Tscherkessen
Die Tscherkessen sind ein kaukasisches Volk. Sie sind eines der namensgebenden Völker der Teilrepubliken im Staatsverband Russlands Adygeja, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien. In Europa ist das Volk unter dem Namen „Tscherkessen“ bekannt; sie selbst nennen sich „adyge“.
Nach der russischen Volkszählung 2010 leben in Russland rund 719.000 Tscherkessen. Die große Mehrheit der Tscherkessen oder der Menschen tscherkessischer Herkunft lebt aber seit dem 19. Jahrhundert in der Diaspora in Staaten des Nahen Ostens und des Balkans, von denen einige in jüngerer Zeit auch in weitere Länder auswanderten. Die größte Gruppe bilden die Tscherkessen in der Türkei, gefolgt von Minderheiten in Syrien, Jordanien, im Irak und kleineren Gruppen in Ägypten, Libyen, Israel, dem Kosovo und Südserbien. Sie werden auf fast drei bis über vier Millionen Menschen geschätzt. Von ihnen spricht nur noch eine Minderheit tscherkessische Dialekte.
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[Bearbeiten] Namensherkunft
Die Herkunft der Fremdbezeichnung „Tscherkessen“ oder englisch „Circassians“ ist unbekannt und umstritten. Sie taucht im 13./14. Jahrhundert etwa zeitgleich in den Quellen als türkisch Çerkez, persisch چرکس tscharkas und bei Kaufleuten aus Genua, die zu dieser Zeit durch die Genueser Kolonien im Schwarzmeergebiet Kontakte unterhielten, als italienisch Ci(a)rcassi oder lateinisch Ci(a)rcassiani auf, woraus sich fast alle Bezeichnungen der Tscherkessen in europäischen und orientalischen Sprachen entwickelten. Nach einer umstrittenen Hypothese geht sie vielleicht auf die vorherige Fremdbezeichnung kaschag, russisch kassog, kerket oder lateinisch Cercetae zurück, eventuell vermittelt von der ossetischen Sprache.[1]
Ebenso umstritten ist die Herkunft der Selbstbezeichnung „adyge“ und „adygei“. Eine ältere Etymologie aus dem 19. Jahrhundert, nach der sie sich von tscherkessisch „attéghéi“ ableiten soll, wobei „atté“ Gebirgsbewohner und „ghéi“ Meeresbewohner (Küstenbewohner) bedeutet[2], gilt heute vielen Forschern aufgrund der Lautstruktur des Tscherkessischen und seiner späten Überlieferung seit dem 19. Jahrhundert als fraglich.
[Bearbeiten] Sprache
Die tscherkessischen Sprachen bestehen aus zwei verschriftlichten Sprachen, die manchmal auch als Dialekte bezeichnet werden, dem West-Tscherkessischen (Adygeisch) und Ost-Tscherkessischen (Kabardinisch). Man hegt die Vermutung, dass sich das Ost-Tscherkessische im 13. bis 14. Jahrhundert von der gemeinsamen tscherkessischen Sprache getrennt hat. Gemeinsam mit der abchasischen, abasinischen und ubychischen Sprache gehören sie zur Adyge-abchasischen Sprachfamilie.
Das West-Tscherkessische ist in der Autonomen Republik Adygeja die offizielle Sprache. Das Ost-Tscherkessische wiederum in Kabardino-Balkarien und in Karatschai-Tscherkessien.
Da das Ost-Tscherkessische weniger Laute als das West-Tscherkessisch besitzt, ist es für den ost-tscherkessisch Sprechenden schwieriger, das West-Tscherkessische zu verstehen, als umgekehrt. Nach ihrer Sprache befragt, geben alle die Antwort, Adygejisch zu sprechen. Daher erscheint es oft irreführend, die tscherkessische Sprache in Adygejisch und Kabardinisch zu unterteilen. Die Unterteilung in West-Tscherkessisch (Adygejisch) und Ost-Tscherkessisch (Kabardinisch) ist sinnvoller, jedoch nicht gebräuchlich, da sie bei den Tscherkessen selbst nicht so vorgenommen wird.
