Lazarus-Effekt

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum gleichnamigen Begriff in der Festkörperphysik siehe Lazarus-Effekt (Physik)

Unter dem Lazarus-Effekt versteht man die Wiederauffindung von Tierarten, die als ausgestorben galten. Der Begriff ist der biblischen Geschichte von der Wiedererweckung des Lazarus durch Jesus entlehnt.

Der Begriff wird zum ersten Mal in einem Artikel über das Massenaussterben an der Kreide-Tertiär-Grenze verwendet.[1] Hier tauchen einige Taxa zwar nicht direkt nach dem Ereignis, aber einige Millionen Jahre später in der fossilen Überlieferung wieder auf. Gründe können sowohl Lücken in der stratigraphischen Überlieferung wie auch tatsächliche Erholung nach einem Beinahe-Aussterben sein.[2] Durch diesen Effekt ist es schwerer, die tatsächlichen Gründe für das auslösende Aussterbeereignis festzumachen und Massenaussterben von „normalen“ Aussterbeereignissen zu unterscheiden. Erst später wurde der Begriff auch auf lebende (rezente) Arten, die wiederentdeckt wurden, nachdem sie lange als ausgestorben galten, übertragen,[3] obwohl es sich hier dann eigentlich nicht um einen „Effekt“ handelt.

Beispiele für Tiere[Bearbeiten]

