi-Methoden“ Israels und von einer „zionistischen Lobby“ in Deutschland gesprochen, die eine kritische Diskussion über Israels Politik verhindere.[5] Nachdem der Bundesvorstand der Grünen sich von diesen Aussagen distanziert hatte, trat Karsli aus der Partei aus. Er wurde auf Initiative Möllemanns in die FDP-Fraktion Nordrhein-Westfalens aufgenommen.

Dagegen protestierten der Zentralrat der Juden in Deutschland (ZdJ) und einige prominente FDP-Mitglieder wie Hildegard Hamm-Brücher, die Karslis Wortwahl tendenziell als antisemitisch bewerteten.[6] Auf entsprechende Kritik von Michel Friedman, dem damaligen ZdJ-Vizepräsidenten, reagierte Möllemann am 16. Mai 2002 im heute journal wie folgt:

„Wer Ariel Scharon kritisiert, wird von bestimmten Leuten in Deutschland in die Ecke des Antisemitismus gestellt. Das verbitte ich mir auf das Schärfste. Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art. Überheblich. Das geht so nicht, man muss in Deutschland Kritik an der Politik Scharons üben dürfen, ohne in diese Ecke geschoben zu werden.“[7]

ZdJ-Präsident Paul Spiegel warf Möllemann daraufhin vor, er bestätige damit „jahrhundertealte antisemitische Klischees“, und zwar „die Ansicht von Antisemiten, dass Juden, durch ihre bloße Existenz oder Äußerungen selbst für den Antisemitismus verantwortlich sind“.[8] Bundeskanzler Gerhard Schröder forderte die FDP dazu auf, sich von den Angriffen Möllemanns gegen die israelische Regierung zu distanzieren. Auch weitere Politiker von SPD und Grünen kritisierten Möllemanns Aussagen.[9] Am 31. Mai bedauerte der FDP-Bundesvorstand in einer Berliner Erklärung, „dass durch Äußerungen von Jürgen W. Möllemann Anlass für Missverständnisse entstanden ist“, und wies den „Vorwurf des Antisemitismus gegen die FDP als ganzes oder gegen einzelne Führungsmitglieder der FDP“ als „ehrverletzend und unberechtigt“ zurück.[10] Nach weiteren Antisemitismus-Vorwürfen gegen Karsli forderte der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle Möllemann ultimativ auf, Karslis Mitgliedschaft in der FDP-Fraktion zu beenden.[11]

Am 6. Juni 2002 gab Möllemann im Düsseldorfer Landtag den Austritt Karslis aus der FDP-Landtagsfraktion bekannt und erklärte: „Sollte ich die Empfindungen jüdischer Menschen verletzt haben, möchte ich mich entschuldigen.“[12] Daraufhin solidarisierte sich Westerwelle demonstrativ mit Möllemann. Kurz danach nahm dieser jedoch Friedman ausdrücklich von seiner Entschuldigung aus.[13]

Am 17. September 2002, fünf Tage vor der anstehenden Bundestagswahl, ließ Möllemann ohne Rücksprache mit dem Parteivorstand ein Faltblatt in einer Auflage von über acht Millionen Stück drucken und an alle Haushalte in Nordrhein-Westfalen verteilen. Unter der Überschrift „Klartext“ stellte es Ariel Scharon und Michel Friedman mit Portraitfotos dar und griff sie im Begleittext an.[14] Diese Aktion Möllemanns und die Aussagen des Faltblatts wurden von Vertretern aller im Bundestag vertretenen Parteien abgelehnt.[15] Auch die meisten FDP-Landesverbände distanzierten sich von seinem Flugblatt und betonten, dieses sei kein offizielles Werbematerial der Partei gewesen.