Die Tscherkessen besitzen keine eigene Schrift. Mit der Islamisierung war ihre Schriftsprache Arabisch. Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich des lateinischen Alphabets. Seit 1937/38 wird das kyrillische Alphabet mit einigen Ergänzungen benutzt. Bis heute gibt es kein einheitliches Alphabet der Tscherkessen. Man bedient sich zweier verschiedener Alphabete: das des West-Tscherkessischen, welches hauptsächlich auf dem temirgojischen Dialekt aufgebaut ist, und das des Ost-Tscherkessischen, dem kabardinischen Dialekt.
Einer der zwölf Tscherkessenstämme (siehe unten), die Ubychen, sprachen die Ubychische Sprache, die nach Dokumentationen mehrerer Sprachwissenschaftler, u.a. Adolf Dirr und Georges Dumézil, weder mit dem abchasisch-abasinischen Zweig, noch mit dem tscherkessischen (kabardinisch-adygeischen) Zweig verständlich war und somit einen dritten Zweig der Nordwestkaukasischen Sprachfamilie bildete, wenn auch die Ubychen sich immer als Teilstamm der Tscherkessen sahen. Die Ubychen emigrierten im 19. Jh. alle ins Osmanische Reich, wo ihre Sprachkenntnisse verschwanden und die Sprache ausstarb. Dumézil forschte mit dem letzten Muttersprachler Tevfik Esenç. Es gibt inzwischen Versuche, die Sprache wieder zu etablieren.
[Bearbeiten] Siedlungsgebiet
Das Siedlungsgebiet reichte einst bis ans Asowsche Meer und umfasste die Steppen des heutigen südlichen Russland. Durch Kriege und Völkerwanderungen wurden die Tscherkessen immer weiter nach Süden zurückgedrängt. Im 18. Jahrhundert bildete der Fluss Kuban die nördlichste Grenze ihres Siedlungsgebietes. Dieses erstreckte sich über die Ostküste des Schwarzen Meeres, den mittleren Kuban, den unteren Kuban, das Westufer des Terek-Flusses und den Großteil der Kabardei bis zur heutigen Stadt Mosdok in Nordossetien. Im 19. Jahrhundert, nach Ende der russisch-kaukasischen Kriege, wurden etwa 500.000 Nordkaukasier in das damalige Osmanische Reich zwangsumgesiedelt. Diese Ereignisse wurden durch das Parlament Georgiens einstimmig als Genozid eingestuft.[3] In das Gebiet der Tscherkessen wurden zumeist christliche russische Bauern aus dem Landesinneren des Russischen Reiches angesiedelt.[4]
Heute lebt die Mehrheit der Tscherkessen außerhalb des Kaukasus: in der Türkei etwa 2 Millionen[5], in Syrien 100.000, in Jordanien 65.000, in Israel 4000 sowie in der EU 40.000 und in den USA 9000. Es gibt auch Tscherkessenstämme im Kosovo (in der Stadt Obiliq) und in Südserbien. Die Assimilierung spielt eine bedeutende Rolle und entfernt die Tscherkessen mehrheitlich von ihrer eigenen Kultur. Die Folgen sind, dass die Kinder oft kein Tscherkessisch mehr sprechen.*[6]
Im Kaukasus ist eine Minderheit verblieben, die in drei autonomen Republiken lebt. In Adygeja waren von 440.000 Einwohnern bei der Volkszählung 2010 in Russland 107.048 Tscherkessen, die in Russland „Adygejer“ genannt werden, 25,2 % der Einwohner dieser Republik.[7] In der Autonomen Republik Karatschai-Tscherkessien sind von etwa 478.000 Einwohnern 56.466 Tscherkessen (11,9 %), die in Russland auch offiziell so genannt werden [8]. In der Autonomen Republik Kabardino-Balkarien sind von 860.000 Einwohnern etwa 490.453 Tscherkessen (57,2 %),[9] die in Russland offiziell als „Kabardiner“ bezeichnet werden. Weitere etwa 17.500 Tscherkessen leben als „Adygejer“ oder „Schapsugen“ in der Region Krasnodar, besonders in der Umgebung der Stadt Tuapse an der Schwarzmeerküste[10]. Bis auf Kabardino-Balkarien sind die Tscherkessen in ihrer heutigen Heimat Minderheiten. Natürlich entsprechen sie nicht dem vollständigen, ursprünglichen Siedlungsgebiet der Tscherkessen. Die verschiedene Namensgebung der jeweiligen Republiken erweckt oft den Anschein, dass es sich bei den begriffen Adygejer, Tscherkessen, Kabardiner und Schapsugen um verschiedene Völker handelt. Alle Begriffe bezeichnen im Grunde die Tscherkessen. Der Begriff „Tscherkessen“ wird häufig in Europa benutzt. Die Tscherkessen selbst nennen sich „Adyge“ und die Kabardiner und Schapsugen sind ein Stamm der Adyge und somit auch Tscherkessen oder Adygejer. In ganz Russland registrierte die Volkszählung 2010 124.835 „Adygejer“, 516.826 „Kabardiner“, 73.184 „Tscherkessen“ und 3882 „Schapsugen“,[11] also insgesamt 718.757 Tscherkessen.
