Königreich Italien (1861–1946)

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Königreich Italien
Regno d’Italia
1861–1946
Flagge des Königreiches Italien Großes Wappen Italiens 1890–1929/44-46
Kleines Wappen Italiens 1890–1929/44–46
Flagge Wappen
Italien 1843–1870.png Navigation Flag of Italy.svg
Flag of the Vatican City.svg
War flag of the Italian Social Republic.svg
Free Territory Trieste Flag.svg
Flag of SFR Yugoslavia.svg
State Flag of Greece (1863-1924 and 1935-1970).svg
Wahlspruch FERT FERT FERT[1]
Verfassung Staatsgrundgesetz des Königreichs Italien
(Statuto Albertino)
Amtssprache Italienisch
Hauptstadt Turin (1861–1864)
Florenz (1864–1871)
Rom (1871–1946)
Staatsform Königreich
Regierungssystem Parlamentarische Monarchie (1861–1925 und 1943–1946)
monarchisch-faschistische Einparteiendiktatur (1925–1943)
Staatsoberhaupt König:
Viktor Emanuel II. (1861–1878)
Umberto I. (1878–1900)
Viktor Emanuel III. (1900–1946)
Umberto II. (1946)
Regierungschef Ministerpräsident
siehe Präsident des Ministerrats
Fläche 310.196 km² (1936)
Einwohner 42.994.000 (1936)
Bevölkerungsdichte 138,6 EW/km² (1936)
Währung Italienische Lira
Gründung 17. März 1861
(Ausrufung Viktor Emanuels II. als König von Italien)
Auflösung 3. Juni 1946
(Volksabstimmung zur Staatsform)
Nationalhymne Marcia Reale
Zeitzone MEZ
Italian Colonial Empire (orthographic projection).svg

Gebiete und Kolonien des Königreiches Italien 1941:

Das Königreich Italien (italienisch Regno d’Italia) war ein Staat in Südeuropa, welcher von 1861 bis 1946 auf dem Gebiet der heutigen italienischen Republik und Teilen derer Nachbarstaaten bestand. Während dieses Zeitraums war Italien (formal auch während der Zeit des Italienischen Faschismus von 1922 bis 1943) eine zentralistisch organisierte, am monarchischen Prinzip ausgerichtete konstitutionell-parlamentarische Monarchie.

Die Gründung des Königreichs 1861 erfolgte im Zuge der Risorgimentobewegungen, in deren Endphase mit der Proklamation des sardinischen Königs Viktor Emanuel II. zum König von Italien am 17. März 1861 in Turin der erste moderne italienische Nationalstaat unter der Herrschaft des Hauses Savoyen entstanden war. 1866 erklärte er dem Kaisertum Österreich den Krieg und erwarb Venetien mit Friaul. 1871 folgte der Kirchenstaat mit Rom, womit die italienischen Unabhängigkeitskriege endeten.

Nach einer liberaleren politischen Phase stieg das Königreich Italien unter König Umberto I. 1878 zur Großmacht auf und beteiligte sich ab den 1880er Jahren am kolonialen Wettlauf um Afrika, wo es mehrere Kolonialkriege in Ostafrika und von 1911 bis 1912 um das spätere Italienisch-Libyen einen Krieg gegen das Osmanisches Reich führte. 1882 wurde mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn die Allianz des Dreibundes geschlossen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Italien von einem Agrarstaat zum, zusammen mit Frankreich und Österreich-Ungarn, bedeutendsten Industrieland des Mittelmeerraums gewandelt. Es kam unter Umbertos Nachfolger Viktor Emanuel III. (ab 1900) in den großen industriellen Ballungszentren Oberitaliens zum Aufstieg der organisierten Arbeiterschaft und des Bürgertums sowie von Massenverbänden und -parteien. Im Süden hielt der wirtschaftliche Aufschwung dagegen nur langsam Einzug.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 erklärte Italien seine Neutralität. Nach dem Londoner Vertrag von 1915, in dem umfassende territoriale Zugeständnisse vereinbart wurden, folgte im gleichen Jahr der Kriegseintritt an der Seite der Entente. Nach der Schlacht von Vittorio Veneto 1918, die maßgeblich zur Auflösung des Habsburgerreiches beitrug, gehörte das Königreich zu den Hauptsiegermächten und hatte im Völkerbundsrat einen ständigen Sitz inne.

Das Ende des Weltkriegs löste 1919 eine schwere Staatskrise aus. In dieser übernahm die Nationale Faschistische Partei unter Benito Mussolini mit dem Marsch auf Rom 1922 die Macht und höhlte die Demokratie bis 1926 schrittweise aus. Das faschistische Regime begann nach einer Zeit der Anlehnung an die westlichen Demokratien und der inneren Konsolidierung, die durch einen enormen Wirtschaftsaufschwung und die seit 1923 laufende Wiedereroberung Libyens geprägt war, eine aggressive Außenpolitik. Nach der Überwindung der Weltwirtschaftskrise von 1929 begann 1935 die italienische Eroberung Äthiopiens, die der Westen mit Wirtschaftssanktionen beantwortete. Italien war international isoliert. Ab 1936 wandte sich Italien Nazideutschland zu. Dieses unterstützte wiederum die angestrebte italienische Vormachtstellung im Mittelmeer und auf der Balkanhalbinsel. 1936 wurde das spätere Bündnis der Achsenmächte begründet und bis 1939 intervenierten beide Staaten zusammen im spanischen Bürgerkrieg zugunsten der Putschisten unter Francisco Franco. Bis 1939 hielt Italien in diesem die Balearischen Inseln besetzt. Dieser Prozess ging mit einer zunehmenden Ideologisierung und Radikalisierung des Regimes einher. 1937 wurden die Italienischen Rassengesetze für die Kolonien erlassen, welche hauptsächlich die einheimische Bevölkerung in den Kolonien entrechteten, und die Zwangsitalianisierung der ethnischen Minderheiten verschärft. Ab 1938 folgten die antisemitischen Rassengesetze.

Nach dem Anschluss Österreichs und dem Münchner Abkommen 1938 okkupierten italienische Truppen 1939 Albanien. Dank dem deutschen Sieg im Westfeldzug konnten Teile Südfrankreichs besetzt werden. Ende 1940 geriet der italienische Überfall auf Griechenland zum Desaster. Erfolgreicher verlief zunächst die Offensive auf Ägypten, nicht so der Kampf um Britisch-Somaliland. Wiederum dank deutscher Unterstützung konnten 1941 bis 1943 Teile des Balkans und ab 1942 Tunesien und Korsika besetzt werden. Italien beteiligte sich auch am Überfall auf die Sowjetunion. Die ab Sommer 1941 schnell aufeinanderfolgenden Niederlagen in Ostafrika, Nordafrika und der Sowjetunion entzogen dem faschistischen Regime und der Monarchie den Rückhalt in der Bevölkerung. Dazu kamen ab 1942 Luftangriffe der Briten auf norditalienische Städte. In den besetzten Gebieten, insbesondere auf dem Balkan, kam es währenddessen zu zahlreichen Kriegsverbrechen. Am Holocaust beteiligte sich das Königreich Italien dagegen nicht und wurde Zufluchtsort für zahlreiche verfolgte Juden aus den besetzen deutschen Gebieten. Die alliierte Landung auf Sizilien 1943 bewirkte im Juli den Sturz der faschistischen Diktatur und im Waffenstillstand von Cassibile schied Italien aus dem Achsebündnis aus. Am 13. Oktober 1943 erfolgte der erneute Kriegseintritt auf der Seite der Alliierten. Die Wehrmacht besetzte daraufhin den Norden des Landes und errichtete mit der Italienischen Sozialrepublik ein Marionettenregime, welches unter der formalen Führung des alten faschistischen Regimes bis zum Frühjahr 1945 bestand.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste die italienische Monarchie den Verlust ihres Kolonialreiches und der Besitzungen in Istrien und Dalmatien durch Jugoslawien hinnehmen und eine Wirtschaftskrise, welche durch einen erheblichen Rückgang der Industrieproduktion, Lebensmittelknappheit und der Zerstörung von weiten Teilen der Infrastruktur in Nord- und Mittelitalien ausgelöst worden war, überwinden. Im Mai 1946 dankte Viktor Emanuel III. zugunsten seines Sohnes Umberto II. ab. Dieser regierte nur 33 Tage. Am 2. Juni 1946 wurde die Monarchie nach einem Referendum abgeschafft und die italienische Republik ausgerufen, welche 1947 alle Ansprüche auf Istrien und die ehemaligen Kolonien aufgab, 1948 den italienischen Adel rechtlich abschaffte und die Savoyer ins Exil schickte.

Einigungsprozess (1848–1871)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italienischer Einigungsprozess

Die Gründung des Königreichs Italien war das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen italienischer Nationalisten und Monarchisten, die loyal gegenüber dem Haus Savoyen waren, ein vereinigtes Königreich auf der Apenninenhalbinsel zu errichten.[2]

Nach der Revolution von 1848/49 etablierten sich scheinbar die Revolutionäre Giuseppe Garibaldi und Giuseppe Mazzini als Führer der italienischen Einigungsbewegung.[2] In der Welt war Garibaldi hauptsächlich wegen seiner extrem treuen Anhänger und seiner militärischen Leistungen in Südamerika bekannt. Er strebte die Vereinigung von Süditalien zu einer konstitutionellen Republik an, stand aber damit im Gegensatz zur norditalienischen Monarchie des Hauses Savoyen im Königreich Sardinien, das nach dem Wiener Kongress der letzte bedeutende und militärmächtige italienische Staat gewesen war.[2] Die sardinische Regierung unter der Führung von Graf Camillo Benso von Cavour hatte ebenfalls Ambitionen zur Verwirklichung eines vereinten italienischen Staates. Obwohl die Monarchie keinerlei politische, kulturelle oder geschichtliche Verbindung zu Rom hatte, wurde sie von Cavour trotzdem als die natürliche Hauptstadt von Italien angesehen.

Gegenüber Garibaldi hatte das Königreich Sardinien mit der Ausschaltung des Einflusses des Kaisertums Österreich im Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg 1859 und der Annexion der Lombardei vom österreichischen Kronland Lombardo-Venetien einen wichtigen machtpolitischen Vorteil. Zudem hatte Cavour sein Land mit Allianzen mit Großbritannien und Frankreich,[3] die zur Verbesserung der Möglichkeiten der Einigung Italiens dienen sollten,[2] abgesichert. Im Krimkrieg von 1853 bis 1853 hatte Sardinien dies mit der Intervention eines eigenen 15.000 Mann[4] starken Expeditionskorps zugunsten von Frankreich und Großbritannien gegen das Russische Reich untermauert.[3] Zudem standen die meisten Aufständischen und Revolutionäre in den italienischen Teilstaaten wie dem Großherzogtum Toskana, im Herzogtum Modena und im Herzogtum Parma Sardinien loyal gegenüber.[5] Um die außenpolitische Allianz zu stärken, trat 1860 Sardinien als Dank an Frankreich im Vertrag von Turin Savoyen und die Grafschaft Nizza ab, was aber in Cavours Regierung auf Widerstand stieß.[6]

Im Frühjahr 1860 erstarkte Garibaldis revolutionäre Bewegung in Süditalien.[7] Seinen Freischärlern („Zug der Tausend“) gelang im Februar 1861 die vollständige Besetzung des Königreichs beider Sizilien, und sie zwangen Franz II. zur Flucht nach Arco im damaligen Tirol. Die sardische Regierung wollte daraufhin die Randregionen des Kirchenstaats besetzen, um den Revolutionären zuvorzukommen.[8] Das Vorhaben führte zur Annexion einiger Randgebiete. So blieben Rom und seine Umgebung weiterhin unter der Kontrolle von Papst Pius IX.. Trotz des Rückschlags und der ideologischen Unterschiede zwischen dem sardinischen Königshaus und Garibaldi lenkte letzterer ein und trat von seinem Führungsanspruch zurück.[9] Sardinien besetzte daraufhin Umbrien und die Marken, und Süditalien trat dem Norden bei. Das sardinische Parlament proklamierte anschließend am 18. Februar 1861 die Gründung des Königreichs Italien (offiziell verkündet am 17. März 1861). Am 17. März 1861 wurde König Viktor Emanuel II. von Sardinien-Piemont aus dem Haus Savoyen im ersten gesamtitalienischen italienischen Parlament zum König von Italien ausgerufen.[10]

Viktor Emanuel II., der erste König von Italien

Nach der Vereinigung Italiens kam es zu erneuten Spannungen zwischen Monarchisten und Republikanern. Im April 1861 forderte Garibaldi in der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments Cavour zum Rücktritt auf. Grund dafür war Cavours kompromissloses Vorgehen gegen republikanische Guerillakämpfer im Brigantenkrieg im Süden. Als am 6. Juni 1861 Cavour starb, bildeten sich unter seinen Nachfolgern in der anschließenden politischen Instabilität mehrere politische Lager. Garibaldi und die Republikaner wurden mit ihren Forderungen dabei immer revolutionärer. Die Verhaftung Garibaldis nach einem Gefecht zwischen königlich italienischen Truppen und seinen Anhängern am 29. August 1862 am Aspromonte[11] war Anlass einer weltweiten Kontroverse.

Im Jahre 1866 bot der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck König Viktor Emmanuel II. ein Bündnis mit dem Königreich Preußen (Preußisch-Italienischer Allianzvertrag) an. Italien nahm es an und erklärte am 20. Juni 1866 dem Kaisertum Österreich im Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg den Krieg. Der neuen Königlich italienischen Armee und Marine erging es jedoch schlecht in diesem unkoordinierten Parallelkrieg zu Preußen. Die Versuche zur Eroberung Venetiens und Friauls scheiterten. Da Preußen aber seinen Krieg gegen Österreich gewann, konnte Italien die beiden Gebiete besetzen und am 25. Juli 1866 annektieren. Das Haupthindernis für die italienische Einheit blieb aber Rom.

Graf Camillo Benso von Cavour, erster Präsident des Ministerrates (Ministerpräsident) des Königreichs Italien

Im Juli 1870 brach zwischen Preußen und Frankreich der Deutsch-Französische Krieg aus. Um die große und schlagkräftige Preußische Armee in Schach zu halten, ließ der französische Kaiser Napoleon III. die französischen Truppen in Rom abziehen. Viktor Emanuel II. ließ daraufhin ab dem 11. September 1870 Rom angreifen. Am 20. September 1870 wurde Rom und der Rest des Kirchenstaates eingenommen (sog. „Breccia di Porta Pia“). Das Unternehmen stieß, bis auf die Truppen der päpstlichen Schweizergarde, kaum auf Widerstand. Mit der Proklamation Roms zur Hauptstadt vom 26. Januar 1871 und dem feierlichen Einzug des Königs endete die italienische Einigung. Danach verlegte die Regierung ihren Sitz von Florenz in die neue Hauptstadt.

Obwohl die Einigung des Königreichs Italien unter den Italienern bis 1871 auf breiten Zuspruch gestoßen und durch Referenden in den einzelnen Regionen legitimiert war, waren die Bedingungen zum Aufbau des neuen Staates schlecht. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal. Es gab keine Industrie oder Transportmöglichkeiten, und im Süden herrschte extreme Armut („Mezzogiorno“). Wegen der hohen Analphabetenrate und der Regel, dass das Wahlrecht an eine bestimmte Einkommensgrenze gekoppelt war, hatten im Jahre 1861 nur 2 % der Gesamtbevölkerung das Recht zu wählen. Bei den ersten Parlamentswahlen im Januar 1861 konnten von 26 Millionen Menschen lediglich 419.938 Personen wählen gehen. Am Ende wurden die gültigen Stimmen auf 170.567 Personen reduziert, von denen rund 70.000 Angestellte des Staates waren, 85 Fürsten, Herzöge und Markgrafen, 28 Offiziere, 78 Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure.

Der neue Staat übernahm die sardinisch-piemontesische Verfassung von 1848, die eine parlamentarische Monarchie festschrieb. Der König von Italien hatte aber theoretisch mehr Macht als die meisten anderen europäischen Monarchen bis 1918, machte in der Praxis davon aber kaum Gebrauch. Italien erhielt eine sehr zentralistische Verwaltung[12] und wurde ähnlich wie Frankreich in Provinzen gegliedert.

Nach der Eroberung von Rom im Jahre 1870 standen die Beziehungen zwischen dem Königreich Italien und dem Vatikan für die nächsten 60 Jahre auf einem Tiefpunkt. Die Päpste bezeichneten sich selbst als „Gefangene im Vatikan“. Die katholische Kirche protestierte häufig gegen Aktionen und Schritte der weltlichen und teilweise antiklerikal beeinflussten verschiedenen italienischen Regierungen und verweigerte jegliche Zusammenarbeit mit Abgesandten des Königs oder dem italienischen Staat. Erst 1929 konnte die sogenannte „Römische Frage“ mit der Unterzeichnung der Lateranverträge gelöst werden.

Anfangsjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der neue italienische Nationalstaat stand in seinen Anfangsjahren vor großen innen- und außenpolitischen Problemen. Daher begann der Aufbau des Staatswesens nur langsam und zögerlich. Diese Anfangsjahre von 1861 bis 1876 wurden von meist kurzzeitigen Regierungen der konservativ-monarchistischen Partei historische Rechte („Destra Storica“) bestimmt. Diese gewann die meisten Wahlen von 1861 bis 1874 und stellte neun der insgesamt elf Regierungen bis 1876. Ihre Mitglieder waren meist Großgrundbesitzer und Industrielle sowie Militärs (Bettino Ricasoli, Quintino Sella, Marco Minghetti, Silvio Spaventa, Giovanni Lanza, Alfonso La Marmora, Emilio Visconti-Venosta) aus dem Norden Italiens.

Im Inneren des Königreichs verschärfte sich durch die staatlich vorangetriebene Säkularisation ab 1867/68 der Konflikt mit der katholischen Kirche, der Krieg mit den Briganten im Süden erreichte 1864/65 seinen Höhepunkt, der Zentralismus, welcher jahrhundertealte Regionalismen und sprachliche Unterscheide rücksichtslos unterdrückte, führte zu separatistischen Tendenzen im Süden und es kam in der Landwirtschaft zu einer starken Krise. Außenpolitisch war die neue Nation zunächst isoliert. Lediglich mit dem zweiten Französischen Kaiserreich pflegte der jungen Nationalstaat gute Beziehungen. Bei Großbritannien hatte sich Italien durch die Abtretung von Nizza und Savoyen an Frankreich diskreditiert.

Militärische Postkarte des "reggimento lancieri di Montebello" um an den Kampf gegen die Briganten zu erinnern (um 1861–1863)
Marco Minghetti

Dennoch gelang es den Nachfolgern von Cavour die Lage zu beruhigen. Der Brigantenkrieg („brigantaggio“) überschattete allerdings den Aufbau immer wieder. Er wurde von mehreren tausenden Aufständischen, die in Banden organisiert waren und von der Mehrheit der Bevölkerung in den Berglandschaften Süditaliens unterstützt wurden, getragen.[3] Sie wurden anfangs auch vom Kirchenstaat unterstützt und zerstörten und plünderten die neuen staatliche Einrichtungen. Auch gelang es ihnen erfolgreich ganze Armeebataillone und Polizeiaufgebote zu attackieren.[13] Die Ursachen waren die fehlende Verbesserung der Verhältnisse im Süden (im ehemaligen Königreich beider Sizilien), wo es keine Reformierung der Landesverwaltung gab und zu einer Erhöhung der Steuern kam.

Der rund 100.000 Mann[13] zählenden Königlichen italienischen Armee gelang es vorerst nicht, die Guerillakämpfer auszuschalten. Auf dem Höhepunkt des Krieges beherrschten sie einige wichtige Städte und ganze Regionen des Südens.[13] Der Staat ging daher mit äußerster Härte vor. Es kam zur Verhängung des Ausnahme- und Kriegsrechts, zu standrechtlichen Erschießungen, Zerstörungen von Dörfern und tödlichen Kollektivverhaftungen mit insgesamt 130.000 Toten.[14] Am 15. August 1863 verhängte die Regierung von Marco Minghetti das sogenannte Pica-Gesetz, welches die Aussetzung der verfassungsrechtlichen Rechte in den Provinzen, die von Räuberei betroffen waren, vorsah. Der Krieg dauerte von 1861 bis 1865 und 1866 bis 1870.

1865 kam es unter Ministerpräsident Alfonso La Marmora zur Vereinheitlichung des Zivil- und Wirtschaftsrechts sowie der Strafprozessordnung. Zu einer Strafrechtsvereinheitlichung kam es erst 1889.[14] Außenpolitisch garantierten Italien und Frankreich mit dem Septemberabkommen vom 15. September 1864 die Unversehrtheit des restlichen Kirchenstaats. Der Vertrag sah dafür einen Abzug der französischen Truppen aus Rom innerhalb von zwei Jahren vor. Italien verpflichtete sich im Gegenzug den Kirchenstaat in Krisenzeiten zu unterstützen, die Einrichtung eines Korps von Freiwilligen zu ermöglichen und einen Anteil an den päpstlichen Staatsschulden zu übernehmen. Ein vorerst geheimes Zusatzprotokoll regelte den Wechsel der Hauptstadt Italiens innerhalb von sechs Monaten. Zuerst sollte die Hauptstadt von Turin nach Neapel verlegt werden. Später wurde Florenz, trotz Protesten von König Viktor Emanuel II. und blutig niedergeschlagenen Demonstrationen in Turin, ausgewählt. Das Verhältnis von König und Papst blieb aber gespannt. Auch weil der italienische Staat im Mai 1874 sämtliche geistliche Orden verbot und deren Eigentum konfiszierte.[15]

1865 folgte ein Vertrag mit dem Deutschen Zollverein und am 6. April 1866 ein geheimes Bündnis mit Preußen,[14] was Italien aus der Isolation führte. Die Monarchie blieb aber bis 1871 faktisch abhängig von Frankreich.[16]

Der neue Staat stand auch vor einer schwierigen finanziellen Situation.[16] Die Finanzierung des Risorgimento hat die Finanzen des sardischen Staates (Schaffung einer modernen Armee durch Cavour und Alberto La Marmora) abgedichtet, dazu kamen die Kosten der militärischen Kampagnen in Italien und der sardischen Teilnahme am Krimkrieg. Trotz der Steuerbelastung von 82 Millionen Lire im Jahr 1850 auf 145 Mio. im Jahr 1858, hatte die sardische Regierung nicht über ausreichende Mittel verfügt. Die öffentliche Verschuldung wuchs von 420 Mio. Lire im Jahr 1850 auf 725 Mio. im Jahr 1858. 1866 war das Haushaltsdefizit auf 721 Mio. Lira rapide gestiegen. Um den Konkurs zu verhindern, wurden nach dem Deutschen Krieg 1866 die Konvertibilität der Noten in Gold ausgesetzt und durch den „Corso forzoso“ ein staatlich festgeschriebener Kurs der Lira eingeführt. Ab 1868 kam es zu massiven Steuererhöhungen und zum Verkauf einiger staatlicher Monopole, was zu heftigen Sozialprotesten führte.[15] Die Entscheidung zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1872 verschlimmerte die Situation jedoch erheblich.

Um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren berief König Viktor Emanuel II. am 10. Juli 1873 Minghetti erneut zum Ministerpräsidenten. Dieser betrieb in seiner zweiten Amtszeit eine strenge Bilanzpolitik, die 1876 zum Ausgleich des Haushaltes führte. Er wollte auch den Staat als „Schlüsselgarnitur“ in der Grundlegung wirtschaftlichen Modernisierung fungieren lassen. Er setzte dabei vor allem auf den Eisenbahnbau, der bis 1879 auf etwa 8.000 Streckenkilometer angewachsen war. Jedoch konnten, wegen zu wenig Investitionen in die Bildung und weil private oder ausländische Investitionen in die noch junge Industrie weitgehend unterblieben, die staatlichen Ausgaben nicht kompensiert werden und es kam zu Steuererhöhungen im Konsumbereich und zur Herabsetzung der Reallöhne in staatlichen Betrieben. Italien war schließlich zeitweise das Land mit den höchsten Verbrauchssteuern und niedrigsten Löhnen in Mittel- und Westeuropa. Gleichzeitig löste der sich verstärkende Import von ausländischen Agrarprodukten eine Krise in der Landwirtschaft aus. Es kam zur Landflucht in die Großstädte und die Auswanderungen nach Übersee nahmen zu.[17] Rom wurde daher nach seiner Proklamation zur Hauptstadt großflächig umgestaltet.[15]

Liberale Ära (1876–1922)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand. Ein von Giuseppe Mengoni von 1865 bis 1877 konstruiertes Bauwerk, benannt nach König Viktor Emanuel II.