  • Juan-Fernández-Seebär (Arctocephalus philippii): 1824 für ausgestorben erklärt, 1965 wiederentdeckt.
  • Galápagos-Seebär (Arctocephalus galapagoensis): im 19. Jahrhundert für ausgestorben erklärt, 1932 wiederentdeckt.
  • Guadalupe-Seebär (Arctocephalus townsendi): 1894 für ausgestorben erklärt, 1949 wiederentdeckt.
  • Antarktischer Seebär (Arctocephalus gazella): in den 1830er Jahren für ausgestorben erklärt, in den 1930er Jahren wiederentdeckt.
  • Elfenbeinspecht (Campephilus principalis): 1944 das letzte Mal nachgewiesen, 1996 für ausgestorben erklärt, 2004 möglicherweise wiedergesichtet. Eine Expedition zur Wiederentdeckung startete Anfang Nov. 2005, konnte das Überleben des Tieres nicht bestätigen.
  • Chapmans Zwergamazone (Hapalopsittaca fuertesi): 1911 das letzte Mal nachgewiesen, 2002 wiederentdeckt.
  • Gelbscheitelpipra (Pipra villasboasi): 1957 das letzte Mal nachgewiesen, 2002 wiederentdeckt.
  • Barkudia-Skink (Barkudia insularisis): 1917 für ausgestorben erklärt, 2003 wiederentdeckt.
  • Hörnchenbeutler oder Leadbeaters Possum (Gymnobelideus leadbeateri): 1909 für ausgestorben erklärt, 1961 wiederentdeckt.
  • Glanzsittich (Neophema splendida): 1931 wiederentdeckt.
  • Edwardsfasan (Lophura edwardsi): keine Sichtungen zwischen 1923 und 1996.
  • Bayerische Kurzohrmaus (Microtus bavaricus): Mitte der 1960er Jahre für ausgestorben erklärt, 2000 wiederentdeckt.
  • Neuseeländische Sturmschwalbe (Oceanites maorianus): da es nur drei Exemplare aus dem 19. Jahrhundert gab, wurde sie für ausgestorben erklärt, jedoch 2003 wiederentdeckt.
  • Langbein-Buschsänger (Megalurulus rufus): 2003 in Fidschi wiederentdeckt. Der Singvogel galt seit 1894 als ausgestorben.
  • Eine nur in Oregon heimische Neunaugen-Art (Entosphenus minimus), wurde seit 1958 für ausgestorben gehalten, jedoch in den späten 1990er Jahren wiederentdeckt.
  • Tinostoma smaragditis (engl. Kauai Green Sphinx moth), ein Schwärmer (Schmetterling) von Hawaii, wurde 1997 wiederentdeckt.
  • Xylotoles costatus, eine Bockkäfer-Art von Pitt Island, einer Insel der Chatham-Inseln, wurde 1996 für ausgestorben erklärt, jedoch 2001 wiederentdeckt.
  • Der Baumhummer (Dryococelus australis) von der Lord-Howe-Insel wurde in den 1920er Jahren für ausgestorben erklärt, jedoch 2001 auf der Nachbarinsel Ball’s Pyramid wiederentdeckt.
  • Die Quastenflosser (Coelacanthiformes), eine Fischordnung, galten als seit der Kreidezeit (vor 70 Mio. Jahren) ausgestorben, wurden jedoch 1938 bei East London (Ostkap) (Südafrika) wiederentdeckt. 1998 wurde eine weitere Art vor Sulawesi gefangen.
  • Südinseltakahe (Porphyrio hochstetteri): galt seit 1898 als ausgestorben, wurde 1948 wiederentdeckt.
  • Parmawallaby (Macropus parma): 1966 auf der Insel Kawau und sechs Jahre später auf dem australischen Festland wiederentdeckt.
  • Chaco-Pekari (Catagonus wagneri): war lange Zeit nur aus fossilen Funden bekannt, wurde 1974 wiederentdeckt.
  • Madagaskar-Schlangenhabicht (Eutriorchis astur): wurde 1930 letztmals gesichtet, bevor er 1990 wiederentdeckt wurde.
  • Laotische Felsenratte, nur fossil bekannt, bevor 2005 ein lebendes Exemplar entdeckt wurde.
  • Bergbilchbeutler (Burramys parvus). zuerst fossil nachgewiesen, 1966 lebende Tiere entdeckt.
  • Banggai-Krähe (lange nur von zwei Museumsexemplaren aus dem 19. Jahrhundert bekannt, 2007 auf Peleng wiederentdeckt).
  • Rieseneidechsen auf den Kanarischen Inseln:
  • Antigua-Schlanknatter
  • Utila-Leguan
  • Yunnan-Scharnierschildkröte, 1906 oder 1940 zuletzt gesichtet, 2004 wiederentdeckt, aber Status von der IUCN zunächst nicht anerkannt, Validität der drei entdeckten Tiere 2007 durch DNA-Analyse bestätigt.
  • Flores-Zwergohreule (lange nur von drei Museumsexemplaren bekannt, 1994 wiederentdeckt).
  • Stygichthys typhlops, brasilianischer Blindsalmler, lange nur vom Holotypus aus dem Jahre 1962 bekannt, 2004 wiederentdeckt.
  • Pseudogobiopsis tigrellus, Zwerggrundel aus West-Neuguinea, kein Nachweis zwischen 1939 und 2000.
  • Linsenfliege, Mitte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa ausgestorben, 2009 in Spanien wiederentdeckt
  • Príncipe-Drossel, keine Sichtungen zwischen den 1920er-Jahren und 1997.
  • Israelischer Scheibenzüngler (Discoglossus nigriventer), keine Sichtungen zwischen 1955 und 2011
  • Cebuschama (Copsychus cebuensis): keine Sichtungen zwischen 1956 und 1981
  • Vierfarben-Mistelfresser (Dicaeum quadricolor): keine Sichtungen zwischen 1906 und 1992
  • Leptoxis compacta, Süßwasserschnecke aus Alabama, USA: keine Nachweise zwischen 1933 und 2011
  • Dinagat-Borkenratte (Crateromys australis): keine Nachweise zwischen 1975 und 2012
  • Presbytis hosei canicrus, zu den Mützenlanguren zählende Gattung, galten seit 2005 als verschollen, Anfang 2012 auf Borneo wiederentdeckt
  • Rotschopf-Baumratte (Santamartamys rufodorsalis) aus der Familie der Stachelratten, nur von zwei 1898 in Kolumbien erlegten Exemplaren bekannt; 2011 im Norden des Landes anhand eines Exemplars wieder nachgewiesen
  • In Indien 2010/2011 wiederentdeckte Frösche: Raorchestes chalazodes (zuletzt 1874 nachgewiesen), Ramanella anamalaiensis (war seit 1938 verschollen), Micrixalus elegans (seit Erstbeschreibung 1937 nicht mehr gesichtet), Micrixalus thampii (1981 zuletzt nachgewiesen), Amolops chakrataensis (1985 anhand eines Exemplars beschrieben, danach verschollen)
  • Anfang 2011 wurde bekannt gegeben, dass auf Haiti fünf verschollene Froscharten der Gattung Eleutherodactylus wiederentdeckt wurden, darunter Eleutherodactylus amadeus und Eleutherodactylus thorectes, der zu den kleinsten Fröschen der Welt zählt.
  • Frösche: Hyperolius nimbae, keine Sichtung seit 1957, 2010 wieder in Sumpfgebieten der Elfenbeinküste anhand eines Exemplars nachgewiesen; Hyperolius sankuruensis, 2010 in der Demokratischen Republik Kongo wiederentdeckt (1979 zuletzt gesehen); Atelopus balios, 2010 in Ecuador nach der letzten Sichtung 1995 wiederentdeckt
  • Pharotis imogene, Fledermausart aus Neuguinea, keine Sichtungen zwischen 1890 und 2012.

Beispiele für Pflanzen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl W. Flessa, David Jablonski (1983): Extinction is Here to Stay. Paleobiology Vol.9 No.4: 315-321.
  2. Emmanuel Fara (2001): What are Lazarus taxa? Geological Journal (Special Issue: History of Biodiversity) Volume 36, Issue 3-4: 291–303. doi:10.1002/gj.879
  3. David A. Keith, Mark A. Burgman (2004): The Lazarus effect: can the dynamics of extinct species lists tell us anything about the status of biodiversity? Biological Conservation Volume 117, Issue 1: 41–48. doi:10.1016/S0006-3207(03)00261-1

Weblinks[Bearbeiten]