[Bearbeiten] Die zwölf tscherkessischen Stämme
Traditionell teilte sich die Gesellschaft der Tscherkessen in zwölf große alte Stämme, die verschiedene Dialekte oder Sprachformen sprechen:
- Abadzechen
- Beslenejer
- Bjjedughen
- Hatkuajer
- Kabardiner (meist in Kabardino-Balkarien)
- Makhoscher
- Mamkeyher
- Natkhuajer
- Temirgojer
- Schapsugen
- Ubychen und
- Yecerikhuajer
[Bearbeiten] Religion
Obwohl die Tscherkessen schon im 5. Jahrhundert zum Christentum bekehrt wurden, verehrten sie Naturgötter. Die Tscherkessen pflegten einen respektvollen Umgang mit der Natur. In der Vergangenheit wurde kein Baum ohne den Beschluss des Ältestenrates (Chase) gefällt. Jede Familie oder Sippe hatte ihren speziellen Baum, bei dem man sich vor Versammlungen oder vor wichtigen Entscheidungen traf. Naturgötter waren z.B. Schible – Gott des Donners, Tlepsch – Gott des Feuers, Soserez – Gott des Wassers, Mezischa – Gott der Wälder. Im 15. Jahrhundert wurden die kabardinischen Tscherkessen unter dem Einfluss der Krim-Tataren zum Islam bekehrt. Die Kabardiner verbreiteten ab dem 15. Jahrhundert den Islam unter den tscherkessischen Stämmen und benachbarten Völkern. Der schottische Gesandte James Stanislaus Bell, der sich 1837-39 in Tscherkessien aufhielt, berichtet, dass damals die Bibel (auf Georgisch) und der der Koran (auf Arabisch) gelesen wurde und auch alte Kulte verbreitet waren, wobei der Koran bevorzugt wurde.[12] Bis auf eine kleine Minderheit der kabardinischen Tscherkessen in der Umgebung der Stadt Mozdok, welche orthodoxe Christen sind, sind die große Mehrheit der Tscherkessen sunnitische Muslime.
Siehe auch: Islam in Russland
[Bearbeiten] Traditionelle Lebensweise und Kultur
[Bearbeiten] Soziale Ordnung und Kultur
Bis ins 19. Jahrhundert hatten die meisten Tscherkessenstämme eine soziale Schichtung aus vier oder mehr Ständen, die eher untereinander heirateten[13][14]. Am stärksten ausgeprägt war diese Schichtung bei den Kabardinern im Osten, gefolgt von den nordwestlichen Stämmen am Kuban. Stämme im südwestlichen Hochgebirge-Ubychen, Abadzechen und Hatkuajer u.a.-kannten diese soziale Staffelung nicht[15] und wurden in russischen Quellen auch als „freie Tscherkessen“ bezeichnet.
- Fürsten (pschi) aus einigen dynastischen Geschlechtern, die oft an einer sternförmig gewölbten Mütze aus Samt zu erkennen waren.