Nach dem Tod von König Viktor Emanuel II. 1878 entwickelte sich Italien unter seinen Nachfolgern Umberto I. und Viktor Emanuel III. zu einer de facto parlamentarischen Monarchie nach britischem Vorbild. Die nächsten vier Jahrzehnte des neuen Nationalstaates waren durch eine lange liberale Periode, die innen- wie außenpolitisch in hohem Maße durch das Wirken einzelner Personen, nicht Parteien, die durch das extreme Zensuswahlrecht keine politisierende und nationbildende Kraft entfalten konnten, gezeichnet wurde, geprägt. Dabei zerfällt die Zeit in drei Phasen: Von 1876 bis 1887 begann der Linksliberale Agostino Depretis die Reformierung des Staatswesens,[18] welche den Aufstieg Italiens zur sechsten europäischen Großmacht ebnete. In der folgenden Zeit versuchte sein Nachfolger Francesco Crispi den Staat zu stärken und betrieb bis zu seinem Sturz 1896 eine aggressive und militaristische Außenpolitik, die auf die Eroberung von Ostafrika und eine italienische Vorherrschaft im Mittelmeerraum ausgerichtet war.[18] Ab 1900 dominierte Giovanni Giolitti weitgehend das politische Geschehen und leitete eine langsame Demokratisierung des Klassensystems ein.

Die Anfangsjahre der liberalen Ära waren durch die Wirtschaftskrise der 1880er Jahre, die Süditalien wirtschaftlich ruinierte, Arbeitslosigkeit und eine sich verstärkende Auswanderungswelle geprägt.[18] Diese Probleme belasteten das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft sehr und führten zur Herausbildung zweiter großer Oppositionsgruppen: der sozialistisch-anarchistischen und der katholischen. Dabei gelang es den Sozialisten und Republikanern bereits in den 1880er Jahren schrittweise ins Parlament zu kommen, während sich die Katholiken in nichtpolitischen Organisationen organisierten.[19]

Der Beginn des italienischen Imperialismus ab 1887, mit welchem die verschiedenen italienischen Regierung die Auswanderung in die eigenen Kolonien (Sozialimperialismus) umlenken wollten, ging Hand in Hand mit der gleichzeitig vorangetriebenen Hochindustrialisierung in Norditalien, welche das Land bis zur Jahrhundertwende zu einer der weltweit führenden Industrienationen aufstiegen ließ. Der um die Jahrhundertwende erstarkende Nationalismus und Irredentismus belastete die Beziehungen zu den Bündnispartnern im Dreibund zunehmend und führte 1911 zur Eroberung des osmanischen Libyens.[19]

Der Erste Weltkrieg und die darauffolgende Staatskrise beendeten schließlich die liberale Ära durch den faschistischen Marsch auf Rom 1922.[19]

Die Linke an der Macht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 18. März 1876 stürzte die Opposition in einer Abstimmung im Parlament die Regierung Minghetti. Grund war das Bestreben gewesen, die im Jahre 1865 an private Unternehmen verkauften italienischen Eisenbahnen wieder zu verstaatlichen.[20]

Der König fürchtete eine Minderheitsregierung und beauftragte den linksliberalen Oppositionsführer Agostino Depretis am 25. März 1876 mit der Regierungsbildung. Depretis war der unbestrittene Führer der Partei der historischen Linken („Sinistra Storica“) und hatte viel politische Erfahrung.[21] Es war auch das erste Mal im neuen Königreich Italien, das eine Regierung nur von linken Männern geleitet wurde.

Die zur Regierung gekommene Partei war allerdings zerstritten.[22] Die ideologische Matrix der Gruppierung war progressiv-liberal, wurde aber auch von den Ideen Giuseppe Mazzinis und Garibaldis beeinflusst. Depretis bildete daher eine Regierung, die, neben der Unterstützung der Linken, auch auf die Unterstützung eines Teils der Rechten bauen konnte, die zum Sturz der Regierung Minghetti beigetragen hatten. In seinen Regierungsjahren suchte Depretis immer breite Zustimmung bei einzelnen Problemen mit Teilen der Opposition, was zum Phänomen des „Trasformismo“ (Transformation) führte. Despotische und korrupte Handlungen, die sich in autoritären Maßnahmen, wie dem Verbot von öffentlichen Versammlungen und der Verbannung von als „gefährlich“ eingestuften Individuen auf abgelegene Strafinseln in ganz Italien spiegelten, prägten jedoch ebenfalls die Regierungszeit von Depretis.

Die Wahlen vom November 1876 bestätigten Depretis' Stabilisierungs- und Entspannungspolitik und waren ein Erfolg: von den Listen der Linken wurden 414 Abgeordnete, von den Rechten nur 94 gewählt.

Aufstieg zur Großmacht und neue Außenpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herrscher des Dreibundes Umberto I., Wilhelm II. und Franz Joseph I.

In der Außenpolitik setzte Depretis in seiner ersten Regierung vorsichtig eine Annäherung an das neue Deutsche Reich durch, um der aktuellen französisch Politik der Wiederherstellung der Macht der Kirche und des Ultramontanismus unter Staatspräsident Patrice de Mac-Mahon entgegenzuwirken. Diese francophobe Haltung vertiefte sich im Mai 1877, als in Paris die Regierung von Albert de Broglie gebildet wurde, welche klerikale Positionen begünstigte. Die politische Krise in Frankreich und die Unsicherheit auf dem Balkan wegen des Russisch-Türkischen Krieges veranlassten ihn, den Präsidenten der Abgeordnetenkammer (Camera dei deputati) Francesco Crispi auf eine Erkundungsmission nach London, Berlin, Paris und Wien zu schicken, um für Italien neue Verbündete zu gewinnen. Die Mission zeigte keinen Erfolg und auch ein neues deutsch-italienisches Bündnis gegen Österreich-Ungarn scheiterte am Widerstand des deutschen Kanzlers Bismarck.

Die langsame innenpolitische Stabilisierung Italiens, der kleine wirtschaftliche Aufschwung und der Ausbau der Königlich italienischen Armee zu einer schlagkräftigen Streitkraft ermöglichten Italien bald den Aufstieg zu einer der europäischen Großmächte. Diese Aufwertung wurde auf dem Berliner Kongress vom 13. Juni 1878 bis 13. Juli 1878 bestätigt. Dennoch blieb Italien isoliert und konnte weder das osmanische Albanien, Tunesien oder Libyen erwerben.[23] Stattdessen musste das Königreich die Österreich-Ungarn zugesprochene Verwaltung über das besetzte Bosnien und Herzegowina, die neue britische Herrschaft über Zypern und Garantien für Frankreich bezüglich Tunesien hinnehmen. Ein gescheitertes Attentat des Anarchisten Giovanni Passannante auf Umberto I. in Neapel bot die Gelegenheit, die erste Cairoli-Regierung unter dem Vorwurf der Schwäche am 19. Dezember 1878 zu Fall zu bringen.

Österreich-Ungarn, das Königreich Italien und das Deutsche Reich im Jahr 1899

Depretis kehrte am 19. Dezember 1878 in sein Amt zurück und übernahm wegen der noch empfindlichen internationalen Position von Italien auch das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten. Er verfolgte, trotz sich durch die sich langsamen Verfestigung der Bündnisse in Europa (Dreikaiserabkommen, Dreikaiserbund, Zweibund) ergebenden relativ günstigen Lage Italiens, keine klare Strategie in den Beziehungen mit dem Ausland. Allerdings war es wegen den meist kurzen Amtszeiten schwierig, eine dauerhafte außenpolitische Richtung einzuschlagen.

Die außenpolitische Lage Italiens verschlechterte sich allerdings, als Frankreich sich im Jahr 1881 Tunesien bemächtigte, an dem Italien auch interessiert war. Der sogenannte Schlag von Tunis („schiaffo di Tunisi“) war der letzte Akt einer Reihe von außenpolitischen Fehlschlägen der zweiten Regierung Cairoli (seit dem 14. Juli 1879 im Amt), durch deren offenen Irredentismus die Beziehungen zum Habsburgerreich abkühlten und die Beziehungen zu Frankreich durch die Konkurrenz der beiden Mächte um Tunesien angespannt waren. Trotz Zusagen des französischen Premierministers Jules Ferry, sich Tunesien nicht einzuverleiben, marschierten am 1. Mai Jahre 1881 französische Truppen in Tunesien ein und machten im Bardo-Vertrag Tunesien am 12. Mai zum französischen Protektorat. Die Regierung Cairoli, von der öffentlichen Kritik und Empörung in Italien überwältigt, trat am 29. Mai zurück.[21] Der König beauftragte Quintino Sella die neue Regierung zu bilden, griff aber nach erfolglosen Versuchen auf Depretis zurück. Dieser legte in seiner vierten Amtszeit die Priorität auf die Außenpolitik und legte nun eine strenge und konsequente Richtung ein. In der Tat beschloss er nach dem Streit auf dem Berliner Kongress und dem Schlag von Tunis, die Frage der Allianzen zu lösen. In dieser Hinsicht war König Umberto I. zu einer Verständigung mit Österreich-Ungarn und Deutschland geneigt, die die Monarchie in einer konservativen Art und Weise stärken sollten.[23] Im Oktober 1881 gingen der Monarch und er nach Wien, wo es zu ersten Annäherungsversuchen kam.

Die Annäherung an die späteren Mittelmächte war aber wegen der früheren Kriege mit Österreich in weiten Teilen der Bevölkerung unbeliebt. Auch Depretis neigte, entgegen den Erwartungen des Königs, zu einer Allianz mit Paris. Er glaubte, die Folgen der Besetzung von Tunesien wären für Italien nicht bedrohlich und argumentierte mit den um 1880 lebenden 400.000 italienischen Einwanderern in Frankreich. Der Außenminister, den Depretis gewählt hatte, Pasquale Stanislao Mancini war jedoch zugunsten eines Bündnisses mit dem wirtschaftlich und militärisch erstarkenden Deutschland. Bismarck traute Depretis Regierung allerdings nicht, weil sie nahe an den Ideen des neuen revisionistischen französischen Premierministers Léon Gambetta lag. Stattdessen überzeugte er zuerst im Inneren der Monarchie Anfang 1882 von der Nützlichkeit einer Allianz, sofern sie nicht einen Krieg mit Frankreich bedeutet hätte. Am 20. Mai 1882 wurde in Wien der Vertrag zum Dreibund unterzeichnet, der die Isolierung Italiens brach und eine Einbindung des Landes in das europäische Mächtegleichgewicht ermöglichte.[23] Das Bündnis bestimmte für die nächsten 20 Jahre die italienische Außenpolitik und schützte Österreich-Ungarn vorerst vor italienischen Gebietsansprüchen.

Ein paar Monate später kam es allerdings zu einer ersten Krise innerhalb des Bündnisses. Auslöser war die Hinrichtung des Italieners Guglielmo Oberdan am 20. Dezember 1882 in Triest, welcher eines Attentates auf Kaiser und König Franz Joseph I. beschuldigt wurde. In Italien löste die Hinrichtung Proteste aus und der Dreibund verlor weiter an Beliebtheit.

Depretis Regierung musste mit einer Welle von anti-österreichischen Gefühlen im Volk, die in gewalttätige Demonstrationen und Angriffen auf österreichische Büros und Konsulate in Rom mündeten, fertig werden und verhielt sich neutral. Doch trotz aller Bemühungen der Regierung auf Versöhnung, grub der Tod von Oberdan eine starke Kluft zwischen Italien und Österreich auf. So blieben die Beziehungen zum österreichischen Verbündeten weiterhin schwierig. Auch weil Österreich-Ungarn von Deutschland bevorzugt wurde und die beiden Mächte Italien nicht als gleichberechtigten Partner anerkannten.

Innenpolitische Reformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agostino Depretis

Die langjährige Regierungszeit von Depretis ermöglichte zahlreiche Reformen.[21]

Am 15. Juli 1877 wurde vom Innenminister Michele Coppino ein Gesetz vorgelegt, welches eine zweijährige kostenlose obligatorische und säkulare Grundbildung und einen freiwilligen sechs bis neun Jahre dauernden Schulbesuch für Kinder festlegte.[21] Der obligatorische Religionsunterricht endete dafür, was den heftigen Antiklerikalismus der Linken demonstrierte.[21] Die Reform führte jedoch wegen der hohen Kosten zu Kritik. Im Dezember 1877 drohte Depretis von seinem radikaleren innenparteiischen Rivalen Cairoli gestürzt zu werden. König Viktor Emanuel II. stellte sich aber hinter Depertis Programm und behielt ihn im Amt. Es war der letzte wichtige politische Akt des Monarchen, der am 9. Januar des nächsten Jahres starb. Die neue zweite Regierung, in der Crispi, der für mehr Reformen bereit war, Innenminister wurde, setzte die Abschaffung des Ministeriums für Landwirtschaft durch. Förderte Industrie und Handel und gründete das Finanzministerium, um eine bessere Kontrolle über die Staatsausgaben zu gewinnen. Solche Entscheidungen und Dekrete wurden allerdings ohne die eigentlich benötigte Beteiligung des Parlaments getroffen. Die Abmilderung der verhassten Steuer auf Mehl am 24. Juni 1879 wurde hingegen durch den Senat genehmigt. Nach den Wahlen vom 16. Mai 1880, bei denen seine Partei von 414 auf 218 Sitze schmolz, war Depretis jedoch in allen Fragen von der Unterstützung des Parlamentes abhängig und setze alls Innenminister und Ministerpräsident in Personalunion seine Reformpolitik fort. Im Januar 1882 erweiterte er das Wahlrecht.[21] So hatten alle Männer, die mindestens 21 Jahre alt waren, die zwei Jahre der Grundschule besucht hatten, oder die eine jährliche Steuer von mehr als 19,80 Lire aufbringen konnten, das Recht zur Wahl zu gehen. Nach diesem Gesetz wuchs der Anteil der Wahlberechtigten von 2,2 % der Bevölkerung im Jahr 1879, 621.896, auf 2.049.461, oder 6,9 %. Das heißt mehr als ein Viertel der damaligen erwachsenen männlichen Bevölkerung.

Mit dem Ansatz des ersten größeren Wahlen, die vom 29. Oktober bis 5. November 1882 abgehalten wurden, kam es mit dem Aufstieg der extremen Linken („Estrema sinistra“) zu einer Beschleunigung des Zerfalls der traditionellen politischen Parteien. Auf solche Umwälzungen reagierten die beiden alten politischen Parteien mit einer Abnahme der ideologischen Konflikte und eine Überwindung ihrer Differenzen. Als Folge setzte sich das Konzept des trasformismo durch, in dem es Depretis verstand, Teile der gemäßigten Opposition an sich zu binden und durch ein neuartiges, moderat reformistisch auftretenden, zentristischen politischen Lagers, die progressive Vorstöße der Radikalen und Republikaner im Parlament kontrollieren zu können.

Innerhalb der Linken hatte dieses Konzept starke Spannungen provoziert. Als im Mai 1883 Depretis zu stürzen drohte, beschloss der Führer der Rechten Minghetti, Depretis besonders zu unterstützen, um die extremen Flügel des Parlaments zu bremsen und so das Aufkommen der Volkssouveränität, in Furcht vor Anarchie und Despotie, zu verlangsamen. Dennoch neigte sich ab 1885 Depretis Amtszeit dem Ende zu. Die Wahlen vom Mai 1886 brachten Depretis nur einen kleinen Stimmengewinn ein und mehrere Abgeordnete der Rechten verweigerten ihm nach dem Tod von Marco Minghetti im Dezember 1886 die Unterstützung. Dazu folgte die Agrarkrise, die 1884 zur Abschaffung der Mahlsteuer führte.[21]

Wirtschaftliche Modernisierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaftlich verfolgte Depretis eine protektionistische Politik, forcierte die Industrialisierung Italiens und die Modernisierung der Königlich italienischen Armee und Marine. 1878 ließ er im Zolltarif die Einfuhr von Rohstoffen gegenüber Fertigprodukten erleichtern und 1883 den Zwangskurs für die Lira abschaffen.[21][24] Die protektionistische Maßnahmen sollten als Vorbereitung für die Anpassung an das Klima des internationalen Wettbewerbs dienen und brachten eine Erhöhung der Industrialisierung im Norden, vor allem in der Textil- und Stahlindustrie. Die Jahre von Depretis Regierungen waren auch von einem deutlichen Anstieg des Straßen- und Schienennetzes, welches am Ende der 1880er ein Streckennetz von 12.000 km umfasste, pegrägt. 1882 wurde der Gotthardtunnel mit der Schweiz eröffnet.

Die Landwirtschaft geriet im gleichen Zeitraum durch das bemerkenswert starke Wachstum der amerikanischen Getreideproduktion in eine schwere Krise. Italiens Jahresproduktion von Mais und Weizen ging von 1880 bis 1890 um ein Fünftel zurück und die Preise sanken um ein Drittel. Dafür kam es zu einer deutlichen Zunahme der Einfuhren von Getreide. Als Folge brach die Landwirtschaft im Süden zusammen. Die Krise führte zu einer Auswanderungswelle, die zur Emigration von 3,6 Millionen Italienern bis zum Ende des Ersten Weltkriegs führte. Dennoch stützte er sich auf die konservativen südlichen Grundbesitzer und deren anachronistische Latifundienwirtschaft.[24] Modernisierungsvorschläge, wie sie von der 1877 eingesetzten Parlamentskommission unter Stefano Jacini 1884 vorgelegt wurden, wurden nicht befolgt. Stattdessen wurden die Vergrößerung des Heeres, der Marine und die Schaffung einer Schwerindustrie vorangetrieben. Dafür wurden von meist privaten Unternehmen zahlreiche Großbetriebe im Norden gegründet. Wegen der rückständigen Ausgangslage und des Mangels an Rohstoffen und Kapital war ein schneller Aufschwung nur mit staatlicher Hilfe möglich, und darüber kam es sogleich zu einer engen Allianz von politischer Macht und dem organisierten Kapitalismus. Bereits die Verschmelzung der Schifffahrtsgesellschaft Rubattino mit der Florio-Gesellschaft zur Navigazione generale Italiana 1882 war mit staatlichen Subventionen unterstützt worden. Eine ähnliche Zuwendung vom Staat erfuhren die großen Eisenbahngesellschaften. 1884 gründete der Unternehmer Vincenzo Stefano Breda die Stahlwerke in Terni. Der Konzern konnte die Kontrolle über die Großwerften in Genua und Livorno gewinnen und blieb bis zum Ersten Weltkrieg Hauptlieferant der italienischen Kriegsmarine. Die Eisenproduktion stieg von 95.000 Tonnen (1881) auf 176.000 (1888), die Stahlproduktion im gleichen Zeitraum von 3.600 auf 158.000 Tonnen.[25] Ein Bauboom in den Großstädten begleiteten diesen Aufschwung. Die Profite kamen allerdings nur einer kleinen Gesellschaftsschicht zugute und ohne eine effektive Sozialpolitik wurden die Klassenunterschiede nur verschärft. Der verstärkt protektionistische Zolltarif vom Juli 1887 löste einen zehnjährigen Zoll- und Handelskrieg mit Frankreich aus. Die Krise der Landwirtschaft, welche große Märkte verlor und von da an teure einheimische Maschinen zur Produktion kaufen musste, löste einen verstärkten Eingriff des Staates ins Wirtschaftsleben aus und führte zu weiterer Staatsverschuldung.[26]

Anfänge der Kolonialpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den zwei Jahrzehnten nach der Vereinigung begann Italien mit einer eigenen Kolonialpolitik. Zunächst richtete sich diese auf die noch wenigen freien asiatischen Territorien, vor allem Thailand, Burma, das Sultanat von Aceh, die Inseln Andamanen und Nikobaren. 1880 wollte die italienische Regierung in Sabah, dem malaysischen Teil der Insel Borneo, eine Strafkolonie errichten, entschied aber, dem ebenfalls interessierten Großbritannien freie Hand zu lassen, das die Kolonie Federated Malay States errichtete.

Schlacht bei Dogali (Gemälde von Michele Cammarano)

Die Ursprünge der italienischen Kolonialpolitik lagen bereits im Jahr 1861. Cavour versuchte noch kurz vor seinem Tod, um mit den Mächten Frankreich und Großbritannien mithalten zu können, eine kleine Kolonie zu schaffen, zunächst an der Küste Nigerias und auf der portugiesischen Insel Príncipe im Golf von Guinea. 1869 wurde der Forscher Emilio Cerruti vom italienischen Außenministerium nach Neuguinea entsandt, um Beziehungen mit der lokalen Bevölkerung zu etablieren. Der Forscher kam mit guten Ergebnissen für die Schaffung einer Handelskolonie und/oder Strafkolonie nach Italien zurück, und legte der Regierung in Florenz Entwürfe von Verträgen vor, die von den Sultanen der Aru-Inseln und Kei-Inseln unterzeichnet wurden. Cerruti nahm sogar einige Gebiete an der Nordküste und im Westen von Neuguinea im Namen von Italien in Besitz. Im Jahr 1883 bat Italien daher die britische Regierung von William Ewart Gladstone auf diplomatischem Wege, eine italienische Kolonie in Neuguinea zu akzeptieren. Die britische Weigerung und der Widerstand der Niederlande zwangen Italien, die Kolonisation im Pazifischen Ozean und in Asien aufzugeben.

1884 wurde General Cesare Ricotti-Magnani mit der Aufstellung eines Expeditionskorps für eine mögliche Besetzung des türkischen Libyens im Falle einer französischen Aktion in Marokko beauftragt. Aber Italiens Aufmerksamkeit konzentrierte sich weiter nach Süden. Am 5. Februar 1885 Oktober besetzten seine Truppen das eritreische Massaua. Bereits 1882 hatte die italienische Regierung von der Rubattino-Reederei Assab erworben, das die erste Kolonie Italiens wurde. Von 1885 bis 1890 setzte sich Italien in Ostafrika fest. 1885 wurde die gesamte Küste zwischen Massawa und Assab erobert und einige sudanesische Randgebiete besetzt. Im Mittelmeer begnügte man sich mit dem Status quo und schloss darüber am 12. Februar mit der Mittelmeerentente ein Abkommen mit Großbritannien.[27] Am 24. März 1887 trat Österreich-Ungarn und am 4. Mai Spanien bei.

1886 erklärte Italien dem Kaiserreich Abessinien den Krieg. Der sogenannte Eritreakrieg (Guerra d'Eritrea) begann mit einigen italienischen Siegen. Doch aus Unerfahrenheit und Oberflächlichkeit erlitten die italienischen Truppen in der Entscheidungsschlacht von Dogali vom 25. Januar bis zum 26. Januar 1887 eine entscheidende Niederlage. Diese und die hohen Kriegskosten führten zur Kritik von großen Teilen des Parlaments und bedeuteten das Ende der Ära von Depretis. Am 4. April 1887 bildete er noch seine achte und letzte Regierung.

Crispi und die „Politik des nationalen Prestiges“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Francesco Crispi

Nach dem Tod von Depretis am 29. Juli 1887 ernannte König Umberto I. Francesco Crispi zuerst zum Außenminister und am 7. August zum Ministerpräsidenten. Der König sympathisierte mit seinen Positionen für die Unterstützung des Dreibundes und für seine Überzeugung, eine starke Armee zu begründen.

Crispi bestimmte von 1887 bis 1896 die italienische Innen- und Außenpolitik maßgeblich. Er bewunderte Bismarck und stand für eine autoritäre Innenpolitik und eine imperialistische „große“ Außenpolitik, welche die inneren Probleme Italiens auffangen sollte und das Land international „gewichtiger“ sowie aktiver machen würde. Seine Amtszeit („Ära Crispi“) war aber auch durch die regelmäßige Überschreitung der verfassungsrechtlichen Kompetenzen des Regierungschefs geprägt (sog. „demokratische Diktatur“) und verschärfte die inneren Gegensätze der Nation, was zu schweren Arbeitskämpfen führte.[28]

Verstärkung des Militarismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem neuen Kabinett war Crispi sowohl auch Innen- und Außenminister. Mit dieser Konzentration der Kräfte traf er am 30. September 1887 zum Antrittsbesuch bei Bismarck in Friedrichsruh ein. Der Kanzler und Ministerpräsident sprachen sich dabei für die Erhaltung des internationalen Kräftegleichgewichts und eine Annäherung an das Osmanische Reich aus. Auch wurde für den Dreibund eine separate deutsch-italienische Militärkonvention beschlossen, welche im Kriegsfall aktiviert werden sollte und Deutschland Italien bei einer möglichen Festsetzung in Nordafrika Unterstützung zusicherte, während Italien dem Deutschen Reich bei einem Krieg gegen Frankreich helfen würde. In Ostafrika unterstützte der Kanzler die Politik Crispis, die auf eine Beendigung des Eritreakrieges mit Äthiopien gerichtet war und schlug vor Großbritannien als Vermittler einzuschalten.