Das schwache Wahlergebnis der FDP (7,4 Prozent) lastete der FDP-Bundesvorstand Möllemann an und forderte ihn noch am Wahlabend zum Rücktritt vom stellvertretenden Parteivorsitz auf. Am Folgetag trat er mit der Begründung zurück, er wolle der FDP eine „Zerreißprobe“ ersparen. Einen für den 10. Oktober 2002 angesetzten Sonderparteitag seines Landesverbandes, der auch die Finanzierung seines Faltblatts behandeln sollte, ließ er mit der Begründung verschieben, er habe einen Schwächeanfall erlitten. Der FDP-Bundesvorstand beauftragte Günther Rexrodt, die Finanzierung zu prüfen; dieser fand Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Verstöße Möllemanns gegen das Parteiengesetz. Daraufhin rückte auch der NRW-Landesverband von ihm ab und wollte ihn zur „Aufgabe aller politischen Ämter“ auffordern. Dem kam Möllemann zuvor, indem er am 20. Oktober 2002 seinen Rücktritt vom Vorsitz der Landespartei und Landtagsfraktion erklärte.[16]

Bekannt geworden war bis dahin, dass Möllemann am 12. September der Post 838.000 Euro für die Postwurfsendung des Faltblatts von einem Konto seiner Firma Webtec aus überwiesen hatte. Dann aber hatte er die Post gebeten, das Geld zurück zu überweisen und später von einem anderen Konto abzubuchen. Am 20. September hatte er ein Sonderkonto des FDP-Landesverbands eingerichtet, auf dem bis zum 11. Oktober 145 Einzelspenden zwischen 1000 und 8000 Euro, insgesamt 840.000 Euro, eingegangen waren. Die kurzfristige Neueröffnung und nachträglichen Spendeneingänge erregten den Verdacht einer Straftat: Das Zerlegen von Spenden in Teilbeträge und deren Verbuchung, um die Herkunft zu verschleiern, war seit Juli 2002 mit bis zu drei Jahren Gefängnis strafbar. Der FDP-Bundesvorstand stellte Möllemann, der sich auf Gran Canaria aufhielt, ein Ultimatum, die Herkunft der Spenden zu nennen. Nachdem der Vorstand rechtliche Schritte eingeleitet hatte, um diese Auskunft zu erzwingen, teilte Möllemann am 20. November mit, er habe Druck und Vertriebskosten des Faltblatts in Höhe von 980.000 Euro aus eigenen Mitteln bezahlt und die Summen dafür gestückelt, um nicht als Großspender in Erscheinung zu treten.[17]

Weitere Prüfungen Rexrodts vom 28. Oktober bis 27. November 2002 ergaben, dass der Landesverband NRW unter Möllemann die Herkunft weiterer erheblicher Summen über Jahre hinweg mittels Schwarzkonten, gefälschten Quittungen, Dankesschreiben und fehlerhaften Rechenschaftsberichten verschleiert hatte. Seit November 2002 ermittelten zudem mehrere Staatsanwaltschaften gegen „Unbekannt“ wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Parteiengesetz, Untreue und Betrug. Dies nahm der FDP-Bundesvorstand zum Anlass, Möllemann zum Austritt aus der FDP aufzufordern, stellte ihm ein Ultimatum dafür bis 2. Dezember 2002 und drohte ihm andernfalls ein Parteiausschlussverfahren an. Westerwelle warf ihm vor, er habe die FDP in eine rechtspopulistische Partei verwandeln wollen. Daraufhin drohte Möllemann in einem Interview mit der Neugründung einer Partei, die den „Tod der FDP“ bedeuten würde. Er ließ das Ultimatum verstreichen und meldete sich vor zwei Anhörungen des Bundesvorstands kurzfristig krank. Ein Antrag vom 4. Februar 2003 in der NRW-FDP, ihn aus dem Landesverband auszuschließen, erhielt keine Mehrheit. Eine Rückgabe seines Bundestagsmandats kündigte er am 8. Februar an, reichte sie aber nicht offiziell ein. Am 11. Februar beschloss die Bundestagsfraktion der FDP mit 39 von 45 Stimmen, ihn auszuschließen. Im März erschien Möllemanns Buch „Klartext“, das Westerwelle und andere FDP-Prominente als Selbstdarsteller und Karrieristen darstellte. Am 17. März trat er von sich aus aus der Partei aus, behielt aber entgegen mehrfacher Ankündigung sein Bundestagsmandat. Damit verlor er die restlichen Sympathien in der FDP.[18]

Tod[Bearbeiten]

Am 5. Juni 2003 vormittags hob der Bundestag Möllemanns Immunität wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung sowie des Verstoßes gegen das Parteiengesetz auf. Daraufhin durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft im Rahmen von Ermittlungen gegen ihn Liegenschaften und Geschäftsräume in verschiedenen Bundesländern, darunter auch sein Privathaus.