- Ritter (work oder elsden), ein niederer Adel im Gefolge, der neben den Fürsten im Kriegsfall oft in Kettenrüstungen auftrat. Bei den Kabardinern war er noch unterteilt in eine höherstehende Gruppe tlakotle, die sich ihren Patron selbst suchen durften und der niederen Gruppe deschenugo, die auf einen Anführer festgelegt waren.
- Freie (zokol oder waguscheh), die große Mehrheit der Bevölkerung. Bei den Kabardinern tlofokotle, bei einigen westlichen Stämmen auch techokotle genannt. Sie unterteilten sich in verschiedene Clan-Gemeinschaften (dschamaat)
- Leibeigene (pschitli), selten persönlich abhängige Sklaven (asat), die kleinste Gruppe, entweder Gefangene oder gerichtlich verurteilte Tscherkessen.
Es war ungewöhnlich, dass die Tscherkessen trotz dieser mehrheitlich differenzierten Gesellschaft mit Ausnahme der Kabardiner nie Staaten mit einem Fürsten an der Spitze bildeten. Als Ursache gilt allgemein, dass die tscherkessische Tradition adyge chabse (siehe nächstes Kapitel) die Anhäufung von Besitz und die Zurschaustellung von Reichtum als Schande betrachtete, was die Konzentration von Macht in einzelnen Händen behinderte. Wichtige Entscheidungen wurden wurden in Versammlungen (Chase) getroffen.
Traditionelle tscherkessische Siedlungen unterschieden sich bis auf wenige Ausnahmen stark vom mittel-und ostkaukasischen Aul, bei dem die Häuser sehr dicht am Hang stehen. Typisch waren rechteckige Langhäuser aus Lehm mit Stroh gedeckt. Oft befand sich ein Gästehaus, eine Scheune und weitere Wirtschaftsgebäude auf einem Hof, der von einer Mauer zur Verteidigung umgeben war. Wehrtürme waren selten. Die Höfe standen in den Siedlungen oft weit auseinander, eine Tradition, die die Tscherkessen in der Diaspora wiederholten.[16] Bis ins 18. Jahrhundert existierten auch Siedlungen, deren Wohnhäuser zur Verteidigung ringförmig aneinander gebaut waren.[17]
Wie viele Bewohner des Kaukasus und auch anderer Hochgebirge lebten die Tscherkessen traditionell halbnomadisch in Transhumanz, d.h. ein Teil der Bevölkerung-eher junge Männer-zog im Winter mit den Viehherden auf Weiden am Rand des Gebirges. Im Gegenzug trieben die Tscherkessen des nördlichen steppenartigen Hügellandes und auch benachbarte Volksgruppen ihre Herden im Hochsommer auf die Gebirgsalm.
Die traditionelle Kleidung der Tscherkessen ähnelte im 16.-19. Jahrhundert zunehmend der Tracht anderer Bewohner Kaukasiens, die auch von den südrussischen Kosaken übernommen wurde. Männer trugen eine Tschocha (tscherkessisch: sai, russisch: tscherkesska), darunter ein Hemd, eine Papacha (tscherkessisch: Paʾo), oder die Filzmütze Beschmet (schʾharchon), weiche Lederstiefel (schasma) und einen silberbeschlagenen Gürtel (tidschhin bghiripch).[18] Bei Wind oder Regen wurde darüber die kaukasische Burka (dschako-schtschaque)[19] und der Baschlik[20] getragen. Zur Verteidigung diente ein Langdolch, eine Schaschka und die Gazyr oder Gasiren genannten[21] Schießpulverladungen im Brustbereich. Frauen trugen privat eine Bluse und eine Pluderhose zu dem öffentlich ein Kaftan-ähnlicher Leinenumhang kam[22] und je nach festlichem Anlass und Kälte noch eine bestickte Kappe, ein Tunica-ähnlicher Umhang[23], weitere Gewänder, z.T. mit Goldapplikationen und Schmuck, aber nur zu festlichen Anlässen. Gesichtsschleier waren nicht üblich. Auffällig waren verzierte hohe Holzsandalen. Diese Tracht wird heute nur noch in entlegenen Regionen, von älteren Menschen oder zu Festen getragen und war, wie erwähnt, bei vielen Völkern Kaukasiens ähnlich.