Die Reise hatte einen erheblichen politischen Wert: Italiens Position unter den Großmächten war gestärkt, führte jedoch zu großer Irritation beim Russischen Reich und Frankreich. In Italien dagegen zeigte sich König Umberto I. über die Aussicht eines militärischen Plans mit Deutschland begeistert.

Eine französische Karikatur zur angeblichen Schwäche des Dreibundes. Der deutsche und österreichisch-ungarische Verbündete müssen dem schwächelnden Italien zu Hilfe kommen

Nach dem Treffen in Friedrichsruh bat Bismarck die britische Regierung, Druck auf Äthiopiens Kaiser Yohannes IV. auszuüben und diesen zu einem Frieden mit Italien zu bewegen. Der britische Premierminister Salisbury erreichte einige Zugeständnisse von Äthiopien, und Crispi war im Frühjahr 1888 in der Lage, zu verkünden, dass seine Politik in Afrika auf eine Sicherung des Friedens gerichtet war. Dies ermöglichte die Konsolidierung der Kräfte der Königlich italienischen Armee, die nun zu einem Großteil in Europa bleiben konnte, und eine umfassende Modernisierung, die mit dem Ausbau der Schwerindustrie und der massiven Erweiterung des italienischen Straßen- und Eisenbahnnetzes erreicht werden sollte.

Am 12. Dezember 1887 unterzeichneten Italien, Großbritannien und Österreich-Ungarn, auf Anregung von Bismarck, ein zweites Mittelmeerabkommen, in dem sich Crispi und der österreichisch-ungarische Außenminister Gustav Kálnoky verpflichteten, auch den Status quo in Osteuropa und auf dem Balkan zu erhalten und Österreich-Ungarn für jede Veränderung auf dem Balkan Italien Kompensationen zusicherte.[29]

Der in Italien erstarkende Nationalismus, den Crispi aufheizte[29] und für seine irredentistischen Ideen gegenüber Frankreich benutze, die auf eine Rückgewinnung Nizzas sowie Savoyens und eine Erweiterung des italienischen Staatsgebietes bis zur Rhone, Korsika und auf Tunesien abzielten, führte zu starken Verstimmungen mit Frankreich. Bismarck forderte aber von Italien als Bedingungen des deutsch-italienischen Militärabkommens vom 28. Januar 1888 die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa. Crispi sicherte dem Deutschen Reich dennoch im Konfliktfall mit Frankreich die Entsendung eines 200.000 Menschen starken Expeditionskorps an den Rhein zur Unterstützung der deutschen Armee zu.

Frankreich begann sich auf das Schlimmste vorzubereiten und verstärke seine Aktivität im Mittelmeer. Crispi, der die Grenzen der italienischen Flotte in Bezug auf die französische kannte, versuchte Österreich-Ungarn erfolgreich zur politischen Unterstützung zu bewegen. Dafür konnte Crispi das Königreich Rumänien zur formalen Anerkennung der ungarischen Souveränität über Siebenbürgen bewegen. Der Konflikt mit Frankreich führte schließlich beide Länder 1888–1890 an die Schwelle eines Krieges.[30] Als der Ausbruch dennoch immer wieder verhindert werden konnte, begann Crispi in diesem Zeitraum die Erhöhung der italienischen Militärausgaben voranzutreiben, um die Armee und Flotte auf einen möglichen Präventivkrieg vorzubereiten. Der Besuch des neuen deutschen Kaisers Wilhelm II. in Rom 1888, der von großer symbolischer Bedeutung für die internationale Anerkennung als italienische Hauptstadt war, hatte ihn dabei in seinem Unterfangen bestärkt. Im Dezember des gleichen Jahres legte er im Parlament einen Gesetzentwurf, der die Militärausgaben auf ein Drittel der staatlichen Ausgaben erhöhen sollte, vor. Crispi verwies dabei auf den Ausnahmecharakter der Situation in Europa und die Tatsache, dass alle Nationen rüsteten. Das Gesetz wurde verabschiedet, führte aber zu wachsenden sozialen Spannungen im Land. Schließlich musste er den unpopulären Finanzminister Agostino Magliani zum Rücktritt zwingen und ersetzte ihn durch Costantino Perazzi, der im Februar 1889 Steuererhöhungen ankündigte. Vertreter der Rechten und der extremen Linken schlossen sich zusammen, um den neuen Maßnahmen und dem Premierminister entgegenzutreten, der am 28. Februar auch seinen neuen Finanzminister entlassen musste. Crispi beschloss eine umfassende Regierungsumbildung vorzunehmen und konnte auf den Rückhalt des Königs, der sein Vertrauen in die nächste Regierung erneuerte, der Schwerindustrie und der irredistischen Bewegung setzen. Auch im Parlament konnte der Ministerpräsident auf eine breitere Basis setzen und seinen aggressiven außenpolitischen und militaristischen Kurs fortsetzen.

Nach der kleinen Regierungskrise begleitete Crispi im Mai 1889 König Umberto I. auf seinem Staatsbesuch bei Wilhelm II. in Berlin. Bei einem Treffen mit Bismarck und dem Chef des Generalstabes Alfred von Waldersee, gestand dieser Crispi, dass das deutsche Heer nicht für einen Krieg gegen Frankreich vorbereitet sei. Crispi beschloss daraufhin seine aggressive Außenpolitik gegenüber Frankreich zu beenden und sich wieder auf Afrika zu konzentrieren.

Reformierung der Verwaltungs- und Sozialpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Crispi und seine Minister bei einer Audienz beim König im Quirinalspalast 1888. Neben Crispi der damalige Finanzminister Agostino Magliani; hinter ihm Kriegsminister Ettore Bertolè Viale

Auch in Inneren Italiens gelangen Crispi beachtliche Erfolge.[30] Am 9. Dezember 1887 wurde in der Abgeordnetenkammer und zwei Monate später im Senat sein Gesetzes zur „Neuordnung der zentrale Verwaltung des Staates“ angenommen. Es stärkte die Rolle des Regierungschefs und schrieb die endgültige Rolle der Exekutive gegenüber dem Parlaments fest. Gleichzeitig gab es ihr das Recht über die Anzahl und die Funktionen der Ministerien zu entscheiden. Allerdings musste sie dafür immer die Zustimmung des König einholen. Ein anderer Punkt regelte die Einsetzung von parlamentarischen Unterstaatssekretären in jedem Ministerium, welche den politischen Charakter der Regierung verstärken sollten.[30] Bereits am 4. September 1887 war ein Sekretariat für den Ministerpräsidenten eingerichtet worden, welches seine Gesetzesentwürfe und Statuten überprüfen sollte, bevor sie dem Parlament vorgelegt werden sollten, und ihn ständig über den Zustand der Nation informierte. 1888 kam es zur Liberalisierung des Strafgesetzbuches, welches die Todesstrafe abschaffte und formell das Streikrecht legalisierte.[28] Der nach dem Justizminister Giuseppe Zanardelli benannte „Zanardelli-Code“ beruhte auf dem piemontesischen Strafrecht von 1859, milderte aber dessen Klassencharakter und setzte dafür die Strafen für Eigentumsdelikte herab.[28] Eine andere liberale Reform im gleichen Jahr war die Erweiterung des Wahlrechts auf kommunaler und provinzieller Ebene. Es wurde im Juli 1888 verabschiedet und verdoppelte fast die Anzahl der lokalen Wähler. Auch ermögliche es Gemeinden mit über 10.000 Einwohnern und in allen Landeshauptstädten, sowie denen von Landkreisen und Bezirken, ihre Bürgermeister selbst zu wählen und führte Verwaltungsgerichte ein.[30] Diese Erweiterung der regionalen Befugnisse war jedoch mit einer Stärkung der Befugnisse des Staates auf überregionaler Ebene und der Leiter der Verwaltungsprovinzräte verbunden. Diese Reform wurde vom Senat im Dezember 1888 genehmigt und trat im Februar Jahre 1889 in Kraft.

Um die sozialen Verhältnisse des Großteils der Bevölkerung zu verbessern, erließ Crispi 1888 ein Gesetz, mit dem eine staatliche Gesundheits- und Hygienepolitik begann.[28] Unter dem Grundsatz, dass der Staat die Verantwortung für die Gesundheit der Bürger trage, richte er im Innenministerium eine Direktion für die öffentliche Gesundheit ein, an der auch Ärzte an der Entscheidungsfindung beteiligt waren. Auch wurden für alle Gesellschaftsgeschichten ärztliche Besuche beziehungsweise Kontrollen verpflichtend. Vorausgegangen war dem der Ausbruch einer Choleraepidemie zwischen 1884 und 1885 in Süditalien, der zwischen 18.000 und 55.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Im März 1889 erließ Crispi ein Gesetz zum Schutz der Bürger gegen staatliche Rechtsverletzungen. Es regelte die Schaffung eines neuen Postens im Ministerrat, der Streitigkeiten zwischen betroffenen Bürgern und der Bürokratie schlichten oder lösen sollte. Um den Staat endgültig auf eine sichere Grundlage stellen zu können, wurden von Crispi ab 1891 noch der Staatshaushalt und das Bildungssystem reformiert. Der Bilanzausgleich konnte aber nur Steuererhöhungen angegangen werden. Wegen der ab 1890 beginnenden Bankenkrise wurde zeitweise der corso forzoso eingeführt und die Kompetenzen der 1893 gegründeten Staatsbank Banca d’Italia erweitert, es kam zu einer Reorganisation des Kreditwesens und der Einführung der Banca mista nach dem Vorbild der deutschen Universalbanken.[31] Im Schulwesen setzte Unterrichtsminister Paolo Boselli auf dessen Vereinheitlichung und eine stärkere Einbeziehung technischer Bildung in den Unterricht.

Zunahme der inneren Spannungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Crispis autoritäre Politik führte zu einer Verstärkung der inneren Konflikte in Italien. Ein Skandal um die Banca Romana brachte die Korruption der führenden Schichten an den Tag und diskreditiere diese in den Augen der italienischen Bevölkerung. Der sich radikalisierende Antiklerikalismus Crispis führte zur gesetzlichen Verdrängung der katholischen Kirche auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge und der Enteignung ihre letzten Stiftungen, sicherte aber das staatliche Monopol auf diesem Gebiet.[28] Auf den Aufwind der organisierten Arbeiterschaft und sich zuspitzende Arbeitskämpfe reagierte er mit Ausnahmegesetzen und verstärkten Repressionsmaßnahmen.[28]

Der Jurist Filippo Turati forcierte nach dem Vorbild der deutschen Sozialdemokratie 1892 den Zusammenschluss diverser sozialistischer Strömungen zur einheitlichen Partei Partito Socialista Italiano

1889 kam es zu einer ersten großen Repressionswelle. Dabei wurden vor allem Aktivisten der seit 1896 verbotenen und nun im Untergrund tätigen italienischen Arbeiterpartei (Partito Operaio Italiano) verhaftet.[28] 1890 verpflichtete Crispi alle Gemeinden, sich um ihre lokalen Armen und Wohltätigkeitsorganisationen zu kümmern und finanzielle Spenden nur mit der Genehmigung der Landesregierung anzunehmen und schaltete den Einfluss der Kirche vollständig aus. Papst Leo XIII. verurteilte diese Politik im Dezember 1899 als antireligiös und bestärke die frommen italienischen Katholiken in ihrer Abwehrhaltung gegenüber dem italienischen Staat.[28] Die Wahlen vom 23. November 1890 waren jedoch ein außerordentlicher Erfolg für Crispis Politik. Von 508 Abgeordneten gehörten 405 seinem politischen Lager an. Aber schon im Januar 1891 verschlechterte sich die Situation wegen des hohen Haushaltsdefizites. Am 31. Januar wurde Crispi schließlich zum Rücktritt gezwungen.

Der Fall von Crispi brachte zwei kurzzeitige Regierungen an die Macht. Die erste rechtsgerichtete Regierung von Antonio Starabba di Rudinì[29] war instabil und konnte 1891 lediglich die Verlängerung des Dreibundes durchsetzen. Im Mai 1892 wurde diese gestützt und am 15. Mai Giovanni Giolitti neuer Ministerpräsident. Die erste Regierung Giolitti[29] konnte sich jedoch auf eine nur schlanke Mehrheit verlassen und wurde im Dezember 1892 in den Banca Romana-Skandal verwickelt. Giolitti wurde die Erwerbung von unrechtmäßig erworbenen Gewinnen vorgeworfen. Auch der König war kompromittiert und eine Rückkehr Crispis schien unausweichlich. Nachdem eine gerichtliche Untersuchung der Banca Romana diesen entlastete und sich im Oktober 1893 die Finanzkrise gefährlich zuspitze, berief Umberto I. ihn am 25. November wieder ins Amt. Giolitti hatte bereits einen Tag zuvor seinen Rücktritt erklärt.

Am 15. Dezember stellte Crispi seine neue Regierung vor. Er leitete dabei auch das Innenministerium. Dabei war er vor allem mit dem Aufstieg der im September 1893 gegründeten italienischen sozialistischen Partei (Partito Socialista Italiano (PIS)), welche den Kampf gegen den bürgerlichen Nationalstaat aufnahm, dem in Italien weit verbreiteten Anarchismus und der sich organisierenden katholischen Opposition konfrontiert. Auch die Kampfbereitschaft der Arbeiter, was besonders schweren Auswirkungen für die Insel Sizilien hatte, zwangen ihn sich in seiner zweiten Amtszeit vorrangig mit der Innenpolitik auseinanderzusetzen.

Die Aufstandsbewegung der „Fasci Siciliani“, welcher Arbeiter aus Landwirtschaft und Bergbau aus ganz Sizilien angehörten, zwang Crispi als Premierminister die staatliche Ordnung auf der Insel wiederherzustellen. Dieser erklärte am 2. Januar 1894 den Belagerungszustand auf der Insel.[28] Eine 40.000 Soldaten starke Armee wurde unter dem Befehl von General Roberto Morra di Lavriano entsandt. Sie gründete Militärgerichte, verbot öffentliche Versammlungen, konfiszierten Waffen, führte eine Pressezensur ein, verübte Massaker an sympathisierenden Bauern, Studenten und Lehrern und verweigerte allen verdächtigen Staatsbürgern die Einreise auf die Insel.

Anfangs erhielten Crispis Maßnahmen erhebliche Unterstützung im Parlament. Im Februar begann die parlamentarische Unterstützung zu schwinden, und Crispi versuchte das Vorgehen mit der Berufung auf die Verteidigung der nationalen Einheit zu legitimieren; als bekannt wurde, dass die Randalierer offen separatistische Absichten zeigten, konnte er sich durchsetzen und die Bewegung wurde noch im selben Jahr aufgelöst und deren Führer verhaftet.

Die Bekämpfung der Aufständischen belastete den Staatshaushalt sehr. Im Februar 1894 stellte Finanzminister Sidney Sonnino einen Defizit von 155 Millionen Lire fest. Die öffentlichen Ausgaben wurden aber nur um fast 27 Millionen Lire gekürzt, weil Crispi keine Einsparungen in der Militärpolitik machen wollte. Dann forderten er und Sonnino Steuererhöhungen, wollten aber sowohl die Wohlhabenden mit einer Einkommens- und Grundsteuer, aber auch die Ärmeren mit einer Erhöhung der Salzsteuer belasten. Die Vorschläge des Ministerpräsidenten und Finanzministers stießen auf eine harte parlamentarische Opposition. Die Blockadepolitik zwang am 4. Juli Sonnino zur Aufgabe seines Ministerpostens. Am 5. Juni folgte Crispi und kündigte den Rücktritt der gesamten Regierung an.

Der König gab den Auftrag zur Regierungsbildung am 14. Juni an Crispi zurück. Dieser machte Paolo Boselli anstelle von Sonnino zum neuen Finanzminister und kündigte an, die Einführung einer Steuer auf Land aufzugeben. Seine verbesserte politische Position und ein gescheitertes Attentat des jungen Anarchisten Paolo Lega, welcher am 16. Juni 1894 in Rom aus kürzester Entfernung eine Kugel auf Crispi abfeuerte, ermöglichen es dem Ministerpräsidenten seine Finanzpolitik schnell durchs Parlament durchzubringen. Dies begünstigte auch die Verabschiedung des Gesetzes über die Steuer von 20 % auf Zinsen auf Staatsanleihen, die wichtigste Bestimmung des Gesetzes des Finanzministers Sonnino. Unter seinen Nachfolger Boselli kam es noch zu Zollerhöhungen und einer Erhöhung der Steuern auf elektrischen Strom, Zucker, Baumwolle und Stadtgas. Es führte Italien langsam aus der Krise und bereitete den Weg für eine umfassende wirtschaftliche Erholung vor, machte die Regierung aber zunehmend unpopulär.

Mit der Lösung der finanziellen Probleme widmete sich Crispi der Bekämpfung der stärker werdenden Opposition. Am 10. und 11. Juli 1894 wurden sie zwei Gesetze verabschiedet, welche unter anderem die Verhaftung von Menschen ermöglichten, welche sich gegen die soziale Ordnung richteten, und die Arbeit der extremen Linken einschränkten. So wurden aus dem Wählerverzeichnis der Wahlen von 1895 fast 800.000 Stimmen der Linken gelöscht.

1894 legte Giovanni Giolitti dem Parlament ein paar Dokumente vor um Crispi zu diskreditieren. Es handelte sich aber um die Papiere eines bei der Banca Romana aufgenommenen Darlehens von Crispi und seiner Frau. Die Dokumente wurden von einer parlamentarischen Untersuchungskommission untersucht und deren entlastendes Ergebnis am 15. Dezember veröffentlicht. Im Parlament kam es daraufhin zu Unruhen und Crispi legte dem König ein Dekret zur Auflösung des Parlaments vor. Giolitti musste daraufhin nach Berlin flüchten, weil seine parlamentarische Immunität abgelaufen war und er lief Gefahr wegen einer Klage Crispis verhaftet zu werden. Am 13. Januar 1895 wurde das Parlament aufgelöst.

Einstieg in den überseeischen Imperialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um Italiens Position unter den Großmächten des späten 19. Jahrhunderts zu untermauern, erreichte der italienische Kolonialismus unter Crispi eine neue Dynamik. Obwohl Italien eher noch schwach an militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich oder dem Deutschen Reich, war, gelang es Crispi die bisherigen italienischen Besitzungen zu konsolidieren und auszudehnen. Es erwies sich aber als schwierig, wegen der großen inneren Widerstände, der hohen militärischen Kosten und dem geringen wirtschaftlichen Wert der Einflusssphären, eine effektive Kolonialpolitik zu betreiben.

Italien wurde bei seinen kolonialen Unternehmungen von Großbritannien, welches den französischen Einfluss in Afrika eindämmen wollte, und vom Dreibund unterstützt. Dies verschaffte Crispi den nötigen außenpolitischen Rückhalt um im Inneren die Unterstützung der italienischen Nationalisten zu gewinnen, welche teilweise die Errichtung eines neuen Römischen Reichs anstrebten. Auch wegen der alteingesessenen großen italienischen Gemeinschaften in Alexandria, Kairo und Tunis oder der Entsendung von Missionaren in unbesiedelte Gebiete, die für eine mögliche italienische Kolonialisierung „vorbereitet“ werden sollten, fühlte sich die italienische Regierung mit dem König in ihrem Unterfangen bestärkt.

Italienische Besitzungen und Einflusszonen auf ihrem Höhepunkt in Ostafrika (1896)
Italienische (Kolonial)truppen in Afrika (Gemälde von Quinto Cenni)

Crispi wandte seine Aufmerksamkeit auf Ostafrika,[31] wo das Kaiserreich Abessinien unter Johannes IV. von den Mahdisten aus dem Sudan bedroht wurde. Johannes IV. weigerte sich den seit 1885 dauernden Eritreakrieg mit Italien zu beenden und wurde im März 1889 von Mahdisten getötet. Bereits am Ende des Jahres 1888 beauftragte Crispi den Kriegsminister Ettore Bertolè Viale in die Offensive zu gehen und Asmara zu besetzen. Der Besetzung kam aber der Vertrag von Uccialli vom 2. Mai 1889 zuvor, welchen König Umberto I. mit dem neuen äthiopischen Kaiser Menelik II. schloss. Im Vertrag trat Abessinien die Hoheitsrechte über die Stadt und einen großen Teil der eritreischen Hochebene ab und akzeptierte vorerst auch die Errichtung eines italienischen Protektorats über Äthiopien,[31] im Austausch für die Fortsetzung der italienischen Entwicklungs- und Militärhilfe zur Stabilisierung von Meneliks Reich.

Crispi hielt es nicht für notwendig, den Vertrag dem Parlament vorzulegen, da Italien immer noch im Krieg war und der König konstitutionell frei handeln konnte. Doch einige Abgeordnete der extremen Linken und der Rechten stellten die Kolonialpolitik in Frage und drohten diese um die Jahrzehntwende noch zu stoppen. Crispi setzte aber auf die sich rasch ausbreitende Begeisterung für die Expansion in Afrika im Land und konnte prominente Gegner des Kolonialismus wie Giovanni Giolitti zur Änderung ihrer Haltung bewegen. Asmara wurde schließlich im August 1889 erobert und die erste große italienische Kolonie, Eritrea wurde offiziell im Jahr 1890 gegründet. Der Besitz der Häfen von Massawa und Assab verschloss Äthiopien den Zugang zum Roten Meer und machte das Land faktisch wirtschaftlich abhängig von Italien. Der Handel zwischen den beiden Mächten wurde aber durch niedrige Zölle gefördert. Italien exportierte Fertigprodukte nach Äthiopien und importierte dafür Kaffee, Bienenwachs und Tierhäute.

Ab 1888 begann auch die italienische Landnahme in Somalia. Italien gewann durch Vereinbarungen des italienischen Konsuls in Aden mit mehreren Sultanen Protektorate über die Sultanate Hobyo und Majerteen. 1892 pachtete die private italienische Handelsgesellschaft Filonardi vom Sultanat Sansibar die Häfen der Region Banaadir (einschließlich Mogadischu und Baraawe). Es diente dem Königreich Italien als Ausgangspunkt für Expeditionen in die Mündung des Juba und die Errichtung eines Protektorats über die Stadt Lugh. Im gleichen Jahr zwang die italienische Regierung Sansibar Merka und Warsheikh Italien zu verpachten und später zu verkaufen. Die 1887 erworbene Stadt Kismaayo wurde an die Briten verkauft und an Britisch-Ostafrika angeschlossen.

Im Sommer 1894 versuchten die Mahdisten in Eritrea einzudringen, wurden aber in Agordat gestoppt. Der regionale Militärkommandeur General Oreste Baratieri verlegte seine Truppen an die sudanesische Grenze und befahl am 16. Juli 1894 einen Angriff auf das sudanesische Kassala, das nach kurzen Kampf genommen wurde. Die Stadt sollte als Sprungbrett für eine Kampagne gegen das Mahdireich dienen und den italienischen Einflussbereich ausdehnen. Die die Italiener unterstützenden Briten lehnten aber die italienische Hilfe aus Angst, dass Italien sich den ganzen Sudan einverleiben würde, ab. Die italienische Garnison in Kassala wurde im Dezember 1897 abgezogen und die Stadt dem neuen anglo-ägyptischen Sudan zurückgegeben. Der Mahdi-Aufstand wurde schließlich mit der Schlacht von Omdurman am 2. September 1898 beendet.

Crispi richtete die italienischen Kolonialbestrebungen nach der erfolgreichen Intervention im Sudan wieder auf Äthiopien. General Baratieri stieß im Dezember 1894 auf äthiopisches Gebiet vor und eroberte bis zum Januar 1895 äthiopische Landschaft Tigray.[31] Im März okkupierte Barattieri auch Adigrat und bewegte sich auf Adua zu. An dieser Stelle ließ Crispi wegen der hohen Militärkosten von über neun Millionen Lire den italienischen Vormarsch aussetzen.

Die Ergebnisse der Wahlen vom 26. Mai 1895 brachten Crispi einen letzten hohen Wahlsieg ein.[31] Mitte 1895 war Crispi aber mit ernst zu nehmenden Schwierigkeiten in der Kolonialpolitik konfrontiert: Frankreich und das Russische Reich lieferten erhebliche Mengen moderner Waffen an Menelik, und Deutschland und Großbritannien hatten nicht die Absicht Italien militärisch zu helfen. Der Rückzug von Bismarck aus dem politischen Leben 1890 hatte seit vielen Jahren die internationale Position von Crispi geschwächt, und im Herbst 1895 wurde klar, dass die Äthiopier eine größere Offensive gegen die Italiener vorbereiteten. Abessinien kündigte im gleichen Jahr den Vertrag von Uccialli und weigerte sich weiterhin der italienischen Außenpolitik zu folgen. Crispi verwendete diesen Verzicht als Grund ganz Äthiopien zu unterwerfen und erhielt durch den jetzt überschäumenden italienischen Militarismus und Nationalismus Rückenwind gegen die sich zurückhaltende Opposition.