Möllemann war ein leidenschaftlicher Fallschirmspringer und hatte seine Absprünge häufig auch für Wahlkampfauftritte in Szene gesetzt. Weniger als 30 Minuten nach Aufhebung seiner Immunität sprang er bei Marl-Loemühle mit dem Fallschirm ab und öffnete nach der Freifallphase den Hauptschirm, trennte diesen dann aber ab. Den Reserveschirm öffnete er nicht, was zum ungebremsten Aufschlag auf einem Feld nahe dem Flugplatz Marl-Loemühle führte. Er starb an den schweren Aufprallverletzungen. Wie spätere Untersuchungen ergaben, war der mitgeführte Öffnungsautomat, der den Reservefallschirm automatisch ausgelöst hätte, nicht eingeschaltet gewesen.

Die mit Möllemann in derselben Absetzmaschine gestarteten Springer bezeugten: Sie hätten ihn gefragt, ob er sich an einer Freifallformation, einem so genannten „Sechser-Stern“, beteiligen würde. Er habe erklärt, er wolle einen „Einzelstern“ (scherzhaft für Solosprung) springen. An der sonst üblichen gegenseitigen Kontrolle des Öffnungsautomaten habe er sich nicht beteiligt, weil er ein Glas Wasser holen wollte.[19] Die Ermittlungen im Strafverfahren gegen ihn wurden eingestellt. Er wurde auf dem Zentralfriedhof im westfälischen Münster bestattet.

Möllemanns Tod wurde von der Staatsanwaltschaft Essen untersucht. Aussagen einiger seiner Freunde führten zu Spekulationen, er sei möglicherweise ermordet worden.[20] 2007 veröffentlichte die Staatsanwaltschaft private Filmaufnahmen eines Fallschirmspringers, die Möllemanns letzten Sprung zeigten.[19] Ihr am 9. Juli 2007 vorgelegter Abschlussbericht schloss Fremdverschulden als Todesursache aus. Es konnte aber nicht abschließend geklärt werden, ob es sich um einen Unfall oder um Suizid gehandelt hatte.[21]

Möllemann hatte seinem Parteifreund Wolfgang Kubicki im April 2003 einen Brief übergeben, den Kubicki nur öffnen sollte, „falls ihm etwas passiert sei“. Nach Kubickis Angaben enthielt der Brief keine Angaben zu den Motiven des Todessprungs.[22]

Nachwirkungen[Bearbeiten]

Im Juli 2009 hat der Präsident des Deutschen Bundestages gegen die FDP Sanktionen und Rückzahlungsverpflichtungen wegen Verstößen gegen das Parteiengesetz, die im Landesverband der FDP durch Möllemann begangen worden waren, in Höhe von insgesamt 3.463.148,79 Euro festgesetzt; hierin berücksicht waren bereits 873.500 Euro, die die FDP schon im Jahr 2002 vorsorglich bei der Bundestagsverwaltung hinterlegt hatte.[23] Nachdem die FDP gegen den Strafbescheid Klage erhoben hatte, bestätigte die Zweite Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts diese Entscheidung am 8. Dezember 2009.[24] Die von der FDP beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg angestrebte Revision des Urteils scheiterte im November 2011.[25] Ende April 2013 entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig über die Fälligkeit von mindestens zwei Millionen Euro. Über den Rest (ca. 1,4 Millionen Euro) wurde die Angelegenheit mangels ausreichender Tatsachenfeststellungen an das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zurückverwiesen.[26]

Medienberichte brachten Möllemanns Firma WebTec mit Waffengeschäften im arabischen Raum in Verbindung. Anfang April 2004 berichtete die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf einen internen Aktenvermerk des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen, dass das Unternehmen vorwiegend Geschäfte mit Briefkastenfirmen in Liechtenstein und Monaco gemacht habe.