Der traditionelle Tanz der Tscherkessen ist die Lesginka, die tscherkessisch islamej oder islamij (=Islamischer) genannt wird. Er ist in ganz Kaukasien verbreitet und entgegen dem tscherkessischen Namen nicht nur bei muslimischen Völkern, sondern auch bei christlichen und jüdischen. Früher gab es auch Sänger (kikwakwa), die eher romantische und melancholische Gesänge vortrugen.[24]
[Bearbeiten] Adyge Chabse (Tradition und Gewohnheitsrecht)
„Adyge Chabse“ (=Tscherkessische Tradition oder tscherkessisches Gewohnheitsrecht oder auch tscherkessische Kleidung) ist bei den Tscherkessen der Inbegriff für ihre Traditionen und ihre Lebensweise. Es ist ein Ehrenkodex, der auf gegenseitiger Achtung und Respekt basiert und vor allem Verantwortung, Disziplin und Selbstbeherrschung voraussetzt. Es sind die Gesetze der Tscherkessen, die zwar nie niedergeschrieben wurden, aber dennoch in der Vergangenheit ihr Alltagsleben regelten. Nach diesem Kodex und Konformitätsdruck wurden Kühnheit, Verlässlichkeit und Großzügigkeit als wichtigste und unabdingbarste Eigenschaften eines Ritters betrachtet, Habgier, Drang nach angehäuftem Besitz, Reichtum und Prahlerei jedoch als Schande („Haynape“).
Diesem als männlich geltendem, ritterlichen Ideal stand ein besonderes Frauenideal gegenüber: großer und schlanker Wuchs und charakterlich die Eigenschaft, auf anständige, zurückhaltende Art und Weise sich zu geben und zu reden. Ein großer, schlanker Wuchs sollte bei den Mädchen durch ein eng anliegendes Lederkorsett, welches das Brustwachstum hemmen sollte, erreicht werden.[25] Das Wachsen der Brust wurde als Zeichen des Zur-Frau-Werdens akzeptiert.
Die Gastfreundschaft war und ist bei den Tscherkessen besonders ausgeprägt. Ein Gast war nicht nur ein Gast der Familie, sondern immer gleich ein Gast der ganzen Ortschaft und der Sippe. Selbst Feinden gegenüber wurde diese Gastfreundschaft weiterhin als eine heilige Pflicht angesehen. Wenn ein Feind das Haus betrat, wurde auch dieser respektvoll behandelt und bedient.
Der Kaukasiologe Adolf Dirr schrieb: „Der Gast ist wie ein Sklave des Gastgebers“. Damit versuchte er zu erklären, dass auch der Gast die Vorschriften der „Chabse“ zu befolgen hat, z.B. durfte der Gast nicht ohne die Erlaubnis seines Gastgebers der „Gast“ einer anderen Familie werden.
Jeder Tscherkesse erhebt sich, sobald jemand den Raum betritt, bietet diesem einen Platz an und redet nur, wenn er dazu aufgefordert wird. In Anwesenheit von Älteren und Frauen ist Rücksicht und Respekt unabdingbar. In Gegenwart von Frauen werden Streitigkeiten unterbunden, bricht eine Frau in eine derartige Situation herein, wird dieser Streit sofort beendet. Auf Wunsch einer Frau versöhnen sich sogar die zerstrittenen Parteien.
Grundstein der tscherkessischen Gesellschaft ist die Eigenschaft eines „Thamades“. Nach allgemeinem Verständnis und Gebrauch werden die „Älteren“ als „Thamade“ bezeichnet, dies ist jedoch zu ungenau. Ein „Thamade“ ist auch derjenige, der, unabhängig von seinem Alter, innerhalb einer Hochzeitsgesellschaft oder einer anderen Veranstaltung die Verantwortung übernimmt. Voraussetzung ist jedoch, dass dieser Person die Regeln der „Chabse“ bekannt sind. Oft, aber nicht immer ist es ein Ältester. Er übernimmt auch die Leitung einer Festtafel und spricht die Trinksprüche aus. Auch in der georgischen Küche wird die Festtafel von einem Tamada geleitet.