Die Truppen der Vereinigten acht Staaten auf einer japanischen Zeichnung (Italien ist ganz links abgebildet)

Im Dezember 1895, als ein italienischer Vorposten auf dem Berg Amba Alagi vom äthiopischen Heer angegriffen wurde, ersetze Crispi Baratieri durch Antonio Baldissera und bereitete die Entsendung von weiteren 25.000 Männern ins Krisengebiet vor. Dies erhöhte die Kriegskosten um weitere 20 Millionen Lire und zwang die Italiener vorerst in die Defensive zu gehen. Aber als am 7. Januar 1896 ein weiterer italienischer Vorposten in Mek'elē von der Armee Äthiopiens eingekreist und dann eingenommen wurde, nahm die Königlich Italienische Armee die Offensive wieder auf.

Am 8. Februar beauftragte Crispi Baratieri mit der Planung eines Entscheidungsschlags gegen Äthiopien und stattete diesen mit dem Kommando über weitere 10.000, nach Eritrea geschickten, Soldaten aus. Dieser schlug zuerst die Eröffnung einer zweiten Front vor, beschloss am 28. Februar Meneliks Kräfte bei Adua anzugreifen. Die Schlacht, die am 1. März 1896 folgte endete mit einer schweren italienischen Niederlage.[31] Die kleine italienische Armee war dabei von der zahlenmäßig weit überlegenen äthiopischen Armee überwältigt worden und Italien wurde zum Rückzug nach Eritrea gezwungen. Die gescheiterte äthiopische Kampagne war eine internationale Blamage für Italien, da es als Großmacht von einem Entwicklungsland entscheidend geschlagen worden war.

Als die Nachricht der Niederlage in Italien ankam, brachen schweren Unruhen, vor allem in der Lombardei, aus. Am 4. März 1896 trat Crispi vor sein Kabinett und erklärte seinen Rücktritt. Am nächsten Tag wurde dieser öffentlich und von Umberto I. angenommen.[32]

Eine – vorerst letzte – koloniale Erwerbung gelang Italien 1900 in China. Nachdem im März/April 1899 eine Besetzung der chinesischen Provinz Zhejiang unter dem diplomatischen Druck anderer Großmächte gescheitert war, beteiligte sich Italien vom 2. November 1899 bis zum 7. September 1901 als Teil der Vereinigten acht Staaten-Allianz an der Niederschlagung des Boxeraufstandes. Am 7. September 1901 erhielt es dafür von der regierenden Qing-Dynastie eine Konzession in Tianjin. Am 7. Juni 1902 wurde diese von einem italienischen Konsul offiziell in Besitz genommen.

Politik um die Jahrhundertwende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ende der Ära Crispi führte zur Milderung der innen- und außenpolitischen Spannungen. Sein von Umberto I. am 10. März 1896 berufener Nachfolger Antonio Starabba di Rudinì von der historischen Rechten beendete auf Druck der sozialistischen Partei im Frieden von Addis Abeba (25. Oktober 1896) den ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg und erkannte notgedrungen die Souveränität Äthiopiens an.[33] Er erließ eine Generalamnestie für alle Gefangenen der Fasci Siciliani-Bewegung und gab Anstöße für eine Humanisierung der Arbeitswelt. Unter ihm begann auch der Prozess der Integration der Unterschichten in den Staat. Dadurch wurden der Grundstein für eine effektive Sozialpolitik und Sozialgesetzgebung gelegt, die mit der Entstehung einer Alters- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung, sowie der Verpflichtung der Krankenversicherung für Industriearbeiter begann.

Viktor Emanuel III. bei der Ablegung des Verfassungseides im Parlament (1900)

In der Außen- und Kolonialpolitik begannen Starabba di Rudinì und sein Außenminister Emilio Visconti-Venosta einen Prozess der Entspannung mit Frankreich, das nach dem Sturz Crispis wieder um Italien warb.[33] Die zunehmende Entfremdung zwischen Großbritannien und dem wilhelminischen Deutschen Reich wollte die italienische Regierung nicht mittragen. Davor warnten auch gesellschaftliche Kontrasten: nur die Konservativen um Umberto I. hielten zum Dreibund,[33] während die liberaleren, irredentisitschen und ultranationalistischen Gesellschaftsgruppen unter seinem Sohn Kronprinz Viktor Emanuel eher pro-französisch oder britisch eingestellt waren. 1896 schloss Italien daher einen Handelsvertrag mit Tunesien, in dem es, entgegen der Interessen der dortigen italienischen Siedler, das französische Protektorat anerkannte.[33] 1898 folgten ein Handelsvertrag mit Frankreich und, trotz heftiger Widerstände der italienischen Kolonialbewegung, die Rückgabe der Stadt Kassala an das britisch besetzte Khedivat Ägypten, was zu verbesserten Beziehungen mit Großbritannien führte.

Die finanziellen Schwierigkeiten Italiens nach dem Äthiopienkrieg hatten den einheitlichen Staat in eine so schwere Krise gestürzt, die noch nie da gewesene Ausmaße erreichte und sogar die Monarchie gefährdete. Um diese zu beenden versuchte Starabba di Rudinì eine Dezentralisierung des Staates zu erreichen. Seine Politik wurde aber von der Kammermehrheit verworfen,[33] woraufhin Anfangs 1897 das Parlament aufgelöst wurde. Durch die Wahlen vom März 1897 geriet allerdings die sozialistische und linksextreme Opposition in Aufwind. Auch die Kräfte, die Crispi unterstützt hatten, wurden dadurch gestärkt und wollten eine Fortsetzung von dessen autoritärer Politik. Sidney Sonnino plädierte sogar für die Rückkehr zur konstitutionellen Monarchie nach deutschem und österreichisch-ungarischem Vorbild.[33]

Die innenpolitische Situation verschlechterte sich im Sommer 1898 noch. Im Mai brachen heftige Unruhen im Süden und den Industriezentren des Nordens aus. Es wurde in Mailand, Neapel, Florenz und Livorno der Belagerungszustand ausgerufen. In Mailand erreichte die Krise ihren Höhepunkt.[34] Es kam zur Proklamation eines Generalstreiks, der in einen offenen Aufstand überging. Starabba di Rudinì ließ allerdings die Revolte vom 7. bis 8. Mai schnell durch reguläre Armeeeinheiten unter dem Kommando von Fiorenzo Bava-Beccaris niederschlagen. Etwa 100 Personen wurden beim Bava-Beccaris-Massaker getötet.[34] Danach wurden dort sämtliche regionale Gewerkschaften und sozialistischen Organisationen aufgelöst und es fanden Hunderte von Verhaftungen statt. Das Massaker in Mailand entzog Starabba di Rudinì die parlamentarische Unterstützung. Dieser bat König Umberto I. zur Ausrufung von Neuwahlen und erklärte am 29. Juni seinen Rücktritt. Der König weigerte sich den Rücktritt vorerst anzunehmen, beauftragte aber im Juni 1898 General Luigi Pelloux eine neue Regierung zu bilden.[34]

Der sehr konservative Luigi Pelloux sah seine einzigen Aufgaben in der Wiederherstellung des Normalzustandes und der Verteidigung der staatlichen Institutionen. Pelloux wollte ein Ende der parlamentarischen Demokratie und die Etablierung eines reaktionären Regimes, welches entschlossen gegen die sozialistische Opposition vorgehen sollte. Um dies umzusetzen, wurde von ihm als Innenminister 1899 eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, welche die Arbeit der Opposition wieder einschränkten und die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie Streiks (letzteres nur im öffentlichen Dienst) beschränkten beziehungsweise verboten. Angesichts dieser reaktionären Wende bildete sich eine breite Opposition heraus, welche von der sozialistischen bis zur bürgerlichen liberalen um Giuseppe Zanardelli und Giolitti reichte, welche eine demokratische und reformistische politische Öffnung bevorzugten.

Als Pelloux versuchte ein Gesetz, durch welcher er Gesetze ohne Parlamentszustimmung hätte erlassen können, dem Parlament vorzulegen, kippte das Italienische Verfassungsgericht dies und erklärte die Praxis für rechtswidrig. Auch die bis dahin loyale große Mailänder Industrie, welche dies als einen zu gefährlichen reaktionären Versuch betrachtete, leistete Widerstand. Schließlich trat Pelloux im Mai 1899 vorzeitig zurück, nahm aber dann lediglich eine Kabinettsumbildung vor. Im Juni 1900 rief er Neuwahlen aus und trat, nachdem die Wahlergebnisse zu einer erheblichen Stärkung der Sozialisten, Radikalen und Republikanern geführt hatten, am 24. Juni zurück.[34]

König Umberto I. gab den Auftrag der Regierungsbildung an den alten Senator Giuseppe Saracco. Am 29. Juli 1900 wurde der Monarch bei einem Besuch in der Stadt Monza vom Anarchisten Gaetano Bresci ermordet, welcher die Tat als Rache für das Massaker in Mailand verstand.[35] Umberto I. folgte sein Sohn als Viktor Emanuel III., der am 11. August den Eid auf die Verfassung vor den beiden Kammern des italienischen Parlaments ableistete.

Der junge König und Saracco bemühten sich um die Normalisierung des politischen Lebens. Saracco gelang im Dezember 1900 die vollständige Normalisierung der Beziehungen zu Frankreich. Mit der französischen Regierung unter Pierre Waldeck-Rousseau verständigte sich der Ministerpräsident über die Ansprüche auf Marokko und Libyen, dessen Grenzen als italienische Kolonie erstmals skizziert wurden. Innenpolitisch scheiterte er aber kurz drauf an einem Generalstreik in Genua im Dezember 1900 und trat am 15. Februar 1901 zurück.

Viktor Emanuel III., der eher zu den liberaleren Ansichten seines Großvaters als zu den konservativen seines Vaters neigte, ernannte den linksliberalen und reformwilligen Giuseppe Zanardelli, der als Innenminister Giolitti wählte. Wegen seines relativ schlechten Gesundheitszustands überließ Zanardelli die Tagespolitik weitgehend Giolitti, der sich bald als eigentlicher Kopf des Kabinetts herausstellte.[35] Die Regierung Zanardelli/Giolitti setzte den abgebrochenen Prozess der langsamen Integration der Arbeiterschaft in den Staat fort und leitete außenpolitisch eine Kehrtwende ein. Zwar wurde im Juni 1902 der Dreibund verlängert, hatte aber für Italien seit der Jahrhundertwende stark an Bedeutung verloren. Stattdessen wurde eine Annäherung an die liberaleren Staaten Frankreich und Großbritannien eingeleitet. Im Juni 1902 schlossen Italien und Frankreich ein Geheimabkommen, in dem sich beide Staaten wohlwollende Neutralität im Kriegsfall zwischen den beiden Bündnissen (Dreibund und Französisch-Russische Allianz) zusagten, ab.

Ära Giolitti und die Belle Époque[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Giovanni Giolitti

Am 3. November 1903 kehrte Giovanni Giolitti von der Partei der historischen Linken an die Spitze der Regierung zurück. Er bot, trotz der reaktionären Welle des Jahrhunderts und der heftigen Sozialproteste der 1890er Jahre, den Sozialisten als erster Ministerpräsident eine Regierungsbeteiligung an.[36] Obwohl die Parteiführung der Sozialisten um Filippo Turati und der Großteil der Parlamentsmitglieder zustimmten, setzte sich die „maximalistische“ revolutionäre Richtung der innerparteilichen Opposition durch. Dennoch kannte Giolitti die Partei als Sprecherin der Arbeiter an.[37]

Giolitti war von 1903 bis 1905, erneut von 1906 bis 1909 und von 1911 bis 1914 Ministerpräsident. In die Intervalle vielen die kurzlebigen Regierungen von Alessandro Fortis (1905/06), Luigi Luzzatti (1910/11) und Sidney Sonnino (1906, 1910/11).[38] Giolitti stützte seine Regierung auf Unternehmer und Arbeiter im Norden, wo er ein Interessenausgleich zwischen diesen Gruppen erreichen wollte, und im Süden auf agrarische Abgeordnete, welche er durch die Sicherung ihrer Privilegien und Interessen hinter sich bringen konnte.[39] Seine Regierungszeit wird als „Ära Giolitti“ (ital. età giolittiana) bezeichnet und war nach der von Benito Mussolini die längste in der italienischen Geschichte.

Während Giolittis Regierungszeit kam es zu einer kulturellen Blütezeit in Italien. Seine Wirtschafts- und Sozialprogramme und die relative politische Stabilität führten zu einem wirtschaftlichen Boom, welcher bis zum Ersten Weltkrieg anhielt. Das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Einwohner stieg von 324 Lire (1891–1896) auf 523 Lire (1911–1916). Der Mangel an Kohle konnte durch die elektrische Energie aus den Wasserkraftwerken an der Adda und im Kanton Tessin ausgeglichen werden. In Norditalien entstanden die großen industrielle Ballungszentren um Mailand (Textilindustrie), Genua (Hafen), Turin (Automobilindustrie), Florenz und Venedig (Hafen). Aber auch in Rom und Neapel kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. 1906 wurde der Simplontunnel eröffnet. Die italienische Eisenbahnen hatte 1914 rund 17 000 km Eisenbahnen. Durch den Ausbau der Lebensmittelindustrie mit modernen Mitteln gelang es Italien das süditalienischen Getreide wieder marktfähig zu machen und zu den weltweiten Spitzenreitern im Getreideexport aufzusteigen.

Gleichzeitig verstärkte sich die Auswanderung von 165.000 Auswanderungswilligen im Jahr 1880 auf 540.000 im Jahr 1901 und auf 872.000 im Jahr 1913. Über 80 % dieser Menschen waren Männer. Zuerst gab es eine temporäre Auswanderung in die europäischen Nachbarstaaten wie in die Schweiz, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Frankreich. Diese Auswanderer waren meist Bergarbeiter oder Tagelöhner. Jedes Jahr schickten sie ihr Geld an ihre Familien nach Hause und kamen dann wieder. Es gab aber auch eine dauerhafte Auswanderung nach Tunesien, ins östliche Algerien, Libyen, Ägypten, in den Nordosten der Vereinigten Staaten und nach Kalifornien, nach Mexiko, Brasilien und Argentinien. Zwischen 1906 und 1910 ließen sich rund zwei Millionen Italiener in den Vereinigten Staaten nieder. Diese Auswanderung half zwar den Bevölkerungsdruck zu milden, führte aber zu einem starken Bevölkerungsverlust. Diesem versuchte Giolitti mit einer erneuten kolonialen Expansion zu begegnen. 1911 ordnete er die Besetzung des osmanischen Libyens an. Während sich die italienischen Sozialisten der Kolonialpolitik widersetzen, unterstützen Intellektuelle und Schriftsteller wie Gabriele D’Annunzio und Giovanni Papini, die Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti und die Nationalisten Enrico Corradini und Giuseppe Prezzolini diese. Alle diese Künstler und Intellektuellen waren von einem starken Nationalismus geprägt[40] und propagierten den Kampf der „jungen proletarischen und auserwählten italienischen Nation“ gegen die „alten demokratischen plutokratischen Nationen“. Der Krieg wurde als Reinigungsbad für die dekadent gewordene Menschheit gepriesen. 1909 forderte Marinetti in seinem Manifesto del Futurismo einen radikalen Bruch mit kulturellen Traditionen. Danach kam es zu einer Ausbreitung des Rationalismus. 1910 konstituierte sich nach einem Kongress aller nationalistischer Gruppen, Bewegungen und Parteien die Associazione Nazionalista Italiana, welche für eine koloniale aber auch eine Expansion Italiens in Europa eintrat, womit soziale Probleme schneller gelöst werden sollten.[41]

„Versuchter“ Ausgleich mit der Opposition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Giolitti-Regierung wollte durch eine integrierende Sozialpolitik der kleinen Schritte, durch welche die Arbeiter davon überzeugt werden sollten, dass auch unter einer liberalen Monarchie die Vertretung ihrer Interessen und sozialer Fortschritt gesichert wären, die Opposition an sich binden.[37] In diesem Zusammenhang wurden erste Arbeitsnormen zum Schutz der arbeitenden Bevölkerung ergriffen (insbesondere für Kinder und Frauen). Die Alters-, Invaliditäts- und Unfallversicherung (wurde auf alle Arbeiter der Industrie ausgeweitet) wurden ausgeweitet. Die Präfekten zeigten größere Toleranz gegenüber Streiks, sofern sie nicht der öffentlichen Ordnung bedrohten, und es wurden katholische und sozialistische Genossenschaften und Gewerkschaften zugelassen. Diese Offenheit gegenüber den Sozialisten entwickelte sich zu einem wichtigen Markenzeichen der „Ära Giolitti“. Giolitti war auch davon überzeugt, dass nur durch eine Erhöhung der Arbeiterlöhne sich die Lebensbedingungen langfristig verbessern würden.

Für den Erfolg eines Ausgleichs mit den Sozialisten benötigte es zwei Bedingungen: Erstens wollte Giolitti dass die Sozialisten auf ihr revolutionäres Programm verzichteten. Als zweite Bedingung forderte er die Anerkennung der Privilegien des Adels, der sich allerdings auch an den Reformen beteiligen sollte.[37] Die innere Spaltung der sozialistischen Partei, aufgeteilt in ein maximalistisches revolutionäres und ein reformistisches Lager um Turati, erschwerte es Giolitti allerdings sein Programm durchzusetzen. Seine Regierung war meistens abhängig von der Richtung, welche bei den Sozialisten vorherrschte. Giolitti gelang es aber zeitweise die extremistischen Kräfte der Linken und Sozialisten zu isolieren und Turatis Lager an sich zu binden, ohne das dieses der Regierung angehörte. Bereits 1901 hatten sich die Sozialisten bereit erklärt, von Fall zu Fall mit der Regierung zu stimmen. Allerdings scheiterten 1903 und 1911 seine Versuche, die Sozialisten an seiner Regierung zu beteiligen.[36]

Auch um die katholische Opposition, die in den Wahlen von 1904 Fortschritte gemacht hatte, begann Giolitti zu werben.[36] Er hielt aber eine umfassende Verständigung mit den Katholiken für unmöglich, vor allem wegen des kulturellen Antimodernismus von Papst Pius X..[42] Der Ministerpräsident sah aber in den meisten Katholiken loyale Bürger des Staates und bot ihnen und dem Papst Mitbestimmung in der italienischen Politik an. Schließlich milderte der Papst 1912/13 das non Expedit und es entstanden erste politische katholische Vereine und Parteien.[42] Giolitti erklärte aber trotz seiner Ausgleichsversuche an der säkularen Kirchenpolitik, welche seit 1870 von den italienischen Regierungen praktiziert wurde, festzuhalten, dazu gehörten die Trennung von Staat und Kirche und die Religionsfreiheit.

Hochphase der Industrialisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Postkarte von Fiat (1905)
Automobilfabrik in Turin (1898)

Die innenpolitische Entspannung wurde durch eine positive wirtschaftliche Entwicklung erleichtert.[36] Ab 1895/96 setzte in Italien die Industrielle Revolution ein, welche bis 1912/13 dauerte und unter Giolitti ihren Höhepunkt erreichte. 1897 entstanden die Stahlwerke in Piombino, 1898 die in Elba und 1899 gründete Giovanni Agnelli die Fiat-Werke. 1902 baute der Konzern ILVA mit staatlicher Hilfe das erste Stahlwerk im Süden Italiens, nämlich in Bagnoli bei Neapel. Die Rückständigkeit des Südens blieb weiterhin ein zentrales Problem des Staates. Lösungsvorschläge zur sogenannten Südfrage, wie sie von Francesco Saverio Nitti, Gaetano Salvemini und Sidney Sonnino machten, wurden zwar angegangen, doch die Regierung beschränkte sich auf besondere Problemzonen, wie Neapel.[36] 1911 waren 55,4 % der italienischen Bevölkerung in der Landwirtschaft und 26,9 % in der Industrie tätig.[39]

Im Finanzsektor beschäftigte sich Giolitti hauptsächlich mit der Erhöhung der Renten und der Sanierung des Staatshaushaltes. Beides wurde mit großer Vorsicht durchgeführt. Die Regierung sicherte sich dabei die Unterstützung der Großunternehmen und Banken. Die Kritik, die das Projekt vor allem erhielt, kam von den Konservativen, wobei die Öffentlichkeit es mehrheitlich begrüßte und es als großen symbolischen Wert für eine echte und dauerhafte Konsolidierung der öffentlichen Finanzen erachtete. Der Staatshaushalt, welcher ab 1900 jährlich Einnahmen von rund 50 Millionen Lire hatte, sollte durch die Verstaatlichung der Eisenbahnen zusätzlich gestärkt werden. Mittlerweile war ein Großteil der öffentlichen Meinung dafür. Zu Beginn des Jahres 1905 gab es zahlreiche Arbeiterunruhen unter den Eisenbahnarbeitern. Kurz darauf legte Giolitti im März 1905 krankheitsbedingt sein Amt als Premierminister nieder. Er schlug dabei dem König seinen Parteifreund Alessandro Fortis als Nachfolger vor. Am 28. März ernannte Viktor Emanuel III. Fortis zum neuen Ministerpräsidenten, der damit zum ersten jüdischen Regierungschef weltweit wurde. Mit dem Gesetz 137 vom 22. April Jahre 1905 sanktionierte er die Verstaatlichung der Eisenbahn durch ein öffentliches Einstellungsverfahren unter der Kontrolle des Rechnungshofes und der Aufsicht der Ministerien für öffentliche Arbeiten und Finanzen. Gleichzeitig wurde der Telefonbetrieb verstaatlicht.[43] Die Regierung Fortis blieb noch im Amt bis Anfang 1906. Ihr folgte vom 8. Februar bis 29. Mai eine kurzzeitige Regierung unter Sidney Sonnino, welcher ebenfalls jüdischen Glaubens war. Schließlich trat Giolitti seine dritte Amtszeit an. In dieser beschäftigte er sich vor allem mit der wirtschaftlichen Lage Süditaliens, wo es zum Teil aufgrund demographischer und wirtschaftlicher Faktoren oder Naturkatastrophen, wie der Ausbruch des Vesuvs 1906 und das Erdbeben und Tsunami in Messina, Reggio Calabria und Palmi 1908, zu einer massiven Verschlechterung der Lage kam, dabei ganze Dörfer entvölkert wurden und jahrhundertealte regionale Kulturen verschwanden.[43] Trotzdem kam es danach zu einem leichten Wirtschaftsaufschwung im Süden. Die Regierung, die zunächst die Migration bürokratisch und finanziell behindert hatte, um die Preise auf dem Arbeitsmarkt nicht erhöhen zu müssen, gab nun ihre Zustimmung zur Förderung der Auswanderung von Hunderttausenden von Italienern aus dem Süden. Die Furcht vor dem zunehmenden sozialen Druck und möglichen Auswirkungen auf die nun verlässliche Geldwertstabilität waren maßgebliche Faktoren.

1906 senkte die Regierung den nationalen Zinssteuersatz von 5 % auf 3,75 %. Dieser Schritt entlastete die geforderten Finanzen des Staates, reduzierte die Panik unter den Gläubigern des Staates und begünstigte das Wachstum der Schwerindustrie. Der danach folgende Haushaltsüberschuss ermöglichte die Finanzierung von größeren staatlichen Beschäftigungsprogrammen, wie die Fertigstellung des Simplontunnels 1906, welche die Arbeitslosigkeit massiv verringerten. Auch die italienische Lira, welche durch Gold abgewickelt war, wurde international aufgewertet und konnte zeitweise einen höheren Geldwert als das britische Pfund Sterling erlangen.

Neben der nunmehr abgeschlossenen Verstaatlichung der Eisenbahnen wurde die geplante Verstaatlichung der Versicherungen in Angriff genommen und der seit 1887 dauernde Handelskrieg mit Frankreich beendet. Giolitti unterbrach dabei die pro-deutschen Außenpolitik von Crispi und ermöglichte damit die Ausfuhr von Obst, Gemüse und Wein nach Frankreich. Er kurbelte auch den Anbau von Zuckerrüben und deren Verarbeitung an der Po-Ebene an und ermutigte die Schwerindustrie auch im Süden Fuß zu fassen. Letzteres zeigte jedoch kaum Erfolg. 1908 wurden einige Gesetze, welche die Arbeitszeiten für Frauen und Kinder bis 12 Jahren auf 12 Stunden beschränkten, mit der Unterstützung der sozialistischen Abgeordneten erlassen.[43] Es folgten spezielle Gesetze für die benachteiligten Regionen des Südens. Ihre Umsetzung scheiterte aber meistens am Widerstand der Großgrundbesitzer. Dennoch kam es zu einer deutlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Kleinbauern.

Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Wahlen vom 1909 erhielt Giolitti eine stabile Regierungsmehrheit. Dennoch wurde nicht Giolitti zum Regierungschef, sondern der konservativere Sidney Sonnino zum Ministerpräsidenten ernannt. Sonninos Regierung scheiterte aber nach nur drei Monaten und wurde durch ein Kabinett unter der Führung Luigi Luzzattis, welcher eher zu Giolittis liberalen Positionen als zu denen seines Vorgängers neigte, abgelöst. Währenddessen verschärfte sich die politische Debatte über die Ausdehnung des Wahlrechts auf weitere Teile der Bevölkerung. Die Sozialisten, Radikalen und Republikaner forderten seit langem die Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts. Die Regierung Luzzatti entwickelte dafür einen moderaten Vorschlag, welcher unter gewissen Bedingungen (bestimmtes Alter, Lesefähigkeit, Schreibfähigkeit und jährliches Zahlen von Steuern) einer schrittweisen Ausbau der Wählerbasis, aber ohne das Erreichen des vollen gleichen Wahlrechts für Männer, ermöglichen sollte. Giolitti wandte sich zusammen mit der Oppositionen gegen diesen Vorschlag und erklärte seine Zustimmung für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer. Diese Absicht sollte den Sturz des Ministers provozieren, eine neue politische Wende einläuten und schließlich eine parlamentarische Zusammenarbeit mit den Sozialisten bewirken.

Durch das Wahlgesetz von 1912 kam es schließlich unter Giolitti zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Dieses galt für alle Männer, welche älter als 30 Jahre waren und Militärdienst geleistet haben. Das neue Wahlrecht ließ die wahlberechtigte Bevölkerung von 3,3 Mio. auf 8,6 Mio (damals rund 24 % der Gesamtbevölkerung) ansteigen und destabilisierte vorerst, entgegen der Kalkulationen Giolittis, das gesamte politische Umfeld.[43] Die alten erfahrenen Kleinparteien hatten Probleme die neuen Wähler zu integrieren und wurden zunehmend von den neuen unerfahrenen aber populären Massenparteien (unter anderem später die Nationale Faschistische Partei) verdrängt. Giolitti war aber davon überzeugt, dass Italien sich wirtschaftlich und sozial nicht entwickeln konnte, ohne dass die Zahl derer, welche an der Politik mitwirken sollten, nicht erweitert werden würde.[38] Die Sozialisten Claudio Treves und Turati und Sonnino schlugen später auch noch vor, das Wahlrecht auf die Frauen auszuweiten. Vorerst sollte dies aber nur besitzende Frauen auf kommunaler Ebene betreffen. Giolitti lehnte aber ab, mit der Begründung, das eine zu breite Wählerbasis ein „Sprung in die Dunkelheit“ währe. Provisorisch kam es dann zur Ausarbeitung eines Gesetzes, welches Frauen bei Kommunalwahlen das Wahlrecht zusprach. Dessen Umsetzung wurde aber angesichts des Italienisch-Türkischen Kriegs und des Sturzes der Regierung auf unbestimmte Zeit vertragt.

Giolittis Schritt stärkte in diesen Jahren vor allem die Linke. Aus der Sorge heraus, eine linke Machtübernahme zu verhindern, vereinbarte der Premierminister mit den Katholiken den Pakt Gentiloni, eine Vereinbarung, in welchem die katholischen Parteien und Organisationen Giolitti diskret die Unterstützung gegen die Sozialisten zusagten. Im Gegenzug verpflichtete er sich, gegen eine Aufhebung des traditionellen Scheidungsrechts, was von Zanardelli vorgeschlagen wurde, vorzugehen, den Katholiken die gleichen Rechte wie seinen Regierungspartnern zuzusichern und deren verbliebene Glaubensschulen zu verteidigen.[42]

Die vierte und letzte Regierung Giolitti innerhalb der Ära Giolitti wurde am 30. März 1911 mit Zustimmung der Katholiken gebildet und blieb bis zum 21. März 1914 im Amt. Auch während dieses Kabinetts versuchte Giolitti wieder, die Sozialisten in seine Regierungspolitik einzubinden, diesmal aber mit mehr Erfolg. Er glich teilweise sein Programm dem der Sozialisten an. Es umfasste mehr politische und gesellschaftliche Freiheiten für die Bevölkerung und die Verstaatlichung der Lebensversicherung. Dieses markierte einen zentralen Angriff des Staates in die Privatwirtschaft. 1912 wurde eine staatliche Sozialversicherung eingeführt.

Der Premierminister setzte auch durch, das die Parlamentarier eine finanzielle Entschädigung für ihre Tätigkeit erhalten sollten.[43] Bis dahin war das nur ein Ehrenamt und die Abgeordneten durften keiner Nebenarbeit nachgehen. Die ärmeren Abgeordneten waren so kaum in der Lage ihr Mandat wahrzunehmen. Durch die Reform waren nun auch sie in der Lage von einem Parlamentsmandat zu leben.

Der Krieg in Libyen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersicht der Schlachten und Operationen im Mittelmeer (1911/12)
Italienische Artillerie des 149 mm Modells 1877 vor Tripolis (1911)
Italienische Luftschiffe bombardieren osmanische Positionen in Libyen (1911)

Außenpolitisch agierte Giolitti zunächst vorsichtig, was ihm insbesondere von rechten und nationalistischen Kreisen Kritik einbrachte.[43] Bereits nach der österreichisch-ungarischen Annexion Bosniens und der Herzegowina 1908 forderten sie von ihm das osmanische Albanien besetzen zu lassen. Er und sein Außenminister Tommaso Tittoni konzentrierten sich aber auf Libyen und suchten die Annäherung an Frankreich, das Russische Reich und Großbritannien. 1906 unterstützte Italien auf der Algeciras-Konferenz Frankreichs Bestrebungen, Marokko zu annektieren. 1909 wurde mit Russland ein Geheimabkommen geschlossen.[44]

Nachdem Frankreich im April 1911 Marokko militärisch besetzt hatte, begann Italien mit der Planung einer militärischen Operationen gegen das osmanische Libyen. Gedrängt durch eine im Sommer 1911 aufkommende Welle des Chauvinismus und Nationalismus, welche vor allem das Bürgertum und die Industrie trugen,[44] ließ Giolitti noch während der Sommerpause des Parlaments das Osmanische Reich angreifen. Am 29. September 1911 unterzeichnete König Viktor Emanuel III. die Kriegserklärung und befahl der Königlich Italienischen Armee die Eroberung der osmanischen Provinzen Tripolitanien, Kyrenaika und Fessan in Nordafrika.

Als Kriegsgrund führte Italien die schlechte Behandlung der italienischen Bürger in Tripolis an.[44] Am 27. September 1911 hatte es ein Ultimatum an das Osmanische Reich gestellt, in welchem dieses innerhalb einer Frist von 48 Stunden Libyen an Italien abtreten sollte.[44] Die anderen Großmächte Frankreich und Großbritannien sagten Italien ihre Unterstützung zu. Der Krieg begann schließlich am 29. September 1911 und endete am 18. Oktober 1912. In diesem setzte Italien seine modernsten Waffen ein, unter anderem Luftschiffe, welche erstmals in der Geschichte für militärische Zwecke genutzt wurden, Flächenbombardements, der Abwurf von Fliegerbomben, Aufklärungsflüge und seine moderne Schiffsflotte und Artillerie. Der Krieg bildete dadurch ein Modell für den Ersten Weltkrieg.

Zu Beginn des Krieges versenkte im Adriatischen Meer die italienische Flotte eine Reihe von osmanischen Kriegsschiffen und eröffnete am 30. September von See aus das Feuer auf Tripolis. Die schlecht bewaffneten Osmanen konnten dem Angriff der zahlenmäßig überlegenen Angreifer nicht standhalten. Die Stadt wurde am 5. Oktober durch italienische Truppen eingenommen, während sich die verblieben osmanischen Soldaten ins Landesinnere zurück zogen. Auch eine türkische Offensive gegen die Italiener im Oktober 1911 scheiterte. Verstärkung blieb aus, da Großbritannien den osmanischen Truppen den Durchmarsch durch Ägypten verweigerte. Anfänglich leistete die einheimische Bevölkerung der osmanischen Armee keine Unterstützung. Jedoch konnten Enver Pascha und Mustafa Kemal Atatürk Teile der arabischen Bevölkerung gegen die christlichen Besatzer mobilisieren. Die Italiener verschanzten sich entlang der Küste, und konnten aufgrund der Gegenwehr nur langsam ins Landesinnere eindringen. 1912 standen den 100.000 Italienern 25.000 Osmanische Soldaten gegenüber. Italien setzte daraufhin seine überlegene Flotte ein und eroberte 1912 die Dodekanes. Die Osmanischen Festungen in Beirut und auf den Dardanellen wurden unter Beschuss genommen und im Jemen massiv die dortigen Aufständischen gegen die Osmanen unterstützt.

Bei den Friedensverhandlungen am 18. Oktober 1912 in Lausanne musste das Osmanische Reich im Frieden von Ouchy Tripolis die Provinzen Tripolitanien, Kyrenaika und Fessan abtreten. Italien fasste diese später zu seiner Kolonie Italienisch-Nordafrika zusammen. Als Entschädigung für die Osmanen sollte Italien ursprünglich die besetzten Dodekanes wieder an das Osmanische Reich abtreten, Italien hielt sich jedoch nicht daran und mit dem Vertrag von Lausanne von 1923 wurde die Inselgruppe Italien auch völkerrechtlich zugesprochen.[44] Im Krieg kamen insgesamt 20.000 Soldaten ums Leben, davon etwa 1.500 italienische und 18.500 osmanische Soldaten und arabische Kämpfer. Durch den Krieg wurde das Osmanische Reich weiter geschwächt, wodurch der neuentstandenen Balkanbund in seinem Vorhaben, die Osmanen aus den restlich verbliebenen Gebieten vom Balkan zu vertreiben, bestärkt wurde.

Der sogenannte Libyenkrieg (ital. Guerra di Libia) sollte Integrationspolitik Giolittis stärken, verfehlte jedoch dieses Ziel. Stattdessen mussten fast eine halbe Million Männer zu den Waffen gerufen werden und die Kriegskosten überstiegen die Kalkulationen der Regierung. Er schuf auch ein Klima der militanten Mobilisierung, welche einen italienischen Radikalnationalismus, dessen Anhänger die Eroberung von Dalmatien und Griechenland anstrebten, hervorbrachte. Der Konflikt destabilisierte auch das ohnehin fragile politische Gleichgewicht: die Sozialistische Partei spaltete sich und der radikale Flügel um den Journalisten Benito Mussolini setzte sich durch. Die Zusammenarbeit zwischen den Reformisten und Giolitti wurde abrupt beendet.

Die Wahlen vom 26. Oktober 1913 ließen Giolittis Regierungsmehrheit von 370 auf 307 Sitze sinken. Die wieder oppositionellen Sozialisten verdoppelten ihre Mandate und erreichten 52 Sitze. Auch die Rechten erhielten ein hervorragendes Ergebnis und vergrößerten ihr Mandat von 51 auf 73 Sitze.

Giolittis verkleinerte Regierungsmehrheit bestand überwiegend aus rechtsliberalen Ministern, welche mit den Nationalisten paktierten. So isolierte sich der Ministerpräsident zunehmend. Ein letzter Erfolg gelang ihm am 4. März 1914, als ihm das Parlament die entsprechenden finanziellen Mittel bewilligte, um die wirtschaftliche Entwicklung der neuen Kolonie in Nordafrika fördern zu können. Geschwächt trat Giolitti am 21. März 1914 zurück und schlug dem König Antonio Salandra als seinen Nachfolger vor.[45]

Erster Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Teilnahme Italiens im Ersten Weltkrieg (auch „Vierter Unabhängigkeitskrieg“ genannt)[46] begann am 24. Mai 1915, etwa zehn Monate nach Beginn des Konflikts, in dem das Land große politische und wirtschaftliche Veränderungen erlebte. Es kam zum Ende von Giolittis Reform- und Integrationspolitik und zur Etablierung einer imperialistischen und expansionistischen Außen- und einer nationalistisch geprägten und nur auf die Kriegswirtschaft ausgerichteten Innenpolitik.[47] Die innenpolitischen Probleme Italiens traten vorerst in den Hintergrund und 1917 schlossen sich die rechten und linken Kriegsbefürworter im Parlament zu einem einheitlichen Block zusammen (Fascio parlamentare di difesa), welcher mit zwei Dritteln der Abgeordneten die Mehrheit in beiden Kammern hatte. Während des Krieges hatte Italien drei Regierungen. Antonio Salandra führte 1915 das Land in den Krieg und musste, nachdem Erfolge ausgeblieben waren, am 18. Juni 1916 zurücktreten. Ihm folgte Paolo Boselli, welcher aber nur kurzzeitig bis zum 29. Oktober 1917 amtierte und Vittorio Emanuele Orlando, welcher sein Amt am 30. Oktober 1917 antrat und über den Krieg hinaus bis zu seinem Rücktritt am 23. Juni 1919 Regierungschef blieb.

Das Königreich Italien blieb beim Beginn der Kampfhandlungen als einzige europäische Großmacht neutral und begann parallel dazu Verhandlungen um Gebietskompensationen mit den beiden verfeindeten Seiten der Triple Entente und den Mittelmächten. Während dieser langen Zeit der Verhandlungen spielte die Öffentlichkeit eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung und der Wahl, ob oder nicht in den Krieg einzutreten. Die Massen teilten sich in die Interventionisten (ital. interventisti) und Neutralisten (ital. neutralisti). Zum Abschluss der Verhandlungen verließ das Königreich Italien den Dreibund und erklärte Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg. Der Krieg wurde in den Ostalpen, von der schweizerischen Grenze bis ins heutige Slowenien zu den Küsten der Adria, geführt. Parallel dazu beteiligte sich Italien an den Kampfhandlungen auf dem Balkan, im Nahen Osten und Nordafrika und in Ostafrika. Der Krieg forderte von Italien noch nie da gewesene Anstrengungen; riesige Menschenmassen wurden im Inland wie auch an der Front mobilisiert, wo sich Soldaten an das harte Leben in den Schützengräben, an materielle Deprivation und die ständige Bedrohung durch Tod anpassen mussten. Die Kämpfe haben den Betroffenen enorme kollektive psychologische Konsequenzen auferlegt und ermöglichten kaum eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Nach einer langen Reihe von nicht schlüssigen Schlachten kam es im Oktober/November 1917 zu einem unerwarteten Sieg der österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen in der Schlacht von Caporetto, welcher die Italiener bis zu den Ufern des Flusses Piave drängte, wo sich der italienische Widerstand dann konsolidierte. Die entscheidende Gegenoffensive in Vittorio Veneto führte zum Waffenstillstand von Villa Giusti am 3. November 1918 und zum Ende der Feindseligkeiten.

Das Ende des Krieges löste mit der Unterzeichnung der endgültigen Friedensverträge, bei welchen Italien auf wichtige Gebiete verzichten musste - es erhielt weder Dalmatien noch Albanien und ging auch bei den ehemaligen deutschen Kolonien, welche Frankreich und Großbritannien nur unter sich aufteilten, leer aus -, in der Bevölkerung Unruhen und eine große Unzufriedenheit über die neue Friedensordnung aus.

Vorspiel zum Krieg, internationales Dilemma[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antonio Salandra

Am 21. März 1914 wurde Antonio Salandra zum neuen Ministerpräsidenten ernannt. Er hatte bereits unter den Vorgängerregierungen mehrere Ministerposten bekleidet und gehörte dem rechten Flügel der 1913 gegründeten Partei Liberale Union (ital. Unione Liberale) an. Aufgrund seiner außenpolitischen Unerfahrenheit behielt er Giolittis Außenminister Antonino Paternò-Castello, einen Vertrauten König Viktor Emanuels III. und erfahrenen Außenpolitiker, im Amt.[47] Die Salandra-Regierung hatte in ihren ersten Monaten mit einer stark wachsenden revolutionären Linken zu kämpfen. Salandra übernahm daher auch das Innenministerium. In der Emilia-Romagna kam es im Juni 1914 mit der „Roten Woche“ (ital. Settimana rossa) zu einem Aufstand der Bauern und Arbeitern, welcher an die heftigen Unruhen von 1898 erinnerte.[47] Salandra reagierte mit Härte und versuchte zugleich Giolittis Ausgleichskurs gegenüber den Sozialisten und Katholiken aufrechtzuerhalten. Salandras Position wurde mit der Niederlage der Sozialisten bei den Kommunalwahlen im Juni und Juli 1914 gestärkt.

Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs stand das Königreich Italien vor einer Reihe von kurzfristigen und langfristigen Probleme bei der Wahl seiner Bündnispartner und seiner territorialen Ziele.[48] Italiens jüngste Erfolg im Libyenkrieg löste erneut Spannungen mit seinen Dreibundpartnern des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns aus, weil beide Länder engere Beziehungen zum Osmanischen Reich gesucht hatten. Aber auch Italiens Beziehungen zu Frankreich und Großbritannien waren, trotz der inoffiziellen Unterstützung im Libyenkrieg, weiterhin belastet. In Frankreich fühlte man sich wegen Italiens Unterstützung Preußens im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 immer noch „verraten“ und die Beziehungen blieben wegen der Rivalität der beiden Länder im Mittelmeerraum angespannt. Die britisch-italienischen Beziehungen waren ebenfalls beeinträchtigt, weil Italien von Großbritannien die Anerkennung seiner Großmachtstellung und seiner Interessen in Nord- und Ostafrika forderte. Gleichzeitig verschärfte sich der Konflikt zwischen Italien und dem Königreich Griechenland als Italien die griechisch-besiedelten Dodekanes-Inseln annektierte. Italienische Nationalisten forderten noch die Einverleibung weiterer griechischer Inseln wie die von Kreta oder der Ionischen Inseln, wo eine kleine italienische Minderheit lebte. Von 1898 bis 1913 bestand der Kretischer Staat als italienisch-britisch-französisch-russisches Protektorat, wobei Italien als Anrainerstaat eine politische und wirtschaftliche Monopolstellung unter den vier Mächten einnahm. Italien und Griechenland standen auch in offener Konkurrenz über den Wunsch das noch junge Fürstentum Albanien, dessen Unabhängigkeit und Einheit Italien auf der Londoner Botschafterkonferenz (1912–1913) garantiert hatte, militärisch zu besetzen. König Viktor Emmanuel III. selbst war beunruhigt über mögliche koloniale Abenteuer und forcierte stattdessen die Annexion der italienisch-besiedelten Gebiete von Österreich-Ungarn (sog. „Vollendung des Risorgimento“).[48]

Nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juli 1914 erklärte Außenminister Antonino Paternò-Castello am 8. Juli, geschützt auf die Artikel 1, 3, 4 und 7, dass für Italien bei einem österreichisch-ungarischen Angriff auf Serbien keine Bündnisverpflichtungen bestehen.[48]

Der Dreibund war zuletzt am 5. Dezember 1912 erneuert worden, mit dem Zusatz eines speziellen Protokolls über den Balkan. In diesem Zusammenhang hatte Österreich-Ungarn bereits 1913 eine militärische Operation gegen das Königreich Serbien vorbereitet, welche jedoch von Italiens Opposition abgelehnt wurde und das Verhältnis zu beiden Monarchien weiter verschlechterte. Auch während der Julikrise unterließ es die österreichisch-ungarische Diplomatie Italien ausreichend über ihr Vorgehen zu informieren.[48] Erst am 22. Juli 1914 kam es zu einem Treffen des österreichisch-ungarischen Botschafters Kajetan Mérey mit Paternò-Castello im Außenministerium in Rom. Am 24. Juli präsentierte der deutsche Hans von Flotow Ministerpräsident Antonio Salandra und Paternò-Castello das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien. Auch hier hatte die Regierung in Wien Rom nicht informiert, um die vorhersehbare negative Reaktionen zu vermeiden, und in dem Bemühen, jede Form von formellem Protest oder eine Weitergabe an Serbien zu verhindern.[48] Serbien lehnte das Dokument ab und am 28. Juli folgte mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns der Beginn des Ersten Weltkriegs. Italien hielt sich vorerst zurück und proklamierte noch nicht seine Neutralität.

Am 3. Juli 1914 legte der Generalstabschefs der Königlich Italienischen Armee General Alberto Pollio seinen Bericht zur Lage der Armee vor. In diesem forderte er personell eine Aufstockung, um mit den anderen Großmächten mitzuhalten. Er nannte die vielen technischen Mängel, die die Streitkräfte plagten, unter anderem die schlechte Ausbildung der Truppen und die mangelnde Vorbereitung auf den Krieg. Der Bericht von General Pollio wurde dem Kriegsminister Domenico Grandi vorgelegt, welcher ein 400 Millionen Lire Budget für die Armee forderte. Sein Nachfolger Vittorio Italico Zupelli und General Carlo Porro, welcher die Nachfolge von Pollio übernehmen sollte, machten diese Finanzierung zu einer notwendigen Voraussetzung für einen Kriegseintritt. Das Angebot Salandras von 190 Millionen gingen ihnen nicht weit genug. Nur General Graf Luigi Cadorna zeigte sich kompromissbereit und wurde zum neuen Generalstabschef ernannt. Luigi Cadorna warb beim Ausbruch der Feindseligkeiten für die Verkündigung der Neutralität und sah in ihr eine Chance zur Reorganisation und Modernisierung der Armee. Im September 1914 versicherte Cardona der Regierung, das er im Frühjahr 1915 eine Streitkraft von vier Armeen mit 14 Korps, 35 Infanteriedivisionen und vier Kavallerie aufstellen könnte.

Die Vorbereitung eines Militärschlags gegen Österreich-Ungarn, welche bereits sein Vorgänger begonnen hatte, konsolidierte Cadorna und passte sie den Standards der damaligen Zeit an. Seine am 21. August 1914 der Regierung vorgelegte „Zusammenfassung über eine mögliche Offensive in Richtung der österreichisch-ungarische Monarchie während der gegenwärtigen europäischen Feuersbrunst“ (ital. Memoria riassuntiva circa un eventuale azione offensiva verso la Monarchia austro-ungarica durante l'attuale conflagrazione europea) sah die sofortige Mobilmachung, die volle und schnelle Nutzung aller Eisenbahnen, eine Offensive in Richtung der offenen Grenze nach Görz und Triest, aber eine defensive Taktik im Trentino vor. Studien, die seit August 1914 in der Frage der Mobilisierung der Armee gemacht wurden, prognostizierten das die Verschiebung der Armee zur Grenze mindestens einen Monat dauern würde und so auffällig wäre, das der Gegner nicht überrascht wäre und Gegenmassnahmen einleiten könnte. Diese Tatsache führte zur Annahme eines neuen Mobilisierungssystems, das als rote Mobilisierung (ital. mobilitazione rossa) definiert wurde. Diese sah vor, jede Person einzeln zu den Waffen zu rufen und nicht die Öffentlichkeit.

Um die Schlagkraft der Armee aufzuwerten wurde die Produktion von Waffen massiv gesteigert. Es wurden neue größere Artilleriegeschütze, wie die 75/27 Mod. 1911-Kanone, welche der französischen Canon de 75 mm modèle 1897 ähnelte, entwickelt, die Produktion des italienischen Modells der deutschen 15-cm-schweren Feldhaubitze 13 angekurbelt und ein Lichtmesstrupp aufgestellt. Das Eisenbahnnetz wurde für die hohe Mobilität noch einmal massiv ausgebaut, was einen Bewegungskrieg möglich machen sollte. Es gelang schließlich in den 10 Monaten der italienischen Neutralität (siehe unten) viele Defizite innerhalb der Armee zu beseitigen und ihre Kampfkraft beträchtlich zu erhöhen. Im Juli 1915 hatte die Königliche Armee 31.000 Offiziere, 1.250.000 Soldaten und 216.000 Zivilisten, welche im Dienst der Armee standen, mobilisiert. Inzwischen war die Kampfkraft der österreichisch-ungarischen Truppen durch die verlustreichen Kämpfe an der Ostfront als auch auf dem Balkan niedriger geworden.

Italienische Neutralität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karikatur zur italienischen Neutralität im Tauziehen zwischen der Entente und den Mittelmächten (1914)

Die offizielle und endgültige Entscheidung zur italienischen Neutralität wurde am 2. August 1914 vom Ministerrat beschlossen. Ministerpräsident Antonio Salandra erklärte: Italien sei mit allem am Krieg beteiligten Mächten im Friedenszustand und die Königlich italienische Regierung, die Behörden und Bürger sind verpflichtet, die Neutralität gemäß den geltenden Gesetzen und nach den Grundsätzen des Völkerrechts einzuhalten.