Im Dezember 2004 wurde ein Insolvenzverfahren über seinen Nachlass eröffnet, das erst im Jahre 2008 mit offenen Verbindlichkeiten in Höhe von etwa 3 Millionen Euro abgeschlossen wurde. Durch die Steuerschulden aufgrund nicht ordentlich gemeldeter Parteispenden gilt das Finanzamt als Hauptgläubiger.[27]

Ehrungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jürgen Möllemann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Schalke04, 5. Juni 2003: Der FC Schalke 04 trauert um sein Aufsichtsratsmitglied Jürgen Möllemann
  2. Jürgen Möllemann beim Landtag Nordrhein-Westfalen
  3. Die Zeit 44/1994: Möllemann zum Rücktritt gezwungen, Kinkel ohne Konkurrenz: Aber was will die FDP? Eine Partei ohne Richtung
  4. Der Spiegel, 6. Juli 2002: Opposition gegen Möllemann: „FDP – Für Deutschland peinlich“
  5. Der Spiegel, 16. Mai 2002: Umstrittener Neu-Liberaler Karsli: „Ich bin kein Antisemit!“
  6. Hildegard Hamm-Brücher (Der Spiegel, 13. Mai 2002): Ich schäme mich.; Der Spiegel, 17. Mai 2002: Antisemitismus-Debatte in der FDP: Möllemann verteidigt Aufnahme von Karsli.
  7. Der Spiegel, 5. Juni 2002: Möllemann-Affäre: Die Zitate, die die Republik bewegen.
  8. Zentralrat der Juden in Deutschland, 22. Mai 2002: Möllemanns und Westerwelles unerträgliche Angriffe gegen Friedman.
  9. n-tv, 17. Mai 2002: Möllemann in der Kritik: Schröder fordert klare Distanz.
  10. Liberale.de, 31. Mai 2002: Die Berliner Erklärung der FDP (PDF)
  11. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2002: Dokumentation: „Geisteshaltung, die in der liberalen Familie nichts zu suchen hat“.
  12. Der Spiegel, 6. Juni 2002: Antisemitismus-Debatte: Karsli aus FDP-Fraktion ausgetreten – Möllemann entschuldigt sich.
  13. FAZ, 6. Juni 2002: Antisemitismusstreit: Westerwelle trifft Spiegel / Möllemann streitet weiter mit Friedman.; Der Spiegel, 6. Juni 2002: Kein Pardon: Möllemann verschärft Fehde mit Friedman.
  14. Reproduktion des Flugblatts
  15. Der Spiegel, 17. September 2002: Heiße Wahlkampfphase: Möllemann stänkert wieder gegen Friedman.
  16. Udo Leuschner: Die Geschichte der FDP. Monsenstein und Vannerdat, 2005, ISBN 3865821669, S. 317
  17. Udo Leuschner: Die Geschichte der FDP. 2005, S. 318f.
  18. Udo Leuschner: Die Geschichte der FDP. 2005, S. 319f.; FAZ, 17. März 2003: Möllemann: Deshalb erkläre ich meinen Austritt aus der FDP.
  19. a b Spiegel-Online: „Amateurvideo von Möllemanns Todessturz aufgetaucht“, vom 29. Juni 2007.
  20. Artikel im Tagesspiegel über Spekulationen zu Möllemanns Tod
  21. „Ermittler: Keine neuen Erkenntnisse durch Möllemann-Video“ Hamburger Morgenpost vom 29. Juni 2007; Netzeitung: Möllemanns Tod bleibt unaufgeklärt
  22. Jens Bauszus (Focus, 5. Juni 2013): Zehn Jahre nach Selbstmord: Die fünf großen Rätsel im Fall Jürgen W. Möllemann
  23. Focus, 2. Juli 2009: Möllemann-Spendenaffäre: Millionenstrafe für die FDP.; Die Zeit, 2. Juli 2009: Spendenskandal: Möllemann-Affäre kostet FDP Millionen.
  24. FAZ, 8. Dezember 2009: Rechtswidrige Spenden: Gericht bestätigt Millionenstrafe für die FDP.; Berlin.de, 8. Dezember 2009: FDP muss Strafzahlungen wegen Möllemann-Spenden leisten (Nr. 46/ 2009)
  25. Der Spiegel, 28. November 2011: Möllemann-Affäre: Gericht bestätigt Millionenstrafe gegen FDP.
  26. Süddeutsche Zeitung (SZ), 25. April 2013: Möllemann-Affäre FDP muss mindestens zwei Millionen Euro zahlen.; BVerwG, 25. April 2013: Klage der FDP gegen Sanktionsbescheid wegen "Möllemann-Spenden" teilweise erfolglos und im Übrigen weiter offen
  27. Artikel in der Süddeutschen Zeitung zum Abschluß des Insolvenzverfahrens Möllemanns