Die „Adyge Chabse“ hatte eine kulturformende, allgegenwärtige Prägekraft. Dieser ritterliche Geist soll auch die benachbarten Völker fasziniert haben, so dass auch diese einen Ehrenkodex im Geiste der tscherkessischen „Chabse“ entwickelten. Vom krimischen Hof bis zu georgischen Königen wurde die „Chabse“ als adeliges Ideal wertgeschätzt. Ihre Kinder sandten sie als Schüler zu tscherkessischen Honoratioren, damit auch sie anhand des tscherkessischen Ehren- und Pflichtenkodex erzogen würden.
Sicherlich ist die hoch kultivierte und mit Selbstbewusstsein idealisierte tscherkessische Lebensweise nie von allen Tscherkessen praktiziert worden. Die Gesellschaft versucht dennoch mit größter Sorgfalt, ihre Sitten und Traditionen am Leben zu erhalten und zu leben. Ihre ethnische und kulturelle Identität führt die tscherkessische (adygeische) Gesellschaft auf die etwa tausendjährigen „Adyge Chabse“ zurück.
Einige weitere Begriffe des Adyge Chabse neben der erwähnten Gastfreundschaft und dem Thamade sind u.a.[26]:
- Potlatsch (=Geschenk): eine soziale und wirtschaftliche Einstellung, den Armen zu geben und das Gegebene zu genießen.
- Haynape (=Schande): alle unerwünschten Handlungen, neben der erwähnten Anhäufung von Besitztümern, z.B. auch ältere zu unterbrechen oder nicht aufzustehen, wenn andere den Raum betreten.
- Kaschen oder psetluk: eine eher idealisierte Beziehung zwischen Männern und Frauen, die manchmal mit der mittelalterlichen Minne verglichen wird.
- Semercho: Umgang und Flirt zwischen unverheirateten Männern und Frauen.
- Istanbulako (=Weg nach Istanbul; auch Jistanbulakue): Mehrstimmige Klagegesänge, die an die Flucht ins Osmanische Reich 1864 erinnern und besonders in der Diaspora die Erinnerung erhielten.[27] Die Melodien stammen aus der älteren tscherkessischen Sängertradition.
In der Gegenwart sind die Tscherkessen, die vor allem in der Diaspora leben, vom Verlust ihrer Kultur bedroht. Dabei spielt die Assimilierung eine bedeutende Rolle, deren negative Folge sicherlich vor allem die zumeist fehlenden tscherkessischen Sprachkenntnisse der Kinder sind.
[Bearbeiten] Frühe Geschichte
Marschall von Bieberstein, Adelung[28], Pallas und Reineggs[29] sahen die von Strabo[30] und Pomponius Mela erwähnten Cercetae als mögliche Vorfahren der Tscherkessen. Thurmann setzte die Siraken und Tscherkessen gleich[31]. Howorth wollte die Tscherkessen von den Chasaren ableiten[32], was heute als veraltet gilt.
In der Geschichte wurden die Tscherkessen unter verschiedenen Namen bekannt, wie Kassogen[33], Keschaks oder Kerket. Die europäischen Begriffe wie „Tscherkessen“, „Circassian“ gehen vermutlich auf die vorgenannten Bezeichnungen zurück.
[Bearbeiten] Geschichte
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Seit 1557 versuchte Russland, den Kaukasus zu erobern, was erst im Jahr 1864 gelang. Der intensive und blutige Eroberungskrieg der Russen gegen den erbitterten Widerstand der kaukasischen Völker begann ungefähr 1763. Im Jahr 1839 vereinigten sich die kaukasischen Völker unter Imam Schamil und erschwerten so den Russen die Eroberung. Imam Schamil wurde 1859 von den russischen Truppen gefangengenommen, was den tschetschenisch-dagestanischen Widerstand brach. Der Nordostkaukasus war somit unter russischer Kontrolle. Nun konnte die russische Armee ihre vereinigten Kräfte auf die im Nordwestkaukasus beheimateten Tscherkessen (einschließlich Abchasen) richten. Der 21. Mai 1864 gilt offiziell als Ende der russisch-kaukasische Kriege, das Datum, bis zu dem auch die Tscherkessen und Abchasen bezwungen werden konnten. Nach dem Krieg wurden die Tscherkessen aus ihrer Heimat vertrieben. Etwa 500.000 bis 1.000.000 Tscherkessen und Abchasen wurden über das Schwarze Meer ins Osmanische Reich zwangsverschifft. Dabei kamen nach Schätzungen über 100.000 Vertriebene um.