Die Neutralität wurde zunächst einstimmig erhalten, aber der Stillstand der deutschen Offensive an der Marne im September 1914 führte zu einer Diskussion über die angebliche deutsche Unbesiegbarkeit. Interventionistische Bewegungen begannen sich im Herbst 1914 zu bilden und allmählich an Einfluss zu gewinnen. Bereits im August 1914 hatte Außenminister Paternò-Castello den Kriegseintritt gefordert.[48] Sie erachteten die geopolitische Lage als günstig und forderten einen Kriegseintritt auf der Seite der Triple Entente. Eine Intervention an der Seite der Entente forderten die Nationalisten, Teile der Republikaner und der radikalen Linken, die reformistischen Sozialisten, Anarchosyndikalisten und allmählich auch die konservativen und liberalen Rechten, welche lange zum Dreibund hielten. Gegen den Kriegseintritt sprachen sich vor allem die linksgerichteten Liberalen um ihren Anführer Giovanni Giolitti, viele katholische Gläubige und die Sozialisten aus. Die Mehrheit der Bevölkerung und Parteien lehnten den Krieg ab.[49] Die liberalen Befürworter einer Intervention wurden stark von den Idealen der Demokratie beeinflusst und propagierten den Kampf gegen die autokratischen Monarchien und die Befreiung vom Trento und Triest. Die Nationalisten sprachen von neuen Besitzungen in Dalmatien, die Herrschaft über die Adria, ein Protektorat über Albanien und koloniale Kompensationen in Afrika. Alle Gruppen wiesen auf einen möglichen Verlust der italienischen Großmachtstellung hin, wenn es ein passiver Zuschauer bleiben würde. Auch sollte der Krieg alle italienischen Niederlagen der Vergangenheit von der Schlacht bei Custozza und Seeschlacht von Lissa 1866 gegen Österreich bis Adua gegen Äthiopien 1896 rächen und dessen Einigung mit der Annexion von unerlösten Territorien abschließen. Die Neutralisten argumentierten damit, dass Italien noch eine „junge und zerbrechlich Nation“ wäre und die Staatsfinanzen durch den Krieg in Libyen zerrüttet wären und ein Kriegseintritt unvorhersehbare Risiken mit sich bringen würde. Trotz ihrer Mehrheit verloren die Neutralisten schrittweise an Einfluss im Parlament und in der Regierung. Am 20. Mai 1915 stimmte beispielsweise die Mehrheit der Sozialisten entgegen der Parteiführung, eine von vier großen Gruppen, welche die Neutralität erhalten wollten, für die Kriegskredite der Regierung. Grund dafür war der in den letzten 10 Monaten von August 1914 bis Mai 1915 erfolgte Umschwung in der öffentlichen Meinung. Die Interventionisten dominierten die Medien, welche die Massen mobilisieren konnten. Die Neutralisten hatten auf ihrer Seite zwar die staatlichen Organe und politischen Institutionen, welche aber passiv blieben. Die Interventionisten organisierten sogenannte journalistische Debatten, wo die Presse mündlich für einen Kriegseintritt warb und dabei ganze Theater, Hallen und Konferenzräume mit Menschenmassen füllen konnte. Es kam auch zur Gründung von zahlreichen neuen Zeitungen und Magazinen, welche für den Kriegseintritt warben. Den Neutralisten fehlte eine solche Organisation. Es gelang den Sozialisten, Katholiken und Giolitti nicht gemeinsame Projekte und Treffpunkte zu organisieren, während die interventionistische Bewerbung als einheitlicher Block agierte.[49]

Ein ebenfalls entscheidender Faktor für den Sieg der Interventionisten war die innere Unentschlossenheit der beiden stärksten Neutra-Strömungen, den Sozialisten und den Liberalen. Die ersteren agierten am vehementesten gegen den Krieg, aber im Inneren der Partei gab es eine Art „Diaspora“, deren Mitglieder heimlich die Interventionisten unterstützten. Charakteristisch in dieser Hinsicht war die Aktivität des österreichisch-ungarischen sozialistischen Abgeordneten Cesare Battisti, welcher 1914 nach Italien floh und in ganz Italien für einen Kriegseintritt warb, um das Trento an Italien anzuschließen und argumentierte, dass der Sozialismus die nationalen Wurzeln und Identität nicht ignorieren könne. Ein weiteres Beispiel war Benito Mussolini, welcher 1914 für den Krieg warb und daraufhin aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen wurde, aber auf die Unterstützung des Mailänder Flügels der Partei zählen konnte. Am 10. November 1914 erklärte Mussolini dem alten Anti-Patriotismus-Kurs der Sozialisten für Tod und fünf Tage später erschien die erste Ausgabe seiner neuen Zeitung Il Popolo d’Italia (Volk Italiens), wo er mehrmals für einen Kriegseintritt warb.[49] Diese Positionen trugen zu einem wesentlichen Richtungswechsel der Sozialisten bei, auch wenn einige Mitglieder andere Ziele verfolgten und viele den Krieg als einzige Möglichkeit sahen, die italienische Politik und die Politik in Europa grundlegend zu verändern. Dieser „demokratische bzw. revolutionäre Interventionismus“ hatte auch das Ziel eine sozialen Revolution auszulösen. So schrieb der Syndikalist Filippo Corridoni am 5. Dezember 1914, dass mit dem Krieg eine sozialen Revolution vorbereitet würde und die letzten Reste der feudalen Herrschaft damit beseitigt werden.

Den starken öffentlichen Druck auf das Parlament und die innere Zerstrittenheit der Neutralisten nutzte Ministerpräsident Salandra. Dieser verfolgte zunächst eine Innen- und Außenpolitik, welche an die von Giolitti angelehnt war. Er stützte seine Regierung auf eine breite Mehrheit und ernannte Politiker aus fast allen Lagern zu Ministern. Den einzigen Minister, welchen er aber von Giolitti übernahm, war Außenminister Paternò-Castello. Aber parallel dazu hatte Salandra den Ehrgeiz, den linken Flügel der Liberalen Union um Giolitti an sich zu binden und diesen als Konkurrenten zunächst zu isolieren und auszuschalten. Diese versuchte und letztendlich erfolgreiche Verschiebung der Gleichgewichte zeigte sich mit der Ernennung von Sidney Sonnino zum Außenminister, welcher dem linken Flügel der Konservativen angehörte und im November 1914 dem verstorbenen Paternò-Castello nachfolgte. Sonnino plädierte nur für die Neutralität im Gegenzug für territoriale Kompensationen, wie er sie von Österreich-Ungarn erwartete. Sonnino nahm schließlich eine Reihe von geheimen Verhandlungen mit der Entente auf, welche Italien große territoriale Zugeständnisse machten.[50] Am 26. April 1915 wurden die Verhandlungen mit der Entente abgeschlossen und der Geheimvertrag von London unterzeichnet, mit welchem sich Italien verpflichtete in den Krieg innerhalb eines Monats einzutreten. Am 3. Mai 1915 wurde der Dreibund von Italien aufgekündigt.[51]

Während sich die Politik in den Monaten der Neutralität mit der Berechnungen der Stärken und Chancen eines Eintritts des Landes in den Krieg beschäftigte, spielten zunehmend die Intellektuellen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung des Kriegseintritts. Viele idealisierten die Situation und strebten für Italien neue territoriale Gewinne und politische Hegemonie im Mittelmeerraum an. Die Intellektuellen unterschieden sich dabei in „Reformer“ und „Revolutionäre“ (letztere Bedeutung bedeutete, die „Revolution der Väter“ fortzuführen). Die Reformer forderten den Zusammenbruch der alten Monarchien und den Zusammenschluss der „freien Völker Europas“. Sprecher dieser Gruppe war Gaetano Salvemini, ein Kritiker Giolittis, welcher den Krieg als einzige Möglichkeit sah die alten anachronistischen Monarchien Deutschland und Österreich-Ungarn zu besiegen. Der Idealist Benedetto Croce pries schriftlich über seine Kulturzeitschrift La Critica das liberale System Italiens und forderte wegen der Werte des Fortschritts und der Freiheit einen Kriegseintritt gegen die Mittelmächte. Renato Serra und Giovanni Gentile hingegen priesen in La Critica die Ästhetik von Blut und Gewalt. Der spätere faschistische Ideologe Alfredo Rocco verkündete den proletarischen Nationalismus, welcher den Krieg nicht nur eine Außenpolitik der territorialen Expansion nutzen sollte, sondern auch in einer strategischen Perspektive eine Neuzusammensetzung der gesellschaftlichen Schichten zu einem breiten gesellschaftlichen und politischen Block ermöglichen sollte. Diese Idee wurde von vielen ähnlich denkenden nationalistischen Intellektuellen wie Enrico Corradini, Francis Coppola, Luigi Federzoni, Maffeo Pantaleoni und Gabriele D’Annunzio aufgegriffen und übernommen.[49]

„Strahlender Mai“ und der Kriegseintritt 1915[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Achille Beltrame: Gabriele D’Annunzio spricht 1915 gegen den „Giolittismus“
Die italienische Abgeordnetenkammer beschließt den Kriegseintritt (Bild aus einer Zeitung, 20. Mai 1915)
Anordnung zur Generalmobilmachung (23. Mai 1915)

Die Kündigung des Dreibundes löste im Mai 1915 in Italien ein unerwartet starkes Echo aus. Diese Tage wurden als Strahlender Mai (ital. maggio radioso) bezeichnet. Es kam im ganzen Land zu Demonstrationen und Streiks für oder gegen den Krieg. Die starke öffentliche Mobilisierung führte zu Straßenkämpfen und zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.[52]

Einen Tag nach der Kündigung des Dreibundes kam es am 5. Mai 1915 in Genua zu einer großen Demonstration anlässlich des 65. Jahrestages des Zugs der Tausend von Garibaldi. Etwa 20.000 Menschen nahmen an dieser Demonstration teil. Als Redner trat Gabriele D’Annunzio auf. Er predigte die Heiligkeit der italienischen Nation, idealisierte das Heldentum und forderte erneut einen Kriegseintritt Italiens.

Die Rede und die Demonstration lösten eine Regierungskrise aus. Am 9. Mai reiste Giolitti nach Rom und setzte sich, gestützt durch eine gemeinsame Zusage der deutschen und österreichisch-ungarischen für weitere Gebietsabtretungen, in der Abgeordnetenkammer erneut für die Neutralität ein.[51] Damit widersprach er der Salandra-Regierung und dem König. Giolitti und seine Anhänger bereiteten ein Misstrauensvotum gegen die Regierung vor. Dieses scheiterte jedoch an den Sozialisten. Um aber eine erneute Machtübernahme Giolittis zu verhindern, organisierten die Interventionisten im ganzen Land, mit Hilfe der großen Zeitungen und Intellektuellen, vor allem D'Annunzio, Demonstrationen und Proteste für den Krieg. Mit diesem gesteigerten Druck der Straße wurde faktisch das Parlament entmachtet und seiner repräsentativen Funktion beraubt.[50] Die Regierung und Salandra traten schließlich aufgrund dieser Spannungen am 13. Mai zurück. Viktor Emanuel III. nahm Salandras Rücktritt nicht an und bekräftigte stattdessen seine Unterstützung für ihren Kurs.

Am 20. Mai 1915 stellte das Parlament der Regierung Vollmachten im Hinblick auf den Krieg aus.[52] Bis dahin hatte keine italienische Regierung so viel Macht gehabt. Daraufhin kam es zu Demonstrationen für die Neutralität in der Toskana und der Emilia-Romagna, welche aber in gewalttätigen Auseinandersetzungen endeten, und in Turin, wo die Neutralisten einen Generalstreik gegen den Krieg organisierten. Meistens waren aber die interventionistischen Demonstrationen zahlreicher und gleichmäßiger über die gesamte Halbinsel verteilt, auch Süditalien, wo die Bevölkerung bis dahin weitgehend passiv geblieben war. Im Mai kam es in den Städten Parma, Padua, Venedig, Genua, Mailand, Catania, Palermo und Rom[51] zu Demonstrationen von mehreren tausend Menschen für den Krieg. Das Zentrum der Demonstrationen war Rom, wo die Lage besonders angespannt war.

Gedrängt durch die starke interventionistische Agitation von Mussolini und D'Annunzio und den nationalistischen Kampagnen und Demonstrationen, aus Angst vor einem Konflikt zwischen der Krone und dem Parlament und die Konsequenzen für die ausländischen Beziehungen gaben die Neutralisten im Parlament nach.[51] Giolliti reiste aus Rom ab und am 20. Mai ratifizierte das Parlament den Beschluss der Intervention und stellte die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung. Es folgte die landesweite Generalmobilmachung. Am 23. Mai wurde Österreich-Ungarn die Kriegserklärung überreicht.[52] Am 24. Mai trat Italien offiziell in den Großen Krieg ein. Am 21. August 1915 erklärte es dem Osmanischen Reich und am 19. Oktober dem Zarentum Bulgarien den Krieg. Seine diplomatischen Beziehungen zu Deutschland hielt Italien zunächst aufrecht, mit dem die Regierung Salandra hoffte nicht ganz brechen zu müssen.

Die Durchsetzung des Kriegseintritts bildete einen Verstoß gegen die Regeln des parlamentarischen Systems, wie es seit 1878 geherrscht hatte. Obwohl der König in der Verfassung viel Macht in der Außen- und Militärpolitik besass, hatten bis zu diesem Zeitpunkt im Rahmen der demokratischen parlamentarischen Tradition alleine die Regierungen mit Zustimmung des Parlamentes Kriege erklärt. Dieser Fall trat erneut 1922 ein, als Viktor Emanuel III. ohne parlamentarische Unterstützung Benito Mussolini zum Ministerpräsidenten ernannte.

Italiens Kriegsanstrengungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generalissimo Luigi Cadorna, von 1914 bis 1917 Generalstabschef, im Gespräch mit britischen Offizieren
Die italienische Front 1915–1917: elf Schlachten in der Isonzo- und Asiago-Offensive;[52] blau: italienische Eroberungen
Die Schlacht von Caporetto und italienischer Rückzug zur Piave (1917)
Die Schlacht von Vittorio Veneto (1918)

Zu Beginn seiner militärischen Kampagne gegen Österreich-Ungarn sah sich Italien zunächst im Vorteil: Österreich-Ungarns Armee hatte einen Zweifrontenkrieg gegen Serbien und Russland zu führen und die Königlich Italienische Armee war numerisch dem Gegner weit überlegen.[46] Allerdings wurde dieser Vorteil nicht voll genutzt, weil der italienische Militärkommandant Luigi Cadorna auf einen gefährlichen Frontalangriff gegen Österreich-Ungarn bestand, um über die slowenischen Hochebene zu marschieren und Ljubljana zu besetzen,[53] von wo man leicht die österreichisch-ungarische Reichshauptstadt Wien hätte besetzen können. Erst nachdem elf Offensiven mit enormen Verlusten an Leben und Material gescheitert waren,[46] brach die italienische Kampagne, Wien einzunehmen, zusammen. Für die italienischen Truppen war auch die geographische Lage eine Schwierigkeit, denn die Grenze zu Österreich-Ungarn verlief in gebirgigem Gelände. Die Grenze war 650 km lang und erstreckte sich von der schweizerischen Grenze über das Stilfser Joch bis zur Adria.[53]

Die Kampfhandlungen zwischen Italien und Österreich-Ungarn begannen mit den ersten Schüssen auf die feindlichen Positionen der Gemeinde Cervignano del Friuli am 24. Mai 1915, welche noch am gleichen Tag von italienischen Truppen eingenommen wurde. Am selben Tag bombardierte die österreichisch-ungarische Flotte in einem Überraschungsangriff die Städte Manfredonia und Ancona. In den Seeschlachten zwischen der Königlich Italienischen Armee und der österreichisch-ungarischen Marine in der Adria blieb Italien zunächst defensiv. In den meisten Gefechten erwiesen sich Italiens Kriegsschiffe aufgrund von mangelnder Organisation und Koordinierung der österreichisch-ungarischen Flotte unterlegen oder es entstand eine Pattsituation.[53] Die französische Marine und die britische Royal Navy entsendeten die Bündnispartner der Entente nicht in die Adria. Ihre jeweiligen Regierungen betrachteten die Adria aufgrund der Konzentration der österreichisch-ungarischen Flotte als viel zu gefährlich.

In den ersten Monaten des Krieges startete Italien folgende Offensiven:

In diesen ersten vier Schlachten hatte die italienische Armee 60.000 Todesopfer und mehr als 150.000 Verwundete, was etwa einem Viertel der damals mobilisierten Kräfte entsprach, zu beklagen. Im Mai 1915 umfassten die italienischen Truppen 400.000 Mann und waren den Österreichern und Deutschen um das Vierfache überlegen. Doch die österreichische Verteidigung blieb, trotz Unterbesetzung, stark und konnte alle vier italienischen Offensiven halten.[53] Die Kämpfe mit der österreichisch-ungarischen Armee entlang der Voralpen entwickelten sich bald nach dem Kriegseintritt zu einem Grabenkrieg mit nur wenig Fortschritt. Es wurde in über 3000 Metern Höhe gekämpft. Die italienische Armee litt an einem starken Munitionsmangel, dessentwegen es meistens zum Abbruch der Offensiven kam. Die italienische Artillerie war unterdessen dem Beschuss durch österreichische Maschinengewehre ausgesetzt. Im ersten Jahr des Krieges führten diese schlechten Bedingungen auf dem Schlachtfeld und ein Ausbruch von Cholera zu einer großen Zahl von Toten auf italienischer Seite. Trotz dieser ernsten Probleme verbot Cadorna aus Prestigegründen einen Truppenrückzug.

In seinen afrikanischen Kolonien war die Lage für Italien kritisch. Italienisch-Somaliland in Ostafrika war nicht befriedet und wurde vom Aufstand des somalischen Scheichs Mohammed Abdullah Hassan bedroht. Im nordafrikanischen Libyen war die italienische Militärpräsenz auf einige getrennte Städte und Punkte an der Küste beschränkt. In den Provinzen Tripolitanien und Fessan ging die italienische Armee zunächst in die Offensive. Im August 1914, noch während der Neutralität, stießen die italienischen Streitkräfte bis nach Ghat tief ins libysche Hinterland vor. Dieser Vorstoß wurde im April 1915 beendet. Im August 1915 waren die Italiener von den einheimischen Stammesführern der Sanusiya wieder zurück an die libysche Küste zurückgedrängt worden. Diese Situation hielt bis 1922/23 an. Erst danach wurde Eroberung von ganz Libyen wieder aufgenommen.

Die Moral unter den italienischen Soldaten war seit Beginn des Krieges schlecht. Sie waren gezwungen ein langweiliges Leben zu führen, so war es Ihnen verboten Theater oder Bars zu besuchen, auch während ihres Urlaubs. Vor einer Schlacht wurde ihnen aber das Trinken von Alkohol gestattet, um Spannung vor der Schlacht zu reduzieren. Um die Moral aufrechtzuerhalten, ließ die italienische Militärführung Propaganda-Vorträge über die Bedeutung des Krieges für Italien und die versprochenen umfassenden Gebietsgewinne halten. Einige dieser Vorträge wurden auch durch die populären nationalistischen Kriegsbefürworter wie Gabriele D’Annunzio gehalten. D'Annunzio selbst kämpfte während des Krieges entlang der Adria-Küste und unternahm eine Reihe von paramilitärischen Angriffen auf österreichische Positionen. Benito Mussolini wurde von Seiten der Regierung das Halten von Vorträgen untersagt, wahrscheinlich wegen seiner revolutionären sozialistischen Vergangenheit.

Italienische Besatzungstruppen im albanischen Vlora (ca. 1916)

Die italienische Regierung sah sich im Herbst 1915 mit der zunehmend passiven Haltung der serbischen Armee konfrontiert. Das Königreich Serbien hatte seit mehreren Monaten keine ernsthafte Offensive gegen Österreich-Ungarn gestartet. Salandra machte die serbischen Militärs dafür verantwortlich, dass die Österreicher ihre Armeen gegen Italien aufbringen würden. Cadorna warf Serbien vor, geheim mit Österreich über einen serbischen Kriegseintritt zu verhandeln, und adressierte diese an Außenminister Sidney Sonnino, der behauptete, dass Serbien ein „unzuverlässiger Verbündeter“ sei. Die Beziehungen zwischen den beiden Bündnispartnern kühlten so stark ab, das die Entente-Mitglieder von ihrer Idee absahen, eine vereinigte Balkanfront gegen Österreich-Ungarn zu bilden. In den Verhandlungen über Territorien stand Sonnino Serbien zwar Bosnien und die Herzegowina zu, weigerte sich aber über das zwischen serbischen und italienischen Nationalisten umstrittne Dalmatien zu verhandeln. Als Serbien im Oktober 1915 von den Mittelmächten in einem Feldzug überrannt und besetzt wurde, schlug Cadorna die Entsendung von 60.000 Mann nach Thessaloniki zur Unterstützung der Serben vor, welche in der Stadt nun ihr Hauptquartier im Exil hatten. Die Serben befürchteten aber eine italienische Festsetzung im Fürstentum Albanien, welches ebenfalls von Serbien beansprucht wurde, und lehnten den Vorschlag ab. Italienische Truppen spielten aber eine wichtige Rolle bei der Verteidigung von diesem gegen Österreich-Ungarn. Ab 1916 kämpfte die italienische 35. Division auf der Salonikifront als Teil der alliierten Armee des Orients. Das italienische XVI. Korps (eine von der Armee des Orients unabhängige Einheit) nahm an Aktionen gegen österreichisch-ungarische Streitkräfte in Albanien teil. 1917 wurde ein italienisches Protektorat über Albanien errichtet und erst 1920 zogen die italienischen Truppen ab.

Im Jahr 1916 verschlechterte sich die Situation für Italien dramatisch. Die Pattsterie zog sich für das ganze Jahr 1916 hin. Österreich-Ungarn gelang es im Mai in seiner Südtiroloffensive, die von Italien eroberten Randgebiete des Trentino wieder zurückzuerobern.[53] Am 11. März 1916 startete Cadorna die Fünfte Schlacht des Isonzo. Dieser Versuch war auch fruchtlos. Im Juni gelang es einer österreichisch-ungarischen Strafexpedition, die Hochebene von Asiago zu besetzen. Die italienische Armee schaffte es jedoch, die Offensive aufzuhalten und den Feind zum Rückzug in die Landschaft Carso zu drängen. Am 4. August begann die sechste Schlacht des Isonzo, welche fünf Tage nach ihrem Beginn zur italienischen Eroberung der Grafschaft Görz führte,[53] auf Kosten von 20.000 Toten und 50.000 Verwundeten. Das Jahr endete mit drei neuen Offensiven:

Der Preis waren weitere 37.000 Tote und 88.000 Verwundete auf der Seite der Italiener, ohne dass eine bemerkenswerte Eroberung gelungen wäre. Ende 1916 stieß die italienische Armee für einige Kilometer in den Trentino vor, während die Lage an der Isonzo-Front während des ganzen Winters 1916/17 stabil blieb.

italienisches Propagandaplakat, welches 1918 über Wien abgeworfen wurde

Die italienische Militärführung sah sich mit dem Kriegsjahr 1916 auch mit einem zunehmenden Mangel an Kriegsschiffen konfrontiert, deren Bestand sich durch erhöhte Angriffe von U-Booten verkleinerte, und hatte mit stetig steigenden Frachtkosten für importierte Lebensmittel, Rohstoffe und militärische Ausrüstungen zu kämpfen. Um diese Kosten zu finanzieren, kam es zur Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen in anderen Bereichen durch die Regierung. Nach kleineren Erfolgen der österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen in norditalienischem Gebiet verfolgte Generalstabschef Cadorna schließlich ab November 1916 einen defensiveren Ansatz. Im Jahr 1917 boten Frankreich, Großbritannien und die in den Krieg eingetretenen Vereinigten Staaten Italien Truppenverbände zur Unterstützung an, um eine neue Offensive gegen die Mittelmächte zu organisieren. Die italienische Regierung unter Ministerpräsident Paolo Boselli, welcher Salandra im Juni 1916 nachgefolgt war, lehnte aber ab, da sie darin einen Verlust der italienischen Großmachtstellung sah. Stattdessen entsendete Italien zur Sicherung seiner Interessen in den Nahen Osten kleinere Truppenkontingente zur Unterstützung der Briten im Kampf gegen die Osmanen an die Palästinafront. Italien wurde schließlich am Sykes-Picot-Abkommen zur Aufteilung des Osmanischen Reiches beteiligt.[54] Außenminister Sonnino propagierte unterdessen den Isolationismus als tapfere Alternative.[46] Diese Strategie verfolge Italien auch bezüglich des Kriegseintritts des Königreichs Griechenland 1917, welcher Italien und die anderen Alliierten im Kampf gegen Bulgarien, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich hätte entlasten können. Diesen wollte Italien verhindern, um freie Hand bei der Besetzung Albaniens zu haben, welches Griechenland ebenfalls beanspruchte. In Griechenland setzte sich aber die venezianische Richtung unter dem Premierminister Eleftherios Venizelos durch, welche keine Ansprüche auf Albanien stellte.

Der Krieg wendete sich für Italien nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches mit der Februarrevolution 1917. Im Oktober folgte mit der Oktoberrevolution die Machtübernahme der kommunistischen Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Lenin. Die neue russische Regierung stellte die Kampfhandlungen an der Ostfront ein und schloss 1918 den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Die sich dadurch ergebende Marginalisierung der Ostfront ermöglichte den Abzug der österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen und erlaubte die Verlegung von neuen Truppenverbänden auf die Front gegen Italien.[54] Der interne Dissens gegen den Krieg wuchs zunehmend mit den sich verschlechternden wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen aufgrund der Belastung des Krieges. Viele Pazifisten und internationalistische Sozialisten befürworteten ab 1917 Friedensverhandlungen mit den Arbeitern im Deutschen Reich und Österreich-Ungarn und eine kommunistische Revolution. In Turin kam es im August 1917 zu Protesten. In Mailand kam es im Mai 1917 zu einem von kommunistischen Revolutionären organisierten Aufstand, welchen die italienische Armee mit Panzern und Maschinengewehren bis zum 23. Mai 1917 niederschlagen musste.[54]

Angehörige der Arditi-Bataillone (1918). Bis zum Frühjahr 1918 verlor Italien 650.000 Soldaten

Am 12. Mai 1917 startete Italien die zehnte Schlacht des Isonzo. Ziel der italienischen Offensive war wieder der Durchbruch nach Triest. Die Schlacht am Monte Ortigara (10.-25. Juni) bildete aber den Versuch von Cadorna, auch einige neue Territorien im Trentino zu erobern. Geländegewinne blieben aber aus und Italien gelang nur kurzzeitig die Eroberung des Dorfes Doberdò del Lago. Am 18. August 1917 begann die wichtigste italienische Offensive, die elfte Schlacht des Isonzo. Die Königlich Italienische Armee hatte die bisher größte Streitmacht aufgestellt und erzielte einige wichtige Fortschritt, wie der Eroberung des heute slowenischen Banjšice-Plateaus südöstlich von Tolmino. Die Offensive musste aber aufgrund von Versorgungsengpässen abgebrochen werden.[54] Der Angriff wurde am 12. September 1917 vollständig aufgegeben. Stattdessen gingen die zuvor noch bedrängten Österreicher und Deutschen in die Offensive über. Am 24. Oktober 1917 brachen die Truppen der Mittelmächte durch die italienischen Linien im oberen Isonzo bei Caporetto durch und stießen bis an die Piave vor. Die 2. italienische Armee wurde faktisch aufgerieben. Obwohl die italienischen Armeekommandanten über einen wahrscheinlichen Feindangriff informiert waren, hatten diese ihn unterschätzt und erkannten nicht die Gefahr, die durch die von den Deutschen entwickelte Infiltrationstaktik verursacht wurde. Die Niederlage von Caporetto führte zum Zerfall der ganzen italienischen Front am Isonzo. Insgesamt hatte Italien 700.000 Tote, Verwundete und Gefangene zu beklagen. Cadorna, der versucht hatte, die Ursachen der Katastrophen auf eine niedrige Kampfmoral und Feigheit der Truppen zurückzuführen, wurde als Generalstabschef abgesetzt und am 8. November 1917 durch Armando Diaz ersetzt.[55] Ministerpräsident Paolo Boselli trat am 29. Oktober 1917 zurück und wurde am 30. Oktober von seinem Innenminister Vittorio Emanuele Orlando abgelöst.[55] Orlando verließ den bisherigen isolationistische Ansatz des Krieges und trat für eine verstärkte Koordinierung mit den Alliierten ein. Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten entsandten daraufhin Truppen zur Unterstützung Italiens. Im November gelang es Italien in der Ersten Piaveschlacht einen weiteren deutsch-österreichischen Vorstoss abzuwehren.

Ab Frühjahr 1918 wurden einige italienische Divisionen zur Unterstützung der Entente an der Westfront abkommandiert. Ihr wichtigstes Engagement an dieser Front war ihre Rolle in der Zweiten Schlacht der Marne.

Der erneute Offensive der Mittelmächte während der Zweiten Schlacht am Piave im Juni 1918 konnten die Italiener widerstehen. Das Scheitern der Offensive markierte einen Wendepunkt an der italienischen Front. Die Mittelmächte erwiesen sich schließlich als unfähig, die Kriegsanstrengungen an der Italienfront weiter zu tragen, während die multiethnischen Einheiten Österreich-Ungarns am Rande der Rebellion waren. Die Italiener haben ihre geplante Gegenoffensive von 1919 für den Oktober 1918 angesetzt, um von der österreichisch-ungarischen Krise zu profitieren. Der italienische Angriff, unterstützt von einem kleinen Kontingent von französischen, britischen, tschechoslowakischen und US-amerikanischen Truppen, begann am 24. Oktober in Vittorio Veneto.[56] Die Kämpfe dauerten vier Tage lang, aber dann gelang es den Italienern, die Piave zu überqueren und einen Brückenkopf zu bilden. Am 29. Oktober beantragte das sich in der Auflösung befindende Österreich-Ungarn einen Waffenstillstand. Der Waffenstillstand wurde am 3. November in der Villa Giusti bei Padua unterzeichnet.[57]

Innere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Frau verabschiedet einen Soldaten

Nach dem Eintritt Italiens in den Konflikt gewährte das Parlament der Regierung Vollmachten, die die Regierung von der Kontrolle des italienischen Rechnungshofes und des Parlaments de facto unabhängig machten. Es kam zu einer wachsenden Autonomie der Bürokratie und zur Einführung einer strengen Zensur der Presse und regelmäßigen Polizeikontrollen. Die einzige Institution, die Autonomie von der Regierung genoss, war die militärische Organisation, wo Cadorna unbegrenzte Vollmachten erhielt. Im Hinblick auf die Kriegsanstrengungen wurden neue Ministerien und Organe, wie das Staatssekretär für Bewaffnung und Munition (ab 1917 eigenes Ministerium),[58] die Ministerien für See- und Schienenverkehr, Einkauf und Verbrauch, Unterstützung und Kriegsrenten und eine Reihe von Sekretariaten mit der Beteiligung des industriellen Sektors, geschaffen. Diese neuen Strukturen erwiesen sich aber wegen ihrer überlappenden Zuständigkeiten als ineffektiv und es kam zu Rivalitäten unter den Ministerien. Weder der Regierung von Salandra noch von Boselli gelang es, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Erst unter der Regierung Orlando kam es zu einer Rationalisierung und einer klaren Verteilung der Zuständigkeitsbereiche.[58] Die Anzahl der Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung erhörte sich aber weiterhin. Zwischen 1915 und 1921 stieg die Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor von 339.000 auf 519.000, einschließlich Eisenbahnarbeiter, Polizei und Finanzpolizei. Das Industrieministerium unter Giannetto Cavasola bildete sieben (später 11) Regionalausschüsse, um die Waffen- und Munitionsproduktion zu koordinieren. Militärs, Beamte und Industrielle gingen dabei eine verstärkte Zusammenarbeit ein. Obwohl bereits die italienische Marine seit langem mit der Privatwirtschaft zusammenarbeitete,[58] konnte beim Heer und der junge Luftwaffe, die beide geringere Materialanforderungen hatten, nicht auf die Privatwirtschaft zurückgegriffen werden. Erst mit dem Kriegsausbruch kam es zu einer Wende. Die neugeschaffenen Ausschüsse besorgten den Firmen die benötigten Materialien und Rohstoffe in Italien und dem Ausland, halfen beim Abschluss von Verträgen und koordinierten die Arbeitsverwaltung (Zeitpläne, Löhne, Sicherheit, berufliche Ausbildung, Unterstützung und soziale Sicherheit). Die Anzahl der beteiligten Industrieanlagen stieg von 125 Betrieben mit 115.000 Arbeitern im Jahr auf 1976 Betriebe mit mehr als 900.000 Arbeitern im Jahr 1918, welche vor allem in der Lombardei, Piemont, Ligurien und in der Gegend um Neapel ansässig waren und sowohl große als auch kleine Fabriken, die alle Arten von Waffen an die Armee und Marine lieferten, umfassten.

Postkarte von der Front (1918)

Der erhöhte Verbrauch an Ressourcen führte zur Erschöpfung der Ressourcenreserven,[46] die von Italien in den Jahren des Friedens angespart worden war, so dass die Kriegsanstrengungen nur auf Kosten des Lebensstandards der Zivilbevölkerung fortgesetzt werden konnten. Die Lage der Bevölkerung verschlechterte sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1916, fast zeitgleich in alle am Konflikt beteiligten Ländern, deutlich. Mit wachsender Kriegsdauer wirkten sich die fehlenden Nahrungsmittelimporte und die fehlenden landwirtschaftlichen Arbeitskräfte negativ auf die Versorgungslage der Bevölkerung aus. Die Folge waren beträchtliche Preissteigerungen und Versorgungsmängel. Nur unzureichend gelang es, dem durch Bewirtschaftungsmaßnahmen Herr zu werden. Die Brotrationen der Soldaten hatten bis Sommer 1916 täglich von 750 auf 600 Gramm reduziert, während es den Bürgern jetzt unmöglich war, Sachen wie Kaffee, Kakao, Zucker, oder Getreide zu besorgen. Um den spezifischen Treibstoffverbrauch zu reduzieren neigten, wurden an bestimmten Tagen bestimmte Lebensmittel nicht verkauft. Fleisch war beispielsweise am Donnerstag und Freitag, Süßigkeiten an drei aufeinanderfolgenden Tagen in der Woche nicht erhältlich. Um den Verbrauch von Papier zu reduzieren mussten Zeitungen ihre Inhalte auf vier bis zwei Seiten reduzieren. Bedrohlich und mit Folgen wirkte sich aber die Reduktion der Kohleimporte aus, welche immer mehr eine finanziellen Belastung darstellten. Betrugen die Importe dieses Kraftstoffes in der unmittelbaren rund eine Million Tonnen pro Monat, sanken diese auf 720.000 Tonnen in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 und blieben auf nur noch 420.000 Tonnen im gesamten Jahr 1917. Das Ministerium für Industrie und Transport traf mit Großbritannien eine Übereinstimmung, welche einem maximalen Preis von 29 bis 30 Schilling pro Tonne Kohle festlegte, während die Frachtraten auf 59 Schilling und 6 Pence pro Tonne festgelegt wurden. Dieser Höchstpreis von Frachtraten war auf den Mangel an Schiffen und die hohen Sicherheitskosten zum Schutz der Schiffe vor feindlichen Angriffen zurückzuführen. Als im Februar 1917 die Mittelmächte den uneingeschränkten U-Boot-Krieg entfesselten kamen zu den Frachtkosten noch Versicherungsprämien zur Deckung der dadurch entstehenden Risiken. Viele Schiffe konnten diese hohen Kosten nicht tragen und blieben in ihren Häfen. Die Schwierigkeiten den Mangel an Kohle zu beheben beziehungsweise auszugleichen stellten die Bevölkerung und Industrie vor große Herausforderungen. Die italienische Regierung suchte nach Alternativen. Es kam schließlich zur Abholzung von ganzen Bergen, die Gaszufuhr in die Städte wurde reduziert und viele Züge wurden gestrichen, da etwa 25.000 Schienenfahrzeuge benötigt wurden um Kohle aus Frankreich nach Italien zu transportieren.

Propagandaplakat des Technologieunternehmens Ansaldo (1918)

Zwischen 1916 und 1917 führten diese Umstände zu vielen Unruhen gegen den Krieg. In Turin führten Proteste vom 21. bis 25. August 1917 gegen den Mangel an Brot zu 37 Toten. In der Umgebung und in anderen Provinzen führten die Ereignisse zu Hunderten von anderen Demonstrationen, unter aktiver Beteiligung der Frauen. Zwischen Januar und März 1916 demonstrierten Frauen gegen den Krieg in Florenz. Die Generaldirektion für öffentliche Sicherheit schätzte, dass es in den viereinhalb Monaten vom 1. Dezember 1916 bis 15. April 1917 zu etwa 500 Demonstrationen kam, die von Zehntausenden von Frauen besucht wurden. Die Proteste wurden meistens vom Frauen vom Land in den Städten organisiert. Die bäuerlichen Gesellschaftsschichten umfassten Landwirte, Pächter und eine große Anzahl von Mitarbeitern und machten insgesamt rund zehn Millionen Menschen aus, deren wirtschaftliche Bedingungen und rechtlicher Status sehr unterschiedlich waren. Die Veränderungen aufgrund des Konflikts führten zwar zu einem Arbeitskräftemangel aber zu steigenden Realeinkommen, so dass sich die wirtschaftliche Kluft zwischen Grundbesitzern und Bauern verkleinerte. Aber die große Sorge der italienischen Bauern war die Abwesenheit der Millionen von Männern, welche jetzt meistens in der Armee dienten. Die Regierung zwang stattdessen die übrigen Mitglieder der Familien zu arbeiten, um den Fachkräftemangel auszugleichen. Dieser betraf auch zunehmend die Industrie, welche in ihren Fabriken mehrere Millionen Menschen beschäftigte. Aus diesem Grund griff man auf mehrheitlich junge Menschen ab 15 Jahren, welche noch nicht im wehrfähigen Alter waren, und Frauen zurück. Die Arbeit in den Fabriken musste unter schweren Disziplinarmaßnahmen und teilweise sogar unter militärischem Drill geleistet werden, während in den anderen Ländern die Fabrikdisziplin der Vorkriegszeit ohne Militarisierung beibehalten wurde. Obwohl auch hier die Löhne stiegen, kam es mit der zunehmende Inflation zur Entwertung des Geldes. Die Regierung druckte Papiergeld um den Kosten des Krieges Herr zu werden. Die Kriegsjahre bedeuteten dennoch trotz Arbeitskräftemangel für die italienische Industrie Wohlstand und eine erhöhte Produktion.[58]

Vom Krieg profitierte am meisten die Rüstungsindustrie. Im Jahr 1914 produzierten die italienischen Stahlwerke nur 900.000 Tonnen pro Jahr im Vergleich zu den 17,6 Millionen Tonnen im Deutschen Reich oder den 7,8 Millionen in Großbritannien. Dieser Mangel ermöglichte es zunächst nicht die hohe Anforderungen an Waffen und Munition durch die Armee zu bewältigen. Nur durch verstärkte Importe von Rohstoffen und Ressourcen gelang es den Mangel auszugleichen und technisch auf das Niveau der anderen Großmächte zu kommen. Die Leistung der italienischen Industrie erwiesen sich als umfangreich. Der Schiff- und Flugzeugbau florierte und Italien war bald in der Lage jährlich mehr als 16.000 Pistolen, 37.000 Maschinengewehre, 3,2 Millionen Gewehre und 70 Millionen Artilleriegranaten zu produzieren. Beim Konzern Ansaldo gingen die Kapitalerhöhungen von umgerechnet 30 Millionen britischen Pfund im Jahr 1916 auf 500 Millionen im Jahr 1918, während die Anzahl der Arbeiter von 6.000 (1916) auf 56.000 (1919) stieg. Ebenso gelang dem Stahlkonzern Ilva eine Steigerung der Produktion auf rund 2,1 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr. Der Autohersteller Fiat monopolisierte seine Stellung beim Bau von Militärfahrzeugen, baute aber auch Flugzeuge, Maschinengewehre und Schiffsmotoren und wuchs von 4.000 auf 40.500 Mitarbeiter. Letzterer Betrieb hatte aber nicht nur militärische Aufträge, so dass es ihm auch gelang, sein industrielles Wachstum in der Nachkriegszeit fortzusetzen, während Ansaldo und Ilva ohne militärische Aufträge schnell zusammenbrachen. Der Krieg repräsentierte eine große Chance für die gute Entwicklung der italienischen Industrie.

Arbeitende Frauen in einem Postamt in der Lombardei während des Krieges

Der Ersten Weltkrieg führte in Italien zu einer langsamen und ungewöhnlichen Art der Emanzipation der Frauen. Bereits vor dem Krieg äußerten sich einige prominente Frauen zum Kriegseintritt: die Anarchistin Maria Rygier hielt patriotische Reden, die Republikanerin Margherita Sarfatti unterstütze Mussolini und die Sozialistin Anna Kuliscioff den neutralen Kurs ihres Lebensgefährten Filippo Turati. Viele Adelige dienten als Rote-Kreuz-Schwestern und engagierten sich bei der Pflege der Soldaten und Armen. Der Beitrag der Frauen zu den Kriegsanstrengungen wuchs während des Krieges kontinuierlich: zwischen 180.000 und 200.000 Frauen waren 1917 in der Kriegsindustrie beschäftigt, während Hunderttausende noch in anderen Branchen tätig waren, unter anderem als Buchhalterinnen, Stenotypistinnen und Archivarinnen. Der Eintritt der Frauen in das Berufsleben hatte zunächst einige Bedenken erregt. Der sich verstärkende Mangel an Männern führte aber zu einem Umdenken. Die Löhne der Frauen waren aber im Vergleich zu denen der Männer sehr niedrig.

Der Krieg weckte das Interesse der Regierung an den Medien, welche als Waffe für Propaganda instrumentalisiert werden sollten. Die massive und erfolgreiche Medienkampagne zwischen 194 und 1915 zu Gunsten des Eintritts in den Krieg hatte den italienischen Regierungen imponiert. Während des Krieges verstärkten zur Mobilisierung der Bevölkerung der interventionistische Flügel der Wirtschaft, Geschäfts- und Finanzwelt, die Schwerindustrie und die großen Banken ihre Investitionen in die Presse. Die Interventionen der Regierung in die Propaganda blieben zunächst sporadisch. Erst mit der Boselli-Regierung wurden zwei Minister ohne Portfolio mit der Umsetzung einer Propagandakampagne beauftragt: der liberale Senator Vittorio Scialoja sollte im Ausland für Italiens territoriale Ziele und für wirtschaftliche Unterstützung des Landes werben. Der interventionistische Republikaner Ubaldo Comandini bekam im Juli 1917 die Verantwortung für die interne Propaganda übertragen und wirkte im Februar 1918 bei der Gründung der Generalkommission für öffentlichen Dienst und die Interne Propaganda mit.

Um die staatliche Mängel im Propagandabereich zu kompensieren unterstützen zahlreiche private Vereinigungen den Staat. Im Sommer 1917 wurden die Vereinigten Gesellschaften gegründet. Sie umfassten zahlreiche Vereinigungen mit 80 Provinzsekretären und 4500 Kommissaren und sollten patriotische Propaganda unter die Zivilbevölkerung bringen.

Ein nützliches Element für die Regierung um die öffentliche Meinung zu steuern war die Zensur der Zeitungen. Die Kriegsberichterstatter waren gezwungen teilweise verfälschte Artikel zu schreiben und veröffentlichen. Dieses stehst optimistische Bild des Krieges sollte innere Unruhen und Panik unter der Bevölkerung verhindern.

Kriegsende und italienische Gebietsgewinne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Großen Vier: Vittorio Emanuele Orlando (2. von links) bei den Verhandlungen in Versailles mit David Lloyd George, Georges Clemenceau und Woodrow Wilson (von links)
Italien im Vertrag von London versprochene Gebiete (hellgrün) und Serbien von der Entente versprochene Gebiete (braun und orange)
Italienische Einflusszone in der Türkei (grün)
Nationalistische Versammlung in Rijeka um den Anschluss an Italien zu fordern (1920)

Während des Krieges stieg die Königlich Italienische Armee von einer Größe von 500.000 Männern im Jahr 1914 auf 5 Millionen Menschen im Jahr 1918. Bis zum Ende des Krieges Italien hatte 700.000 Soldaten verloren und hatte ein Haushaltsdefizit von zwölf Milliarden Lira. Das staatliche Defizit war so groß, das nur 30 % der Einnahmen durch Ausgaben bestritten werden konnten. Die Lira sank bis 1921 auf einen Fünftel ihres Wertes von 1913. Die Regierung reagierte mit massiven Steuererhöhungen. Die Eisen- und Stahlindustrie hatten mit Überproduktion zu kämpfen.[59]

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Villa Giusti bei Padua vom 3./4. November 1918 erhielt Italien vom zerfallenen Österreich-Ungarn freie Hand. Der italienische Delegationsleiter General Pietro Badoglio erzwang von den Vertretern Österreichs und Ungarns die Räumung Tirols bis an den Brenner, die Auslieferung der kompletten Kriegsflotte und den italienischen Truppen Bewegungsfreiheit im besiegten Land zu geben. Es ergaben sich 350.000 österreichisch-ungarische Soldaten und italienische Truppen stießen bis Innsbruck vor und besetzen Wien, von wo sie erst 1924 abzogen.

Kurz nach dem Waffenstillstand marschierten italienische Soldaten in Südtirol, im Trentino und Richtung Istrien nach Görz (7. November), Triest (3. November), Koper (4 November), Poreč (5. November), Rovinj (5. November), Pula (5. November) und Zadar und Šibenik (4. November), welches zur Hauptstadt der neuen italienischen Militärverwaltung in Dalmatien wurde, ein und besetzten die Vororte von Ljubljana, wurden aber in der Stadt von serbischen Truppen gestoppt. Am 5. November landeten italienische Truppen auf der dalmatinischen Insel Lissa.

Als der Krieg im November 1918 mit dem Waffenstillstand von Compiègne zu Ende ging, verhandelte der italienische Ministerpräsident Vittorio Emanuele Orlando mit dem britischen Premierminister David Lloyd George, dem Premierminister von Frankreich Georges Clemenceau und dem Präsidenten der Vereinigte Staaten Woodrow Wilson auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 über die neuen Grenzen Europas und Italiens. Italien gehörte dabei als eine der Hauptsiegermächte dem Rat der Vier, welcher maßgeblichen Anteil an der Gestaltung der neuen Friedensordnung in Europa hatte, an. An der Friedenskonferenz bestanden die Vertreter von Italien Orlando und sein Außenminister Sidney Sonnino auf die volle Einhaltung des Vertrages von London und darüber hinaus die Annexion der Stadt Rijeka, wo 62 % der Bevölkerung Italiener waren.[59]

Die italienische Regierung zeigte sich erbost über das 14-Punkte-Programm von Wilson, welches das volle Selbstbestimmungsrecht der Völker forderte, aber den Gegensatz zum Londoner Vertrag bildete. In der italienischen Abgeordnetenkammer verurteilten die Nationalisten die vierzehn Punkte, während die Sozialisten diese verteidigten und den Vertrag von London als ein Angriff auf die Rechte der Slawen, Griechen und Albanern sahen.

US-Präsident Wilson, der das Londoner Abkommen nicht unterzeichnet hatte, räumte Italien zwar im Punkt 9 die Berichtigung seiner Grenzen nach den genau erkennbaren Abgrenzungen der Volksangehörigkeit ein, forderte aber für Serbien im Punkt 11 einen sicheren und freien Zugang zum Meer.[59] Hierbei ging es vor allem um Dalmatien und die Hafenstadt Rijeka. Italien lehnte den Vorschlag zur Schaffung eines Staates Rijeka mit Freihafen ab.

Im Januar 1919 verließ Orlando Paris und kehrte erst am 7. Mai zurück. Dieser Protest hatte nicht den gewünschten Effekt. Er schwächte Italiens Position unter den vier Hauptsiegermächten und isolierte das Land. Am 21. Juni trat Orlando zurück. Zu seinem Nachfolger wurde am 23. Juni Francesco Saverio Nitti vom Partito Radicale Italiano ernannt. Neuer Außenminister wurde Tommaso Tittoni. Am 10. September 1919 unterzeichnete Nitti den Vertrag von Saint-Germain,[59] welcher die neue italienisch-österreichische Grenze definierte, aber nicht die im Osten. Die Alliierten forderten stattdessen von Italien und dem neugegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ihre Grenze gemeinsam und alleine zu definieren. Unmittelbar darauf besetzten am 12. September einige nationalistische Freischärler und frühere italienischen Soldaten, geführt von Gabriele D’Annunzio, militärisch die Stadt Rijeka, um ihre Angliederung an Italien zu fordern. Seine Popularität unter den Nationalisten brachte ihm den Titel „Il Duce“ (der Führer) ein und er benutzte schwarz gekleidete paramilitärische Verbände. Die Führung des Titels Duce und die schwarzen Uniformen wurden später zum Synonym für die faschistische Bewegung von Benito Mussolini. Die von D’Annunzio ausgerufene Italienische Regentschaft am Quarnero blieb ohne internationale Anerkennung. Die jugoslawisch-italienischen Verhandlungen über diese und Istrien und Dalmatien begannen im Mai 1920.[60] Um die seit dem Ersten Weltkrieg angespannten Beziehungen zu normalisieren ordnete der neue Außenminister Carlo Sforza, welcher mit Jugoslawien eine Aussöhnung erreichen wollte, die Evakuierung der italienischen Besatzungstruppen in Albanien an, wo es in Vlora zu einem Aufstand gekommen war. Im Juli 1920 stimmte Sforza der Schaffung eines unabhängigen Staates von Rijeka zu, forderte dafür aber Istrien und Dalmatien. Letzteres war ein zentraler Bestandteil der italienischen Außenpolitik in den ersten Nachkriegsjahren. Auf der anderen Seite hatte die Führung der Königlich Italienischen Armee nur wenig Sympathie für eine Annexion Dalmatiens, welches im Krieg schwer zu verteidigen wäre und isoliert vom italienischen Mutterland lag. Dieser innere Widerstand und der der Vereinigten Staaten machten eine Annexion Dalmatiens faktisch unmöglich. Im Grenzvertrag von Rapallo im Dezember 1920 einigen sich Italien und der SHS-Staat auf einen Kompromiss: Italien erhielt ganz Istrien, einige dalmatische vorgelagerte Inseln und die Stadt Zadar, während Jugoslawien das 1915 eigentlich Italien zugesprochene Norddalmatien erhielt. Rijeka wurde zum Freistaat Fiume.