[Bearbeiten] Literatur
Tscherkessen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 15, Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1892, S. 883.
- Abdurrakhman Avtorkhanov, Marie Bennigsen Broxup (Hrsg.): The North Caucasus barrier: the Russian advance towards the Muslim world. London 1992.
- James Stanislaus Bell: Tagebuch seines Aufenthalts in Circassien während der Jahre 1837, 1838 und 1839. Pforzheim 1841.
- Amjad M. Jaimoukha: The Circassians: A Handbook. New York, London 2001.
- Austin Jersild: Orientalism and Empire. North Caucasus Mountain Peoples and the Georgian Frontier 1845-1917. London 2003.
- Charles King: The Ghost of Freedom: A History of the Caucasus. Oxford 2008.
- Theophil Lapinski: Die Bergvölker des Kaukasus und ihr Freiheitskampf gegen die Russen. Hamburg 1863.
- Monika Höhlig: Kontaktbedingter Sprachwandel in der adygeischen Umgangssprache im Kaukasus und in der Türkei. LINCOM Europa, München 1997. ISBN 3-89586-083-2
- Beatrice Manz: ČARKAS in: Encyclopædia Iranica.
- Kadir I. Natho: Circassian History. New York 2009.
- Carl Friedrich Neumann: Russland und die Tscherkessen. Stuttgart, Tübingen 1840.
- Batıray Özbek: Die tscherkessischen Nartensagen. Heidelberg 1982.
- Barbara Pietzonka: Ethnisch-territoriale Konflikte in Kaukasien; Baden Baden 1995
- Walter Richmond: The Northwest Caucasus: Past, Present, Future. New York, London 2008.
- Emanuel Sarkisyanz: Geschichte der orientalischen Völker Rußlands bis 1917. München 1961.
- Bagrat Schinkuba: Im Zeichen des Halbmondes. Berlin 1981.
[Bearbeiten] Weblinks
- Dachverband der Tscherkessen in der Türkei (Türkisch)
- Die Adygen Reportage des Radiosenders „Stimme Russlands”
- Die Karatschaier, die Tscherkessen und die Abasinen Reportage des Radiosenders „Stimme Russlands”
- Die Karbardiner und die Balkaren Reportage des Radiosenders „Stimme Russlands”
[Bearbeiten] Diaspora
- Circassian Diaspora in Turkey: Stereotypes, Prejudices and Ethnic Relations
- UNHCR: The North Caucasian Diaspora In Turkey
- Political Participation Strategies of the Circassian Diaspora in Turkey (PDF-Datei; 109 kB)
- Race Against Time for Circassian in Turkey - Can the North Caucasian diaspora in Turkey grasp an opportunity to revive their historic languages?
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Vgl. z.B. den Artikel in der Encyclopaedia Iranica, 2. und 3. Absatz, mit weiteren Verweisen.
- ↑ So vertreten z.B. in Louis Loewe A Dictionary of the Circassian Language. London 1854, S. 5.
- ↑ http://www.parliament.ge/index.php?lang_id=ENG&sec_id=63&info_id=31806
- ↑ Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung Geschichte Zerfall, C. H. Beck, Berlin, 1993, S. 153.
- ↑ Ülkü Bilgin: Azınlık hakları ve Türkiye. Kitap Yayınevi, Istanbul 2007; S. 85. ISBN 9756051809 (Türkisch)
- ↑ Hans-Joachim Hoppe: Die Tscherkessen – ein unbekanntes Volk erwacht, Eurasisches Magazin, Ausgabe 10–11, 2. Oktober 2011.
- ↑ Ergebnisse der Volkszählung Russlands 2010, Excel-Tabelle 7, Zeile 330.
- ↑ Ergebnisse der Volkszählung Russlands 2010, Excel-Tabelle 7, Zeile 491.
- ↑ Ergebnisse der Volkszählung Russlands 2010, Excel-Tabelle 7, Zeile 471.
- ↑ Ergebnisse der Volkszählung Russlands 2010, Excel-Tabelle 7, Zeilen 464 (13.834 „Adygejer“) und Zeile 470 (3839 „Schapsugen“).
- ↑ Excel-Tabelle 5, Zeilen 29 (Adygejer); 79 (Kabardiner); 185 (Tscherkessen) und 194 (Schapsugen).
- ↑ Bell englische Originalausgabe Band 1, S. 177 und Band 2, S. 110-145
- ↑ Vgl. Sarkisyanz, S. 99-107.
- ↑ Wolfdieter Bihl: Die Kaukasuspolitik der Mittelmächte. Band 1: Ihre Basis in der Orient-Politik und ihre Aktionen 1914–1917. Wien/Köln/Graz 1975, S.30-31.
- ↑ Vgl. z.B. Chantal Lemercier-Quelquejay: Cooptation of the Elites of Kabarda and Daghestan in the sixteenth century. In: Abdurrahman Avtorkhanov, Marie Bennigsen Broxup u.a. (Hrsg.): The North Caucasus barrier: the Russian advance towards the Muslim world. London 1992, online, S. 25-26 (Kabardiner) und S. 27-28 (westliche Tscherkessen und nichttscherkessische Abasinen)
- ↑ Ayhan Kaya-Aufsatz 6. Kapitel, 4. Absatz
- ↑ Vgl. Kadir I. Natho, S. 94
- ↑ Vgl. Kadir I. Natho, S. 89
- ↑ Männerkleidung Nordkaukasiens 18.-erste Hälfte des 19. Jahrhunderts (russisch) aus der Zeitschrift Nauka(=Wissenschaft) 1989
- ↑ Männerkopfbedeckungen der Völker Kaukasiens 18.-erste Hälfte des 19. Jh.s (russisch) aus Nauka 1989
- ↑ Der russ. Name gazyr stammt aus Turksprachen Kaukasiens und bedeutet „bereit“, türkisch z.B. „hazır“
- ↑ Frauenkleidung 18.-19.Jahrhundert (russisch) aus Nauka 1989.
- ↑ Schulterkleider Nordkauksiens 18.-19. Jh. (russisch) aus Nauka 1989.
- ↑ Vgl. z.B. den Artikel aus Meyers Konversationslexikon mit Nachweis.
- ↑ Mädchenkorsette 18.-zweite Hälfte 19. Jh. (russisch) aus Nauka 1989.
- ↑ vgl. z.B. Kaya oder Jaimoukha
- ↑ Beschreibung bei Circassianworld mit Hörbeispielen, Beispiel bei Youtube
- ↑ Johann-Christoph Adelung, Mithridates, oder, Allgemeine Sprachenkunde mit den Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten. Berlin, Voss 1806, 441; Christoph von Rommel, Caucasiarum regionum et gentium Straboniana descriptio, Leipzig, Siegfried Lebrecht, p. 68
- ↑ Allgemeine historisch-topographische Beschreibung des Kaukasus, Gotha/St. Petersburg, 1796-1797
- ↑ Strabo, Geographica XI, 2, 1
- ↑ Johann-Christoph Adelung, Mithridates, oder, Allgemeine Sprachenkunde mit den Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten. Berlin, Voss 1806, 441
- ↑ H. H. Howorth, On the Westerly Drifting of Nomades from the Fifth to the Nineteenth Century. Part IV, The Circassians and White Khazars. Journal of the Ethnological Society of London 1869-1870/2, 182-192
- ↑ Hyde Clarke, On the Settlement of Britain and Russia by the English Races. Transactions of the Royal Historical Society 7, 1878, 268