Auf koloniale Kompensationen, welche man Italien gemacht hatte, musste das Land nach zunächst erfolgreichen Bemühungen verzichten.[60] Während der Ausarbeitung des Vertrags von Versailles forderte die italienische Diplomatie die Annexion der bisher deutschen Kolonie Kamerun, Togos, des französischen Tschad, Portugiesisch-Angolas, Belgisch-Kongos, Georgiens und von Teilen des Osmanischen Reiches. Die anderen Siegermächte weigerten sich auf Italiens Ansprüche einzugehen. Kamerun wurde Frankreich zugeschlagen. Vom Tschad erhielt Italien später lediglich den Aouzou-Streifen. In Angola beschränkte sich Italien letztendlich auf die Forderung nach landwirtschaftlichen Zugeständnisse an die italienischen Emigranten von Seiten Portugals. Die Einrichtung von der von den 11 wichtigsten italienischen Banken getragenen „Kolonialgesellschaft für Westafrika“ sollte diesen Forderungen Nachdruck verleihen. Allerdings stieß dieses Projekt auf eine starke Opposition von Seiten Großbritanniens, Frankreichs und Portugals.

Für Georgien stellte im Jahr 1919 König Viktor Emanuel III. mit der Unterstützung von Lloyd George ein italienisches Kontingent von 85.000 Mann unter General Giuseppe Pennella auf, welches die Unabhängigkeit des Landes unter italienischem Protektorat und die italienischen Interessen im Russischen Bürgerkrieg sichern sollte. Der genaue Termin zum Einmarsch wurde aber nicht festgelegt und die Regierung Nitti beschloss, um die neuen Beziehungen zwischen Italien und der sich im Entstehen befindenden Sowjetunion nicht zu gefährden, das Unternehmen abzublasen. Erst Mussolini griff mit dem Deutsch-Sowjetischen Krieg im Jahr 1941 die Idee eines italienischen Protektorates über Georgien wieder auf.

Nach dem Waffenstillstand von Moudros vom 30. Oktober 1918 und der Besetzung von Istanbul entsendete im März 1919 die italienische Regierung ein Expeditionskorps nach Antalya und besetzte von dort aus die türkischen Landschaften des Mittelmeers und Ägäis. Diese Machtdemonstration führte zu heftigen Widerstand von Seiten der griechischen Regierung. Am 15. Mai landeten griechische Truppen in Izmir und besetzten die Umgebung der Stadt, um den italienischen Vormarsch Richtung Norden nach Istanbul aufzuhalten. Der Streit um die türkischen Gebiete konnte erst in einem Geheimabkommen, welches am 29. Juli Jahre 1919 von Tittoni und dem griechischen Premierminister Eleftherios Venizelos unterzeichnet wurde, beigelegt werden. Italien sollte sich aus Antalya und Griechenland sich aus Südalbanien, welches Italien zuerkannt wurde, zurück ziehen. Diese Vereinbarung wurde jedoch durch den nächsten italienischen Außenminister Carlo Sforza im Juni 1920 aufgekündigt. Mit dem mit dem Osmanischen Reich geschlossenen Vertrag von Sèvres (10. August 1920) wurden Antalya und seine Umgebung als italienische Einflusszone anerkannt. Im Griechisch-Türkischen Krieg (1919–1922) wurden die türkischen Revolutionäre unter Mustafa Kemal Atatürk militärisch von Italien unterstützt, welches von Antalya aus die Truppen bewaffnete und trainierte. Italien zog sich im April bis Herbst 1922 nach dem Sieg der Türken aus seiner Einflusszone zurück. Mit dem Vertrag von Lausanne 1923 wurde die italienische Besetzung annulliert, dafür der italienische Besitz des Dodekanes und Libyens völkerrechtlich anerkannt.[60]

Als Folge der Friedensverträge von 1918 bis 1923 annektierte Italien Gebiete, die nicht nur ethnisch gemischt waren, sondern teilweise ausschließlich slowenisch, deutsch, kroatisch oder griechisch besiedelt waren. Im ehemaligen österreichischen Küstenland waren rund ein Drittel der Bevölkerung Slowenen, was einem Viertel der damaligen slowenischen Gesamtbevölkerung entsprach. Die slawische und deutsche Bevölkerung waren später während des italienischen Faschismus einer rücksichtslosen Italianisierungspolitik unterworfen. Nach dem Vertrag von Rapallo lebten über eine halbe Million Slawen innerhalb Italiens, während nur ein paar Tausend Italiener im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen lebten.[60]

Territoriale Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Einigung bis zum Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen des Königreiches Italien 1870–1890

Im Irredentismus wurden von Nationalisten weitere Gebiete gefordert, um die Vereinigung aller Italiener innerhalb Italiens abzuschließen. So wurde der Anschluss von Trentino, Istrien, Korsika, Nizza, Savoyen, Monaco, des Kantons Tessin, Dalmatien, Malta und San Marino gefordert, was zu Konflikten mit den Nachbarstaaten, vor allem mit Frankreich und Österreich, führte. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte sich Italien aus dem Territorium der zusammengebrochenen Habsburgermonarchie das Trentino, Südtirol und Istrien sichern.

Andere Richtungen der italienischen Kolonialpolitik waren das Mittelmeer und Ostafrika mit dem Ziel, ein neues Römisches Reich zu bilden. Ab 1881 begann Italien mit dem Erwerb eigener Kolonien. So sollte der Bedarf an Rohstoffen für die Industrialisierung gedeckt und die starke italienische Auswanderung in eigene Kolonien umgelenkt werden. Wegen der Eroberung von Eritrea kam es zum ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg mit dem Kaiserreich Abessinien, der mit der Niederlage von Dogali endete. Italien konzentrierte sich danach auf die Eroberung von Somaliland, die Ausdehnung der italienischen Kolonien in Ostafrika scheiterte jedoch im zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg nach der Niederlage von Adua. Anschließend wandte sich Italien dem östlichen Mittelmeer zu und eroberte im Italienisch-Türkischen Krieg Tripolitanien, Kyrenaika und den Dodekanes vom Osmanischen Reich.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn erklärte Italien beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 seine Neutralität. In der Folge wurden die Forderungen nach einem Kriegseintritt immer lauter, um den Irredentismus zu verwirklichen und die italienischen Gebiete von Österreich-Ungarn zu erobern. Ihre Herausgabe wurde gegenüber Österreich-Ungarn eingefordert, um eine Kriegserklärung zu vermeiden. Österreich-Ungarn war jedoch lediglich dazu bereit, Süd-Trentino abzutreten, wogegen die Triple Entente Südtirol, Dalmatien und weitere Kolonien versprach. Schließlich kündigte Italien am 4. Mai 1915 den Dreibund und erklärte am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn und am 28. August 1916 dem Deutschen Kaiserreich den Krieg. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Italien vor allem an der Italienfront und war an der Besetzung Albaniens beteiligt.

Das Königreich Italien 1919

1919 wurden im Vertrag von Saint-Germain Italien das Trentino, Südtirol, das Kanaltal, das gesamte ehemalige österreichische Küstenland und ein Teil der Krain, die Stadt Zara und einige norddalmatinische Inseln zugesprochen, was jedoch nicht den gesamten italienischen Forderungen entsprach, zu denen der Ostadriaraum und die Erweiterung der Kolonien gehörte. In der Adriastadt Fiume, die als Freistaat Fiume zwischen Italien und dem neugegründeten Königreich Jugoslawien lag, kam es 1922 zur Machtübernahme durch die italienische Bevölkerungsmehrheit. Im Vertrag von Rom wurde 1924 der Anschluss an Italien vollzogen.

Am 11. Februar 1929 wurden die Lateranverträge zwischen der Vatikanstadt und dem Königreich Italien unterzeichnet, in denen die Unabhängigkeit eines Kirchenstaates innerhalb von Rom anerkannt und die Beziehungen zwischen dem Papst und Italien geregelt wurden. Somit wurde der seit 1870 andauernde Konflikt zwischen Papst und König gelöst.

Gebietsansprüche Italiens vor dem Zweiten Weltkrieg (Irredentismus)

In den nächsten Jahren richtete Benito Mussolini – der Faschistenführer war 1922 durch den Marsch auf Rom an die Macht gelangt – Italiens Außenpolitik als internationalen Friedensgaranten im Mittelmeerraum aus. Dies hatte kurzzeitig verbesserte Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich zur Folge. Im Laufe der Jahre radikalisierten sich die faschistische Kultur und Politik jedoch und der Drang nach einer imperialistischen Expansion Italiens wurde größer. Der Dritte Italienisch-Äthiopische Krieg war das erste Anzeichen der aggressiven Außenpolitik Mussolinis und führte zur vollständigen Eroberung Abessiniens und Angliederung an die Kolonie Italienisch-Ostafrika. Während sich Italien dadurch international immer mehr isolierte, kam es zu einer Annäherung an das Deutsche Reich unter Adolf Hitler. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften Nationalsozialisten und Faschisten erstmals gemeinsam und zugunsten der ebenfalls faschistischen Aufständischen unter General Francisco Franco. Infolgedessen kam es am 25. Oktober 1936 zum Bündnis der sogenannten „Achse Rom–Berlin“. Am 11. Dezember 1937 trat Italien aus dem Völkerbund aus und dem Antikominternpakt zwischen Deutschland und Japan bei. Am 7. April 1939 wurde schließlich Albanien annektiert und der „Stahlpakt“ zur Kriegsvorbereitung mit dem Deutschen Reich geschlossen.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolonien Italiens 1940

Durch den erfolgreichen Feldzug der Wehrmacht gegen Frankreich sah sich dessen Verbündeter Italien im Zugzwang, trat am 10. Juni 1940 auf der Seite des Deutschen Reiches in den Zweiten Weltkrieg ein und erklärte Großbritannien sowie Frankreich den Krieg. Mussolini wollte den Krieg nutzen, um das Imperium Romanum rund um das Mittelmeer neuzugründen und dazu Nizza, Korsika, Malta, Dalmatien mitsamt Albanien, Kreta sowie weitere griechische Inseln erobern. Zu den bestehenden Kolonien sollten Tunesien, Ägypten (mitsamt der Sinai-Halbinsel), der Sudan und Teile Kenias hinzukommen, um eine Landverbindung von Libyen nach Italienisch-Ostafrika herzustellen, das um Britisch- und Französisch-Somaliland sowie Teile von Französisch-Äquatorialafrika erweitert werden sollte. Mit der Türkei und arabischen Staaten sollten Vereinbarungen über Einflusszonen getroffen werden und Aden sowie Perim sollten unter italienische Kontrolle gelangen.

Nach der Pariser Friedenskonferenz von 1946 musste Italien seine Kolonien Libyen und Äthiopien in die Unabhängigkeit entlassen. Italienisch-Somaliland war bereits 1941 von den Briten besetzt worden und wurde von den Vereinten Nationen ab dem 1. Januar 1950 als Treuhandgebiet für zehn Jahre wieder unter italienische Verwaltung gestellt.

Auch das italienische Mutterland musste Gebietsabtretungen hinnehmen, so wurden die Gemeinden Briga und Tenda (frz. La Brigue und Tende) an Frankreich abgetreten und der Dodekanes mit Rhodos fiel an das Königreich Griechenland. Jugoslawien bekam den Großteil Julisch Venetiens mit Istrien, den Städten Fiume und Zara sowie die norddalmatinischen Inseln und Triest mit dem Umland wurden zunächst internationalisiert und in zwei Zonen aufgeteilt, womit das Freie Territorium Triest geschaffen wurde. 1954 einigten sich Italien, nunmehr Republik, und Jugoslawien auf die Teilung des Gebietes: die Stadt Triest blieb bei Italien und das südliche Umland bekam Jugoslawien.

Innere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italienische Münzen ab 1861 z.Zt. Victor Emanuel II., 2, 20, 50 Centesimi, 1 und 20 Lira

Die Anfangsjahre des Königreiches waren von wirtschaftlichen und sozialen Problemen, insbesondere dem Nord-Süd-Gegensatz und dem Brigantenwesen im Süden geprägt. Die Ursachen waren die fehlende Verbesserung der Verhältnisse im Süden (dem ehemaligen Königreich beider Sizilien), wo es keine Reformierung der Landesverwaltung und des Steuersystems gab. Über 75 Prozent der Italiener waren zum Zeitpunkt der nationalen Einigung Analphabeten und die Umgangssprache war von den vielen lokalen Dialekten geprägt. So beherrschten nur zwei Prozent die Schriftsprache.[61] Diese gesellschaftlichen Probleme waren ein Grund für die beginnende italienische Auswanderung. Andererseits gab es auch Fortschritte. Das Münzwesen wurde vereinheitlicht, wobei auf dem schon entwickelten Münzwesen des Königreich Sardiniens und des Großherzogtum Toskana (Goldwährung, dezimale Teilung der Lira in 100 Centesimi) aufgebaut werden konnte. Dieses Münzsystem ermöglichte Italien die Lateinische Münzunion im Jahr 1865 mitzubegründen. Der Kirchenstaat übernahm im Folgejahr dieses moderne Münzsystem.

Am 29. Juli 1900 wurde König Umberto I. in Monza von einem Anarchisten ermordet, woraufhin sein Sohn Viktor Emanuel III. zum König Italiens gekrönt wurde.

Benito Mussolini
Lage der Italienischen Sozialrepublik

Nach dem gewonnenen Ersten Weltkrieg (siehe Geschichte Italiens#Erster Weltkrieg) folgte eine innerpolitische Krise, die in Italien beinahe zum Bürgerkrieg führte, da der Sieg nach der Meinung der Nationalisten von italienischen Diplomaten und den alliierten Verhandlungspartnern „verstümmelt“ wurde. Die ersten beiden Jahre 1919 und 1920 waren von Aktivitäten der Linken geprägt, wie beispielsweise Demonstrationen, Streiks und Betriebsbesetzungen. Die Angst vor einer linken Machtübernahme konnte die faschistische Bewegung unter Mussolini ausnutzen, die 1921 und 1922 zum Gegenschlag gegen die Linken ausholten und mit Gewalt gegen Gewerkschaften vorgingen.

1921 gründete Mussolini die Nationale Faschistische Partei (Partito Nazionale Fascista, PNF). Am 1./2. Oktober 1922 machten einige hundert Faschisten den Marsch auf Bozen; im Oktober 1922 organisierte die PNF einen Sternenmarsch auf Rom mit etwa 26.000 faschistischen Anhängern. Er wurde als Marsch auf Rom (Marcia su Roma) bekannt. Dieser endete am 28. Oktober vor den Toren Roms und Mussolini reiste in einem Schlafwagen aus Mailand nach. Daraufhin ernannte König Viktor Emanuel III. Mussolini zum Ministerpräsidenten und die Faschisten zogen mit einem Siegesmarsch in Rom ein.

Bereits ein halbes Jahr später wurde durch das neue Wahlgesetz Legge Acerbo vom Juli 1923 der Einfluss von Oppositionsparteien erheblich eingeschränkt (siehe auch Politisches System Italiens). Anschließend begann Mussolini mit dem Aufbau der faschistischen Diktatur und 1926 wurden endgültig alle Oppositionsparteien verboten. Zu den Wahlen von 1928 durften nur noch Kandidaten antreten, die vom PNF zugelassen waren und mit der Gründung des „Faschistischen Großrates“ (Gran Consiglio del Fascismo) wurde ein Gremium geschaffen, welches Partei- und Staatsfunktionen vereinte. Damit war die Umwandlung Italiens zur faschistischen Diktatur abgeschlossen. Anschließend folgte eine rigorose Italianisierungspolitik, der vor allem ethnische Minderheiten wie Franko-Provenzalen, Slowenen, Kroaten, Ungarn und Südtiroler zum Opfer fielen.

Karte der Ergebnisse des Referendums über die Staatsform von 1946

Am 25. Juli 1943 setzte der Faschistische Großrat Mussolini mit einfacher Mehrheit aus Enttäuschung über die Niederlagen im Zweiten Weltkrieg ab und Mussolini wurde gefangen genommen. König Viktor Emanuel III. übernahm den Oberbefehl über die Streitkräfte und beauftragte Marschall Pietro Badoglio, eine Militärregierung zu bilden. Dieser löste die National-Faschistische Partei auf und unterzeichnete am 8. September 1943 den Waffenstillstand von Cassibile mit den Alliierten. Im von den Deutschen besetzten Norditalien, der Italienischen Sozialrepublik, dauerten die Kämpfe noch an und am 29. April 1945 kapitulierte die Heeresgruppe C der Wehrmacht bedingungslos (zum 2. Mai). Damit endete der Zweite Weltkrieg für das Königreich Italien.[62]

König Viktor Emanuel III. dankte, diskreditiert durch sein Tun und Lassen seit Oktober 1922 (z. B. Ernennung Mussolinis zum Ministerpräsidenten und Unterzeichnung der italienischen Rassengesetze) am 9. Mai 1946 zugunsten seines Sohnes Umberto II., ab. Am 2. und 3. Juni 1946 fand gleichzeitig mit der Wahl zur verfassunggebenden Versammlung eine Volksabstimmung über die künftige Staatsform statt; dabei stimmten 54,3 Prozent der Abstimmenden für die Republik. Daraufhin mussten die Mitglieder des Hauses Savoyen am 18. Juni Italien verlassen; die republikanische Verfassung trat am 1. Januar 1948 in Kraft. Umberto II. ging ins Exil nach Portugal, wo er sich bis zu seinem Tod am 18. März 1983 als legitimer König von Italien betrachtete. Eine Rückkehr nach Italien gestattete ihm die italienische Verfassung nicht.

Seitdem kämpfen vor allem kleinere konservative Parteien für die Wiedereinführung der Monarchie in Italien. Nach der Verfassungsänderung von 2007 konnte dessen Sohn Viktor Emanuel von Savoyen mit seiner Familie aus dem Exil zurückkehren; er kündigte eine Schadenersatzklage gegen die Republik wegen des angeblichen Unrechts im Exil an,[63] wovon sich die übrigen Mitglieder des Hauses Savoyen distanzierten.[64] Im Gegenzug kündigte die Italienische Republik ebenfalls eine Schadenersatzklage wegen der Verwicklung des Hauses in der Zeit des Faschismus an.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach einer Interpretation: Foedere Et Religione Tenemur lat. „Wir sind durch Vertrag und Religion gebunden“
  2. a b c d Gernert et al.(2016); S. 274.
  3. a b c Gernert et al.(2016); S. 310.
  4. Gernert et al.(2016); S. 316.
  5. Gernert et al.(2016); S. 322.
  6. Gernert et al.(2016); S. 324.
  7. Gernert et al.(2016); S. 325.
  8. Gernert et al.(2016); S. 328.
  9. Gernert et al.(2016); S. 329.
  10. Gernert et al.(2016); S. 332.
  11. Gernert et al.(2016); S. 334.
  12. Gernert et al.(2016); S. 330.
  13. a b c Gernert et al.(2016); S. 335.
  14. a b c Gernert et al.(2016); S. 336.
  15. a b c Gernert et al.(2016); S. 337.
  16. a b Gernert et al.(2016); S. 338.
  17. Gernert et al.(2016); S. 341.
  18. a b c Gernert et al.(2016); S. 345.
  19. a b c Gernert et al.(2016); S. 346.
  20. Gernert et al.(2016); S. 342.
  21. a b c d e f g h Gernert et al.(2016); S. 348.
  22. Gernert et al.(2016); S. 347.
  23. a b c Gernert et al.(2016); S. 349.
  24. a b Gernert et al.(2016); S. 351.
  25. Gernert et al.(2016); S. 352.
  26. Gernert et al.(2016); S. 353.
  27. Gernert et al.(2016); S. 350.
  28. a b c d e f g h i Gernert et al.(2016); S. 356.
  29. a b c d Gernert et al.(2016); S. 354.
  30. a b c d Gernert et al.(2016); S. 355.
  31. a b c d e f Gernert et al.(2016); S. 357.
  32. Gernert et al.(2016); S. 358.
  33. a b c d e f Gernert et al.(2016); S. 361.
  34. a b c d Gernert et al.(2016); S. 362.
  35. a b Gernert et al.(2016); S. 363.
  36. a b c d e Gernert et al.(2016); S. 365.
  37. a b c Gernert et al.(2016); S. 364.
  38. a b Gernert et al.(2016); S. 366.
  39. a b Gernert et al.(2016); S. 367.
  40. Gernert et al.(2016); S. 371.
  41. Gernert et al.(2016); S. 372.
  42. a b c Gernert et al.(2016); S. 368.
  43. a b c d e f Gernert et al.(2016); S. 369.
  44. a b c d e Gernert et al.(2016); S. 370.
  45. Gernert et al.(2016); S. 373.
  46. a b c d e Gernert et al.(2016); S. 381.
  47. a b c Gernert et al.(2016); S. 375.
  48. a b c d e f Gernert et al.(2016); S. 376.
  49. a b c d Gernert et al.(2016); S. 377.
  50. a b Gernert et al.(2016); S. 378.
  51. a b c d Gernert et al.(2016); S. 379.
  52. a b c d Gernert et al.(2016); S. 380.
  53. a b c d e f Gernert et al.(2016); S. 382.
  54. a b c d Gernert et al.(2016); S. 384.
  55. a b Gernert et al.(2016); S. 385.
  56. Gernert et al.(2016); S. 387.
  57. Gernert et al.(2016); S. 388.
  58. a b c d Gernert et al.(2016); S. 383.
  59. a b c d Gernert et al.(2016); S. 396.
  60. a b c d Gernert et al.(2016); S. 398.
  61. Maria Lieber: Varietätenlinguistik des Italienischen, S. 7 (TU Dresden, WS 2009/2010).
  62. Am 2. Mai 1945 wurde bekannt, dass in Caserta bereits am 29. April die Heeresgruppe C, deren Kommandeur zugleich der Oberbefehlshaber Südwest war, vor den Alliierten unter dem britischen Feldmarschall Harold Alexander, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum, kapituliert hatte. Die Kapitulation wurde im Auftrag des Generaloberst Heinrich von Vietinghoff und des Höchsten SS- und Polizeiführers in Italien, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Karl Wolff von zwei Beauftragten (Oberstleutnant Hans Lothar von Schweinitz und SS-Sturmbannführer Eugen Wenner) unterzeichnet. Quelle: bundesarchiv.de
  63. Stellungnahme von Emanuel Philibert von Savoyen, 21. November 2007 (italienisch; PDF; 104 kB).
  64. Offener Brief von Maria Gabriella von Savoyen und Maria Beatrice von Savoyen, 24. November 2007 (italienisch).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Altgeld: Kleine italienische Geschichte. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-010558-7.
  • Anne Bruch: Italien auf dem Weg zum Nationalstaat. Giuseppe Ferraris Vorstellungen einer föderal-demokratischen Ordnung. (Beiträge zur deutschen und italienischen Geschichte, Band 33). Krämer, Hamburg 2005, ISBN 3-89622-077-2.
  • Martin Clark: Modern Italy, 1871 to the Present. 3. Auflage, Longman, Harlow 2008, ISBN 1-4058-2352-6.
  • Rudolf Lill: Geschichte Italiens in der Neuzeit. 4. Auflage, WBG, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-80014-1.
  • Christopher Seton-Watson: Italy from Liberalism to Fascism. 1870 to 1925. Methuen, London 1981, ISBN 0-416-18940-7 (Nachdr. d. Ausg. Methuen, London 1967).
  • Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens. Reclams Ländergeschichten. 3. Auflage, Reclam, 2016, ISBN 978-3-1596-1073-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Königreich Italien (1861–1946) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien