Operation Bagration

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Operation Bagration
Teil von: Zweiter Weltkrieg

Öffentliche Zurschaustellung von 57.000 gefangenen deutschen Soldaten (Moskau, 17. Juli 1944)
Datum 22. Juni 1944–29. August 1944
Ort Weißrussische SSR, Sowjetunion
Ausgang Sieg der Sowjetunion
Konfliktparteien
Polen (Armia Krajowa) (ab dem 1. Juli 1944)
Befehlshaber
Georgi Schukow
(1. und 2. Weißrussische Front),
Alexander Wassilewski
(3. Weißrussische Front und 1. Baltische Front),
Hovhannes Baghramjan
(1. Baltische Front),
Iwan Tschernjachowski
(3. Weißrussische Front),
Georgi Sacharow
(2. Weißrussische Front),
Konstantin Rokossowski
(1. Weißrussische Front)
Ernst Busch
(Heeresgruppe Mitte bis 28. Juni),
Walter Model
(Heeresgruppe Mitte nach 28. Juni),
Georg-Hans Reinhardt
(3. Panzerarmee),
Kurt von Tippelskirch
(4. Armee),
Hans Jordan
(9. Armee),
Walter Weiss
(2. Armee)
Tadeusz Komorowski (Chef der AK)
Aleksander Krzyżanowski (Kommandant AK Vilnius)
Truppenstärke
insgesamt 2.331.700 Soldaten am 22. Juni[1] insgesamt ca. 850.000 Soldaten am 22. Juni[2] 200.000 [3] bis 600.000 [4] Angehörige
Verluste
ca. 765.000 Soldaten (davon 178.000 Tote und Vermisste) [1] ca. 670.000 gefangene, verwundete, getötete oder vermisste Soldaten
(inklusive der nach dem 22. Juni hinzugekommenen Verstärkungen) (davon 255.000 Tote) [5]
unbekannt

Operation Bagration war der Deckname einer großen Sommeroffensive der Roten Armee vom 22. Juni bis zum 29. August 1944, die die Eroberung der weißrussischen Hauptstadt Minsk zum Ziel hatte. Abgesehen von der Schlacht an der Somme 1916 verursachte keine andere Schlacht ähnlich hohe Verluste auf deutscher Seite. Sie führte zur Vernichtung der Heeresgruppe Mitte und war aus dieser Sicht die bedeutendste Niederlage der deutschen Militärgeschichte. Für den Untergang der nationalsozialistischen Herrschaft und die Nachkriegsordnung Deutschlands war die Operation von entscheidender Bedeutung.

Im Verlauf dieser Großoffensive wurden durch Truppen der Roten Armee elf Einzeloperationen durchgeführt, die in der sowjetischen Militärgeschichtsschreibung wie folgt benannt werden: Witebsk-Orscha-Operation, Mogilewer Operation, Babrujsker Operation, Polazker Operation, Minsker Operation, Vilniuser Operation, Siauliaier Operation, Bialystoker Operation, Lublin-Brester Operation, Kaunasser Operation, Ossowezker Operation. [1]

In Folge der deutschen Niederlage begann die polnische Untergrundbewegung Armia Krajowa einen Aufstand mit dem Ziel, Polen eigenständig von der deutschen Besatzung zu befreien. Die dramatische Lage der deutschen Wehrmacht löste den Putschversuch vom 20. Juli 1944 aus.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Vorgeschichte

[Bearbeiten] Die Lage der Heeresgruppe Mitte im Frühsommer 1944

Die an der Ostfront eingesetzten Truppen der deutschen Wehrmacht mussten im Verlauf des zweiten Halbjahres 1943 bis zum Frühling 1944 wiederholt Niederlagen und einen anhaltenden Rückzug hinnehmen. Für die kommandierenden Offiziere der deutschen Heeresgruppe Mitte wurde immer deutlicher, dass auch das Gebiet der Weißrussischen SSR, das dieser Verband verteidigte, auf Dauer nicht zu halten war. Diese Erkenntnis wurde auch an das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und das Oberkommando des Heeres (OKH) durch den Heeresgruppenkommandeur Generalfeldmarschall Ernst Busch weitergegeben.

Die Wehrmachtführung insgesamt hatte aber seit der Niederlage von Stalingrad keine Strategie mehr, die auf einen Sieg im Krieg gegen die Sowjetunion abzielte; das Ziel sämtlicher Bemühungen bestand letztlich nur noch darin, die sich abzeichnende Niederlage und damit das Ende des NS-Regimes hinauszuzögern und den Krieg in einem Remisfrieden zu beenden. Nachdem Alfred Jodl als Chef des Wehrmachtführungsstabes bereits im Januar 1944 eine radikale Frontbegradigung vorgeschlagen hatte, versuchte auch Busch am 20. Mai 1944, die Genehmigung zur Verkürzung des weißrussischen Frontvorsprungs zu erreichen, deren Durchführung in mehreren Schritten geplant war. Dadurch sollte eine stärkere Besetzung der kürzeren Hauptkampflinie (HKL) ermöglicht und bessere Abwehrmöglichkeiten feindlicher Offensiven geschaffen werden.

Seine Pläne stießen jedoch auf den Widerstand Adolf Hitlers, der persönlich die Leitung des OKW übernahm und nicht bereit war, Rückzüge in größerem Umfang zuzulassen. Hitler weigerte sich, die Übermacht der Roten Armee zur Kenntnis zu nehmen und warf Busch vor, „dass dieser nun auch zu den Generälen gehöre, die nach hinten blicken“. Busch gab auf diese Bemerkung hin klein bei und setzte die Frontbegradigung trotz Widerstandes der ihm unterstehenden Armeekommandeure nicht um.

Das OKH selbst rechnete mit einer Offensive durch die Rote Armee im Sommer 1944. Man erwartete die Hauptstoßrichtung dieses Angriffs jedoch im Bereich der Heeresgruppe Nordukraine in Richtung der polnischen Hauptstadt Warschau bis zur Weichselmündung. Man befürchtete, dass durch diesen Angriff die Heeresgruppen Nord und Mitte von der Nachschubzufuhr abgeschnitten worden wären, was einen Zusammenbruch der gesamten deutschen Ostfront zur Folge gehabt hätte.[6] Insbesondere Generalfeldmarschall Model verteidigte als Befehlshaber der Heeresgruppe Nordukraine diese These sehr energisch.[7][8] Kurze Zeit nachdem Hitler seinen Willen durchgesetzt hatte, meldete sich der Befehlshaber der 4. deutschen Armee Generaloberst Gotthard Heinrici krank. Heinricis Ansichten über die zukünftige Kriegführung standen dem vom OKH realisiertem Vorgehen diametral entgegen. Am 4. Juni übernahm vertretungsweise General Kurt von Tippelskirch das Kommando.

Als Konsequenz aus dieser ambivalenten Befehlslage begannen die deutschen Truppen der Heeresgruppe Mitte, das Gebiet weiter zu befestigen. Die Städte Wizebsk, Orscha, Mahiljou und Babruijsk wurden von Hitler persönlich in einem Befehl vom 8. März 1944 als „feste Plätze“ definiert. Die Kommandanten dieser festen Plätze waren auf Hitler mit der besonderen Verpflichtung vereidigt, den Ort nicht ohne Genehmigung aufzugeben und die Stellung erbittert zu halten. In der Realität wurden damit die an diesen Orten eingesetzten Einheiten ihrer Vernichtung durch die Rote Armee preisgegeben.

Zur Verteidigung der festen Plätze mit Ausnahme von Wizebsk wurden jeweils eine Frontdivision eingeteilt und sämtliche Ressourcen für den Bau von Defensivstellungen zur Verfügung gestellt. Der feste Platz Wizebsk erhielt als besonders exponierter Ort drei Divisionen, obwohl der Befehlshaber der 3. deutschen Panzerarmee Generaloberst Reinhardt mehrfach dagegen protestierte.[9] Für den Bau der Verteidigungsanlagen wurden beispielsweise im Bereich der 3. deutschen Panzerarmee zwischen 15.000 und 25.000 Einwohner zwangsrekrutiert. Da die Bevölkerung entweder aufgrund von Hunger nicht arbeitsfähig oder nicht gewillt war, mit den Besatzern zusammenzuarbeiten, gingen die Arbeiten schleppend voran. Die Befestigungsarbeiten wurden bis zum Beginn der sowjetischen Offensive fortgesetzt.

Zeitgleich wurden viele als arbeitsfähig eingestufte Bewohner des durch die Heeresgruppe Mitte besetzten Gebiets systematisch seit Beginn des Jahres 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert.[10]

Einwohner, die man als arbeitsuntauglich einstufte, waren lästige Mitesser, deren man sich zu entledigen suchte. Dies geschah durch die gezielte Abschiebung der Menschen in die sowjetisch besetzten Gebiete. Im Zuständigkeitsbereich der 9. deutschen Armee wurden bis Mitte März 1944 45.000 Menschen in mit Stacheldraht eingezäunten Grundstücken in der Nähe der Ortschaft Osaritschi interniert, die sich genau an der Frontlinie befanden. Nach dem Abschluss der Transporte wurde ein ca. 5 km breiter Gebietsstreifen um die Lager von den deutschen Truppen geräumt, so dass diese am 19. März von sowjetischen Soldaten übernommen wurden. Von den 45.000 Menschen hatten insgesamt nur 33.000 die Bedingungen in den gebäudelosen Arealen überlebt.[10]

Bei der 3. Panzerarmee wurden die nicht arbeitsfähigen Bewohner der Stadt Wizebsk am 22. Mai 1944 in ein ähnliches Lager in Frontnähe gesperrt, wo sie von der erwarteten sowjetischen Sommeroffensive überrollt werden sollten. Orte in einem Abstand von weniger als 100 Kilometern zur Front waren zum Beginn der russischen Offensive bereits vollständig geräumt und teilweise durch Anwendung der Taktik der Verbrannten Erde unbewohnbar gemacht worden.[11]

Die Moral und die körperliche Verfassung der in der Heeresgruppe Mitte eingesetzten Soldaten war aufgrund von allgemeinem Stillstand, schlechten Nachrichten von anderen Kampfplätzen und Versorgungsengpässen schlecht. So hegten viele deutsche Soldaten nach der Landung der Alliierten in der Normandie die Hoffnung, dass diese den Krieg bald beenden würde.[12]

Die Anzahl von Desertationen häufte sich vor allem bei den aus dem Gebiet der Sowjetunion stammenden freiwilligen Hilfskräften der Wehrmacht, weil anhand der zunehmend kritischen Kriegslage des Dritten Reiches dessen bevorstehende Niederlage immer wahrscheinlicher wurde. Die Propaganda des von der Sowjetunion aufgebauten und geförderten Nationalkomitees Freies Deutschland wurde intensiviert, zeigte aber verhältnismäßig wenig Wirkung gegenüber den meist nationalsozialisch indoktrinierten Soldaten der Wehrmacht.[13][14]

Die deutschen Soldaten waren bereits seit dem Winter 1941 chronisch unterernährt, da die Nahrungsmittelreserven des Deutschen Reiches aufgrund des zu lange dauernden Krieges im wahrsten Sinne des Wortes aufgezehrt wurden und man nicht mehr in der Lage war, die vorgeschriebenen Kostsätze zu liefern. Daraus resultierende dauerhafte Vitaminmangelstörungen und führte zusammen mit weiteren Mangelerscheinungen zu geringerer körperlicher Leistungsfähigkeit, sofern die Feldeinheiten nicht in der Lage waren, in den von ihnen besetzten Gebieten die eigenen Bedürfnisse an Nahrungsmitteln selbst durch Plünderung oder eine provisorische (Zwangs)Landwirtschaft zu ergänzen bzw. zu decken.[15][10] Ein weiteres großes Problem war der starke Missbrauch von Alkohol, um die andauernde psychische Belastung abzumildern. [12] Dieser Zustand wurde aber durch das deutsche Offizierskorps kaum wahrgenommen oder ignoriert.[16] Grobe Verstöße gegen die Vorschriften oder Auflehnung gegen Vorgesetzte waren aber aufgrund nationalsozialistischer Propaganda, der unnachgiebigen Aufrechterhaltung der Disziplin durch das deutsche Offizierskorps sowie wegen des gefürchteten Rufes der deutschen Feldpolizei bis zum Sommer 1944 die Ausnahme.[10]

[Bearbeiten] Partisanenkrieg in Weißrussland

Hauptartikel: Sowjetische Partisanen,Polnische Heimatarmee,30. Waffen-Grenadier-Division der SS (weißruthenische Nr. 1) bestehend aus weißrussischen Angehörigen

Große Teile des von der Heeresgruppe Mitte besetzten Gebietes wurden seit 1942 durch sowjetische Partisaneneinheiten kontrolliert, die durch eine spezielle Abteilung des NKWD unter Generalleutnant Panteleimon Kondratjewitsch Ponomarenko koordiniert und überwacht wurden. Das waldreiche, wenig erschlossene Gelände begünstigte die Operation solcher Gruppierungen wesentlich. Diese sowjetischen Partisanen, denen sich auch viele der überlebenden weissrussischen Juden angeschlossen hatten, waren zum Teil sehr fest organisiert, andererseits aber auch nicht wesentlich von den Banden zu unterscheiden, wie sie zur heutigen Zeit beispielsweise in Rio de Janeiro oder den Vereinigten Staaten anzutreffen sind.[17] [18] Die Haupttätigkeit der sowjetischen Partisanen war neben der Eigenversorgung die Bekämpfung der deutschen Besatzer.

Neben diesen prosowjetischen Gruppierungen existierten vor allem im ehemals polnischen Teil Weißrusslands Partisanen der Polnischen Heimatarmee, die nicht nur die deutschen Besatzer, sondern auch die prosowjetischen Partisanen bekämpften.

Die weißrussische Zivilbevölkerung hatte allen Gruppierungen Nahrungsmittel und Kleidung abzuliefern und befand sich durch die zunehmend anarchischen Zustände in einer immer kritischer werdenden Situation. Diese führte dazu, das immer mehr Weißrussen aus ihrer Not heraus mit den deutschen Besatzern kollaborierten, wenn sie nicht zu den prosowjetischen Partisanen gingen. Den Polen standen die Weißrussen aufgrund von Benachteiligungen während der Zeit der polnischen Herrschaft im westlichen Teil des Landes feindlich gegenüber. Die weißrussischen Nationalisten, die aufgrund ihres Strebens nach einem eigenständigen Staat in der Zeit der sowjetischen und polnischen Besatzung unterdrückt worden waren (→Smizer Schylunowitsch), standen auf der Seite der Deutschen.

Aufgrund der seit Mitte 1942 rapide anwachsenden Zahl von Partisanenüberfällen fanden seit Anfang 1943 unter der Leitung von SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski großangelegte Operationen der Wehrmacht, SS sowie (ab Herbst 1943) der von Bronislaw Wladislawowitsch Kaminski geführten Brigade russischer Kollaborateure vorgeblich gegen Partisanen in diesem Gebiet statt.[19] Diese mit unmenschlicher Härte durchgeführten Operationen führten zu der Ermordung tausender weißrussischer Bewohner sowie der Deportation tausender Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Die von den vermeintlichen oder echten Partisanen bewohnten Orte wurden vollständig zerstört. So wurden im Verlauf von „Partisanenbekämpfungsaktionen“ im Polazker Gebiet während der Monate April und Mai 1944 insgesamt 7011 Menschen ermordet, 6928 Gefangene gemacht sowie 11.233 Menschen als Arbeitskräfte nach Deutschland deportiert.[11] Die im Umkreis von Polazk operierenden Partisanen wurden durch dieses Vorgehen sehr geschwächt. Sowjetische Boden- und Luftangriffe, die zur Unterstützung der Partisaneneinheiten durchgeführt wurden, brachten ihnen keine Entlastung.[20]

Die Massenmorde und Deportationen durch die deutschen Besatzer waren aber nur örtlich von Bedeutung für den Kriegsverlauf: Es existierten auch weiterhin im zentralen Weißrussland und westlich von Minsk große, vor allem bewaldete Gebiete, die vollständig durch Partisanenverbände wie beispielsweise die Bielski-Partisanen kontrolliert wurden und die sogar über behelfsmäßige Flugplätze von der Roten Armee versorgt werden konnten.[17][14] Diese Gebiete stellten eine gute Basis für die sowjetische Militäraufklärung dar, die im Hinterland der Heeresgruppe insgesamt 61 Abhörposten betrieb und über die Stützpunkte der Partisanen Agenten in den deutschen Machtbereich schleusen konnte.[21]

[Bearbeiten] Die Angriffsvorbereitungen der Roten Armee

Auf sowjetischer Seite wurden nach dem Ende der Kesselschlacht von Kamenez-Podolski am 15. April offensive Operationen an der westlichen Frontlinie bis zum Beginn des Juni 1944 durch das Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers (STAWKA) gestoppt, um Kräfte für große Offensiven zur Vertreibung sämtlicher Besatzungstruppen vom Staatsgebiet der Sowjetunion zu sammeln. Bis in den Mai hinein fanden lediglich auf der Halbinsel Krim Kämpfe mit der deutschen 17. Armee statt, die mit der Eroberung der Hafenstadt Sewastopol durch sowjetische Truppen und der Vernichtung dieses Verbandes ihren Abschluss fanden.[22] Der Oberbefehlshaber der 17. Armee, Generaloberst Erwin Jaenecke, wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, weil er Hitler in einem persönlichen Gespräch von der Notwendigkeit eines Rückzugs überzeugen wollte.

Nachdem die Verbände der Heeresgruppe Süd, die das ganze Jahr 1943 bis zum April 1944 die Hauptlast der Kämpfe an der Ostfront getragen hatten, bedeutend geschwächt und weitgehend von sowjetischen Territorien verdrängt waren, stellte die Heeresgruppe Mitte immer noch ein starkes Hindernis für die sowjetischen Truppen dar. Dementsprechend wurde vorbereitend eine große Anzahl von Einheiten konzentriert, um ein für einen Erfolg als notwendig erachtetes personelles und materielles Übergewicht gegenüber den deutschen Truppen zu erreichen. Die nun sehr leistungsfähig gewordene sowjetische Rüstungsindustrie ermöglichte der Roten Armee durch einen enormen Ausstoß, der denjenigen der deutschen Industrie bei weitem übertraf, eine gigantische Menge von Kriegsmaterial anzusammeln, die alle bis dahin erreichten Dimensionen sprengte. Zusätzlich dazu erhielt die Sowjetunion nun wirksame Unterstützung durch alliierte Waffenlieferungen, die im Rahmen der Umsetzung des Leih- und Pachtgesetzes durchgeführt wurden. So waren die sowjetischen Truppen mit 12.000 Lastkraftwagen vollmotorisiert, während die deutschen Truppen sich häufig Pferdegespannen bedienten, um den Transport von Nachschub, Artillerie und Infanterieeinheiten durchzuführen.[22] Für sämtliche Fahrzeuge der Roten Armee wurde ein Treibstoffverbrauch von 25.000 Tonnen Dieselkraftstoff pro Tag veranschlagt, der auch problemlos bereitgestellt werden konnte. Im Gegensatz dazu litten die deutschen Einheiten als eine Folge des alliierten Bombenkrieges immer häufiger unter Treibstoffmangel. [16]

Die Moral der sowjetischen Soldaten am weißrussischen Frontabschnitt war bis in den Juni hinein ähnlich wie bei den deutschen Truppen schlecht, was auf allgemeine Kriegsmüdigkeit sowie die Ereignislosigkeit des Geschehens an diesem Frontabschnitt zurückzuführen war. Hinzu kam noch, das eine Anzahl sowjetischer Offiziere sich durch die Plünderung von Hilfslieferungen, die für die Bevölkerung der von der Roten Armee befreiten Gebiete bestimmt waren, bereicherte. Auch als aufgrund verschiedener befohlener Vorbereitungen klar wurde, dass eine große Offensive bevorstand, besserte sich die Stimmung der Soldaten nicht wesentlich. [23]

Die sowjetische Führung nutzte jedoch die mehrmonatige Kampfpause, um den Ausbildungsstand der Soldaten zu verbessern. Es wurde ein koordiniertes Vorgehen der angreifenden Infanteristen trainiert, auf das bisher kaum Wert gelegt wurde. Die sowjetischen Soldaten stürmten während der vorangegangenen Kriegsjahre häufig einfach auf die deutschen Stellungen zu und erlitten dabei exorbitant hohe Verluste. Nicht selten wussten sie dabei die Maschinengewehre spezieller NKWD-Abteilungen hinter sich, die im Falle einer Panik sofort auf die rückwärts fliehenden Reste einer Angriffswelle schossen. Die Abkehr von dieser ineffizienten Taktik des "Verheizens", die in den Zeiten des Ersten Weltkrieges von General Brussilow zum ersten Mal angewendet worden war (→Brussilow-Offensive), erwies im Verlauf der Kämpfe des Sommers 1944 als sinnvoll. [6] Die Planung der Offensive wurde vom Armeegeneral und Chef des Operationsstabes der Roten Armee Alexei Innokentjewitsch Antonow ausgeführt, nachdem ihre Durchführung im April 1944 von STAWKA beschlossen worden war. Der Termin für den Beginn sollte gemäß den Vereinbarungen, die auf der Konferenz von Teheran getroffen wurden, mit der unter dem Tarnnamen Operation Overlord geplanten Landung der Alliierten in der Normandie zeitlich koordiniert werden.[9] Diese Vorgabe wurde aber nicht eingehalten, da der 22. Juni 1944 aus sowjetischer Sicht ein weit besserer Termin für einen Angriff war, der klar als Revanche für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion betrachtet wurde [24] und weil zwischen den Partnern der Anti-Hitler-Koalition bereits Differenzen bestanden.[25][26]Ein weiterer Grund für die Verspätung lag in der kapazitiven Überforderung des durch den Krieg stark zerstörten sowjetischen Eisenbahnnetzes, über das in kürzester Zeit Armeen mit einer Stärke von ca. 1.000.000 Soldaten von anderen Frontabschnitten und rückwärtigen Gebieten nach Weißrussland transportiert werden mussten. Die von Antonow ausgearbeiteten Planungen wurden von den Marschällen Wassilewski und Schukow übernommen und Stalin und den anderen beteiligten Kommandeuren am 20. Mai 1944 vorgelegt. Es kam zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Front-Kommandeur Rokossowski und Stalin, da der General darauf bestand, im Gegensatz zur ursprünglichen Vorgabe einen Zangenangriff mit zwei Stoßrichtungen auf die Stellungen der 9. deutschen Armee zu führen. Rokossowski setzte sich schließlich durch und die Planungen wurden überarbeitet. Stalin genehmigte daraufhin ihre Ausführung am 31. Mai und benannte die Offensive nach dem georgisch-russischen General Pjotr Iwanowitsch Bagration.

Deutsches Aufklärungsflugzeug vom Typ Fw 189. Von diesen Maschinen existierten 1944 viel zu wenige, um eine wirksame Luftaufklärung auf Seite der Wehrmacht sicherzustellen.
Deutsches Aufklärungsflugzeug vom Typ Fw 189. Von diesen Maschinen existierten 1944 viel zu wenige, um eine wirksame Luftaufklärung auf Seite der Wehrmacht sicherzustellen.

Um das OKW über die beabsichtigte Stoßrichtung des Angriffs im Unklaren zu halten, wurde durch Antonow und Schukow Maskirowka, eine von der Roten Armee bereits vor dem Krieg entwickelte und im Krieg perfektionierte Taktik zur Verschleierung von Armeebewegungen vor dem Feind, am 29. Mai 1944 für die Offensive in Weißrussland initiiert. Das Ziel dieser Militäraktion war die Vortäuschung sowjetischer Truppenkonzentrationen mittels Attrappen vor dem Frontabschnitt der Heeresgruppe Nordukraine. Diese Aufgabe war bei den massiven Truppenbewegungen, die die Operation Bagration erforderte, nicht einfach, konnte aber von der Roten Armee erfolgreich durchgeführt werden. Deutsche Aufklärungsflüge konnten unbehelligt über Scheinkonzentrationen sowjetischer Truppen in der Ukraine durchgeführt werden, sodass die dort aufgestellten Attrappen fotografiert und die Aufnahmen an den deutschen Generalstab weitergegeben wurden. Die echten Truppenbewegungen der Roten Armee wurden sehr verdeckt ausgeführt.[2] Es wurde auf sowjetischer Seite Funkstille befohlen, sodass die deutsche Fernmeldeaufklärung keine Informationen mehr gewinnen konnte. [27] Das nachrichtendienstliche Täuschungsmanöver des sowjetischen Oberkommandos gelang: Im OKW war man bis zum tatsächlichen Beginn der Offensive nicht über ihre beabsichtigte Stoßrichtung informiert. Obwohl auf Korpsebene die Zusammenballung sowjetischer Kräfte im Bereich der Heeresgruppe Mitte weiterhin beobachtet und weitergemeldet wurde [7] und die Führungsebene der Heeresgruppe sich seit dem 10. Juni [7] im Klaren darüber war, dass eine Offensive in ihrem Sektor der Front stattfinden würde [16], zog das Oberkommando des Heeres (OKH) gemäß den Weisungen des OKW Kräfte aus der Heeresgruppe Mitte ab und verstärkte die Heeresgruppe Nordukraine.[7]

Nachdem am 6. Juni 1944 die Landung der Alliierten in Frankreich begonnen hatte, wurden weitere deutsche Einheiten, die bisher im Bereich der Heeresgruppe Mitte eingesetzt waren, zur Verstärkung der in Frankreich stationierten Truppen abgezogen. An die Front in Italien wurden große Mengen an Munition geliefert, die wiederum den Verbänden der Heeresgruppe Mitte fehlte.[28] Diese Faktoren schwächten die Verteidigungsfähigkeit der Deutschen zusätzlich. So standen am 21. Juni 1944 4.050 sowjetischen Panzern und Sturmgeschützen lediglich 495 deutsche gegenüber.[6] Das Kräfteverhältnis in Bezug auf die Mannschaftsstärke belief sich auf 850.000 Soldaten auf der Seite der Wehrmacht gegenüber 2.331.700 Soldaten der Roten Armee.[2][1]

Trotz des massiven sowjetischen Truppenaufmarsches wurden die deutschen Frontverbände vom Ausmaß des Angriffs völlig überrascht, weil aufgrund der Täuschungsmanöver der Sowjetarmee vom deutschen OKW die Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff ignoriert wurden. Selbst als die sowjetischen Truppen am 20. Juni Hindernisse entfernten, die beim Vordringen zu den deutschen Verteidigungslinien im Weg standen, erfolgte auf deutscher Seite immer noch keine Reaktion.

Im Gegensatz zu den Deutschen hatten die Sowjets mit Hilfe ihrer militärischen Aufklärung einen sehr genauen Überblick über die gegenwärtige Aufstellung deutschen Kräfte erhalten und konnten sich daher sicher sein, dass der von ihnen gewünschte Überraschungseffekt der Offensive auch tatsächlich wirksam werden würde.

[Bearbeiten] Verlauf

Übersichtskarte zum Gesamtverlauf der Operation Bagration vom 22. Juni 1944 bis zum 29. August 1944. Die Angriffsoperationen der Roten Armee während der ersten Phase sind in roter Farbe, die nachfolgenden in oranger Farbe dargestellt.
Übersichtskarte zum Gesamtverlauf der Operation Bagration vom 22. Juni 1944 bis zum 29. August 1944. Die Angriffsoperationen der Roten Armee während der ersten Phase sind in roter Farbe, die nachfolgenden in oranger Farbe dargestellt.

Der sowjetische Angriffsplan sah drei Stellen vor, an denen der Durchbruch durch die deutschen Linien erfolgen sollte: Das erste Hauptziel war die Ausschaltung der den Raum Wizebsk verteidigenden 3. Panzerarmee, die unter dem Kommando von Generaloberst Georg-Hans Reinhardt stand. Diese Aufgabe sollte von der 1. Baltischen Front unter dem Kommando des Armeegenerals Hovhannes Baghramjan in Koordination mit der benachbarten 3. Weißrussischen Front unter Armeegeneral Iwan Danilowitsch Tschernjachowski erfüllt werden.

Weiterhin erfolgte ein Angriff auf die nördlich der Ortschaft Orscha beginnenden Stellungen der 4. deutschen Armee unter der Führung von General von Tippelskirch, die auch der Stadt Mahiljou vorgelagert waren, und die bis nördlich der Stadt Babruijsk reichten. Den Angriff an diesem Frontabschnitt führte die 2. Weißrussischen Front unter dem Kommando von General Georgi Fjodorowitsch Sacharow aus.

Dritter Schwerpunkt war ein Vorstoß auf die Stadt Babrujsk, die das Hauptquartier der 9. deutschen Armee unter General Hans Jordan war. Dieser Armee stand die 1. Weißrussische Front unter dem Marschall der Sowjetunion Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski gegenüber.

Diese drei Angriffe wurden zeitlich gestaffelt. Am 22. Juni begannen die Kämpfe bei Wizebsk [29], am darauffolgenden Tag wurde die 4. deutsche Armee zum ersten Mal attackiert bis schließlich am 24. Juni die 1. Weißrussische Front den Abschnitt der 9. deutschen Armee bedrängte, der im Süden an die unzugänglichen Prypjat-Sümpfe grenzte.[7][9]

Das taktische Ziel der Offensive war die Durchführung einer Zangenbewegung durch die bei Babrujsk und Wizebsk angreifenden Kräfte, die sich bei Minsk vereinigen und große Teile der Heeresgruppe Mitte in einem riesigen Kessel einschließen sollten. Die Attacke bei Mahiljou sollte sicherstellen, dass die Kräfte der deutschen 4. Armee nicht zur Entlastung der 3. Panzerarmee oder der 9. Armee eingesetzt werden konnten. Gelang diese Operation, sollten daraufhin möglichst große Teile des nun ungeschützten deutschen Hinterlands besetzt und bis zur Ostsee vorgestoßen werden. In der sowjetischen bzw. russischen Militärgeschichtsschreibung wird der Verlauf der Operation bis zur kompletten Sicherung des taktischen Zieles Minsk als erste Phase, der weitere Verlauf bis zu ihrem Ende am 29. August 1944 als zweite Phase bezeichnet.

[Bearbeiten] Störaktionen der Partisanen: Die Operation "Konzert" als Teil der Operation "Eisenbahnkrieg"

Die sowjetischen Partisanen wurden durch Offiziere des NKWD in ihrer Tätigkeit geleitet, sodass sie in Koordination mit der Roten Armee tätig werden konnten. Nachdem ein ausreichendes Verbindungsnetzwerk geschaffen worden war, begannen direkt von Moskau aus geleitete Sabotageoperationen, von denen eine der wichtigsten die im Sommer 1943 beginnende Operation "Eisenbahnkrieg" war. Wie deren Name nahelegt, war das Hauptziel die Störung des deutschen Nachschubs durch Sprengung der hierfür genutzten Eisenbahnlinien. Das war ein empfindlicher Eingriff in die Bewegungsfreiheit der Deutschen, da die Bahnlinien die einzigen Transportwege waren, die eine ausreichende Kapazität zur schnellen Verlegung größerer Einheiten in Regiments- oder Divisionstärke boten. [30]

Die Schlussphase der Operation "Eisenbahnkrieg" erhielt den Decknamen "Konzert" und fand kurz vor dem Beginn des russischen Angriffs statt. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni begannen die Partisaneneinheiten, die sich in Weißrussland befanden, damit, die Bahnlinien Pinsk-Luninez, Baryssau-Orscha und Maladsetschna-Polazk, welche die einzigen in den Bereich der Armeen der Heeresgruppe Mitte führenden Eisenbahnverbindungen waren, systematisch zu sprengen.[7] Die von 145.000 Freischärlern gelegten 10.500 Sprengladungen unterbrachen den Nachschub der deutschen Truppen für einige Tage, obwohl ca. 3.500 der Sprengsätze entschärft werden konnten. Diese Aktion war der größte Sabotageanschlag des zweiten Weltkriegs.[31][32]

[Bearbeiten] Luftüberlegenheit der sowjetischen Luftstreitkräfte

Sowjetische Il-2-Besatzung auf einem Feldflugplatz in Weißrussland. Die Maschine trägt den Namen des russischen Generals Alexander Suworow. Die Motivation durch den Bezug auf Helden aus der Zeit des Kriegs gegen Napoleon wurde in der Roten Armee ab 1942 praktiziert, da sich die kommunistische Agitation nicht bewährt hatte. (PK-Foto, Sommer 1944)
Sowjetische Il-2-Besatzung auf einem Feldflugplatz in Weißrussland. Die Maschine trägt den Namen des russischen Generals Alexander Suworow. Die Motivation durch den Bezug auf Helden aus der Zeit des Kriegs gegen Napoleon wurde in der Roten Armee ab 1942 praktiziert, da sich die kommunistische Agitation nicht bewährt hatte. (PK-Foto, Sommer 1944)

Seit der Schlacht bei Kursk hatte sich die Zahl der an der Ostfront eingesetzten deutschen Kampfflugzeuge ständig verringert. Der Grund dafür war, dass zur Abwehr der alliierten Landungen auf Sizilien und der Normandie Luftstreitkräfte nach Italien beziehungsweise Frankreich verlegt wurden und dort große Verluste durch alliierte Jagdflieger erlitten. Die deutsche Flugzeugindustrie war nicht mehr in der Lage, die steigenden Verluste der Luftwaffe, die vor allem durch die überlegenen Jagdflugzeugmuster der Alliierten hervorgerufen wurden, vollständig auszugleichen. Das zwischen den deutschen und sowjetischen Luftstreitkräften bestehende Ungleichgewicht wurde bis zum Beginn der Operation Bagration so groß, dass die Luftflotte 6 unter Ritter von Greim, die zur Unterstützung der Heeresgruppe Mitte vorgesehen war, durch starke Verluste und technische Ausfälle, die auf die mangelhafte Versorgung mit Ersatzteilen zurückzuführen waren, nur noch knapp 50 einsatzbereite Jagdflugzeuge bzw. 250 Flugzeuge insgesamt zur Verfügung hatte. Demgegenüber konnten die sowjetischen Luftstreitkräfte knapp 4.500 Flugzeuge [33] aller Art aufbieten, die zur Unterstützung der Offensive eingesetzt werden konnten und in 4 Luftarmeen organisiert waren (die 1. Luftarmee, 3. Luftarmee, 4. Luftarmee sowie die 16. Luftarmee), die jeweils einer der an dem Angriff beteiligten sowjetischen Fronten unterstellt waren. Daher hatten die sowjetischen Flieger zum Zeitpunkt des Beginns der Offensive die nahezu vollständige Luftüberlegenheit inne. [34]

[Bearbeiten] Unterstützung durch Artillerie

Sowjetische Batterie schwerer Haubitzen vom Typ M1931(B-4) (3. Weißrussische Front, Sommer 1944)
Sowjetische Batterie schwerer Haubitzen vom Typ M1931(B-4) (3. Weißrussische Front, Sommer 1944)

Der Angriff der Roten Armee begann am Morgen um 4:00 Uhr mit dem stärksten Artilleriefeuer, das bis dahin auf die Stellungen der Heeresgruppe Mitte gerichtet worden war.[35] Dieses setzte sich aus folgenden Komponenten zusammen:

  1. 15 Minuten Feuer auf deutsche Verteidigungsstellungen bis in eine Tiefe von drei Kilometern.
  2. 90 Minuten Feuer auf aufgeklärte Ziele, sowie bekannte Stellungen von Artillerie und schweren Waffen
  3. 20 Minuten Feuer auf die deutsche Hauptverteidigungslinie und dahinter liegende Stellungen
  4. Feuer auf erkannte Ziele bei Anforderung durch Beobachter für den Rest des Tages

Die Rote Armee hatte in den geplanten Durchbruchszonen Artilleriegeschütze in einer Dichte von 178 Einheiten pro Kilometer aufgestellt. Dieser massiven Feuerkraft konnten die vorher mühsam ausgehobenen deutschen Stellungen nicht standhalten:

„Das Verhalten der deutschen Soldaten in ihren befestigten Arealen war dumm [...] Unser Beschuss machte sie fertig. Unmengen an Granaten gingen auf sie nieder und man hörte nichts als ein Donnern. Die befestigten Anlagen konnten völlig zerschmettert werden. Es war tödlich [...]“[36]

Die überlebenden deutschen Soldaten in den Durchbruchskorridoren waren danach nicht mehr in der Lage, wirksamen Widerstand gegen die ohnehin zahlenmäßig mehrfach überlegenen sowjetischen Panzer- und Infanterieeinheiten zu leisten. Der Mangel an einsatzbereitem schweren Waffenmaterial machte die Lage der deutschen Soldaten noch aussichtsloser.[37]

[Bearbeiten] Witebsk-Orscha-Operation

Der als Witebsk-Orscha-Operation bezeichnete Angriff war der verheerendste der drei initialen sowjetischen Vorstöße, da für die Eroberung der festen Plätze Wizebsk und Orscha insgesamt zwei Fronten (Heeresgruppen) der Roten Armee eingesetzt wurden.

[Bearbeiten] Kesselschlacht bei Wizebsk

Lokation des Kampfgebietes der Wizebsk-Orscha-Operation
Lokation des Kampfgebietes der Wizebsk-Orscha-Operation
Die sowjetische Offensive bei Wizebsk (Verlauf vom 22. bis 27. Juni 1944)
Die sowjetische Offensive bei Wizebsk (Verlauf vom 22. bis 27. Juni 1944)
Sowjetische MG-Schützen während der Rückeroberung von Wizebsk am 26. Juni 1944
Sowjetische MG-Schützen während der Rückeroberung von Wizebsk am 26. Juni 1944
Öffentliche Vernehmung von Generalleutnant Hitter und General Gollwitzer durch den Befehlshaber der 3. Weißrussischen Front Tschernjachowski und den Marschall der Sowjetunion Wassilewski (von rechts nach links) nach der Gefangennahme der Deutschen im Kessel von Wizebsk. Der sowjetische Offizier links im Vordergrund ist Generalleutnant Makarow. (28. Juni 1944)
Öffentliche Vernehmung von Generalleutnant Hitter und General Gollwitzer durch den Befehlshaber der 3. Weißrussischen Front Tschernjachowski und den Marschall der Sowjetunion Wassilewski (von rechts nach links) nach der Gefangennahme der Deutschen im Kessel von Wizebsk. Der sowjetische Offizier links im Vordergrund ist Generalleutnant Makarow. (28. Juni 1944)
Aus einem deutschen Lager befreite Zivilisten kehren nach Hause zurück. (bei Wizebsk, Ende Juni 1944)
Aus einem deutschen Lager befreite Zivilisten kehren nach Hause zurück. (bei Wizebsk, Ende Juni 1944)

Nach dem Ende der Artillerievorbereitung griff aus Richtung Nordwesten die sowjetische 1.  Baltische Front unter Armeegeneral Baghramjan mit der 6. Gardearmee und der 43. russischen Armee die deutsche Front bei Wizebsk an. In Koordination dazu attackierte die 3. Belorussische Front unter Generalleutnant Tschernjachowski mit der 39. und der 5. russischen Armee, der 11. Gardearmee sowie der 5. Gardepanzerarmee die deutschen Stellungen bei der Stadt Wizebsk aus östlicher Richtung. Die Angriffe wurden zuerst von Infanterieeinheiten begonnen, um Durchbrüche in der deutschen Frontlinie zu schaffen. Waren diese Durchbrüche vorhanden, konnte die Rote Armee durch den Einsatz von Panzern tief in das deutsche Hinterland vorstoßen. Bis zum 24. Juni gelang es, die diesen Bereich verteidigenden deutschen Einheiten bis 30 Kilometer hinter ihre ursprünglichen Stellungen zu verdrängen, da diese insbesondere im nordwestlichen Frontabschnitt viel schlechter ausgebaut waren als an der Stadt selbst.[7] Dies lag auch daran, dass die deutsche Aufklärungsabteilung Fremde Heere Ost (FHO) unter Reinhard Gehlen vor dem 22. Juni die komplette 6. Gardearmee im Bereich der 1. Baltischen Front übersehen hatte und dadurch die Führungsebene der Heeresgruppe Mitte diesen Bereich als nicht gefährdet ansah.[2] Am Abend des 24. Juni war die deutsche Frontlinie nördlich und südlich von Wizebsk zusammengebrochen. Insbesondere konnten die schweren Panzer vom Typ IS-2, die von der 5. Gardepanzerarmee eingesetzt wurden, große Geländegewinne erzielen und das deutsche VI. Korps, das den südöstlich von Wizebsk gelegenen Abschnitt verteidigte, fast vollständig vernichten. Auch die 5. Gardepanzerarmee war von der deutschen Militäraufklärung übersehen worden, da man sie im Bereich der Heeresgruppe Südukraine vermutete. Eine Korrektur der fehlerhaften Annahmen erfolgte nicht, da die 5. Gardepanzerarmee bis zum 21. Juni in Bereitstellungsräumen gelegen hatte, die sich 50 km östlich der Front befanden. Das aus drei Divisionen bestehende LIII. Korps der deutschen 3. Panzerarmee, das eine Stärke von 30.000 Soldaten hatte und den als Magneten gedachten und gut befestigten Frontvorsprung um den festen Platz Wizebsk verteidigte, wurde aufgrund des schnellen russischen Durchbruchs in diesem bereits am 25. Juni eingeschlossen. Deutsche Gegenangriffe am nördlichen Rand des von der 1. Baltischen Front geschaffenen Durchbruchskorridors blieben weitestgehend erfolglos.

Aufgrund der großen sowjetischen Übermacht war es den wenigen nicht eingeschlossenen deutschen Verbänden auch nicht mehr möglich, eine westlich der Stadt gelegene Frontlinie zu halten; sie wurden im Verlauf der nächsten Tage weiter nach Westen abgedrängt oder vernichtet. Die katastrophale Lage führte dazu, dass auch die Einheiten, die vorher zur Partisanenbekämpfung eingesetzt worden waren, zu einer Kampfgruppe zusammengefasst und direkt zum Einsatz gegen die angreifende Rote Armee geführt wurden. Da diese Gruppe, die unter dem Kommando Curt von Gottbergs stand, nicht die Kampfkraft besaß, um Erfolge zu erzielen, waren diese verzweifelten Versuche, die angeschlagene Frontlinie der deutschen 3. Panzerarmee zu verstärken, nicht sehr erfolgreich.[38]

Die bei Wizebsk eingeschlossenen deutschen Truppen begannen im Laufe der folgenden Tage immer stärker unter Munitionsmangel zu leiden. Generalleutnant Hitter und General Gollwitzer befahlen daher als Befehlshaber der eingeschlossenen Truppen entgegen den Weisungen Hitlers den Ausbruch aus Wizebsk.[29] Dieser wurde aber viel zu spät eingeleitet, so dass sich die Reste der Deutschen zu einem großen Teil nach einem sowjetischen Großangriff am 27. Juni im Bereich des Sarro-Sees ergaben, nachdem der Abstand des Kessels zu den noch von den Deutschen kontrollierten Gebieten auf über 80 km angewachsen war. Eine Gruppe von 5.000 Soldaten der 4. Luftwaffenfelddivision begann auf eigene Faust am 26. Juni einen Ausbruchsversuch.[29] Sie wurde aber am selben Tag gestoppt und am 27. Juni in den Wäldern bei der Ortschaft Jakubowtschina aufgerieben.[39] Im Ergebnis der Kämpfe bei Wizebsk entstand ein etwa 100 Kilometer breiter Korridor zwischen der 16. deutschen Armee der Heeresgruppe Nord und der 4. deutschen Armee, durch den die sowjetischen Truppen der 3. Weißrussischen Front schnell in Richtung Minsk vorstießen. Die Truppen der 1. Baltischen Front begannen das Gebiet um die Stadt Polazk anzugreifen. Damit war eine Komponente der von STAWKA geplanten Zangenbewegung um die Heeresgruppe Mitte erfolgreich ausgeführt worden.

Wizebsk war nach dem Ende der Kämpfe fast vollständig zerstört. Von 170.000 Einwohnern, die im Juni 1941 die Stadt bewohnten, waren im Juli 1944 nur 118 übriggeblieben.[40] Die 3. deutsche Panzerarmee existierte nach dem 28. Juni faktisch nicht mehr, obwohl sie organisatorisch weiterhin Bestand hatte. Ihre Reste zogen sich Richtung Westen zurück, wobei sie durch die sowjetische 1. Baltische Front verfolgt wurden. Da die Deutschen bei der Bekämpfung der Partisanen im Frühjahr 1944 Erfolge erzielt hatten, war der Rückzugsweg für die verbleibenden Einheiten der 3. deutschen Panzerarmee nicht versperrt. [19]

[Bearbeiten] Angriff auf Orscha

Am nördlichen Rand des Verteidigungsbereiches der 4. deutschen Armee lag die Ortschaft Orscha, durch die mehrere Eisenbahnlinien und die von den Deutschen als Rollbahn oder Autobahn bezeichnete Hauptversorgungsstraße der Heeresgruppe Mitte verlief, die in östlicher Richtung direkt nach Smolensk und Moskau, in westlicher Richtung direkt nach Minsk führte (siehe Europastraße 30). Da die verkehrstechnische Infrastruktur auf dem Gebiet Weißrusslands im Jahr 1944 sehr unterentwickelt war und nur wenige Straßen existierten, die besser befestigt waren als gewöhnliche Feldwege, war die Rückeroberung Orschas eine wichtige Aufgabe, mit welcher der südliche Flügel der 3. Weißrussischen Front betraut wurde. Auch der deutschen Führung war die Bedeutung des Ortes bewusst, weshalb er ähnlich wie Wizebsk als „fester Platz“ deklariert und stark befestigt wurde.

Der Angriff der 11. russischen Gardearmee am 23. Juni konnte daher von den Deutschen zunächst verzögert werden, die sowjetischen Truppen erzielten nur geringe Geländegewinne. Durch den weiter nördlich erfolgenden Vorstoß auf Wizebsk gelang es jedoch den sowjetischen Einheiten in den folgenden Tagen, die stark befestigten deutschen Verteidigungsbereiche zu umgehen. Am 25. Juni waren die deutschen Verteidiger bereits so geschwächt, dass die Verteidigungstellungen im Laufe des Tages durchbrochen werden konnten. Ein deutscher Gegenangriff in der Nähe der Ortschaft Orechowsk schlug fehl. Am 26. Juni waren die deutschen Truppen dabei, sich aus dem Gebiet um Orscha vor der Übermacht sowjetischer Truppen und einer drohenden Einkesselung zurückzuziehen, sodass die Ortschaft am Abend desselben Tages von sowjetischen Truppen eingenommen werden konnte. Damit war die deutsche Verteidigung der wichtigen Straße nach Minsk gescheitert. Sowjetische Panzerverbände der 11. russischen Gardearmee stießen auf ihr schnell in Richtung der weißrussischen Hauptstadt vor. Die deutschen Verbände zogen sich im Laufe der folgenden Tage gemeinsam mit der 4. deutschen Armee ebenfalls in Richtung Westen zurück. Jedoch war das Marschtempo der Deutschen geringer als das der Sowjets.

[Bearbeiten] Angriff auf Mahiljou (Mogilew-Operation)

Das Kampfgebiet während der Mogilew-Operation
Das Kampfgebiet während der Mogilew-Operation

Im mittleren Sektor des von der Heeresgruppe Mitte gehaltenen Gebietes, begannen die Truppen der erst im Frühjahr 1944 neu gebildeten 2. Weißrussischen Front ihre Angriffe gegen die Stellungen der 4. deutschen Armee am 23. Juni. Die Intensität dieser russischen Operation war jedoch wesentlich geringer als im Wizebsker Gebiet, da der sowjetische Operationsplan eine Einschließung des Zentrums der Heeresgruppe Mitte durch die im Norden und Süden vorgehenden Angriffsspitzen vorsah. Es sollte daher lediglich ein vorzeitiger Rückzug der 4. deutschen Armee, der diese Einschließung vereitelt hätte, verhindert werden. So stieß lediglich die sowjetische 49. Armee bis zum Abend des 26. Juni 30 Kilometer in Richtung Mahiljou vor. Diese Armee war durch die Übernahme von Frontabschnitten durch die beiden benachbarten Armeen verstärkt worden. (siehe Karte Verlauf 23. bis 24. Juni und Verlauf 25. bis 26. Juni)

Am 26. und 27. Juni gelang es den Pionieren der sowjetischen 49. Armee nördlich von Mahiljou Pontonbrücken über den Dnepr zu errichten und eine Überquerung des Flusses zu ermöglichen. Adolf Hitler erteilte daraufhin den Befehl, dass die 12. Infanteriedivision die zur Festung erklärte Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen hatte, um den Vormarsch der Sowjets zu verzögern. Alle anderen Teile der 4. deutschen Armee zogen sich weiter Richtung Minsk zurück, sodass diese Division praktisch geopfert wurde. Die sowjetischen Truppen schlossen Mahiljou am 27. Juni ein. (siehe Karte Verlauf 27. bis 28. Juni) Nach erbitterten Kämpfen wurde Mahiljou am 28. Juni zurückerobert. Der Befehlshaber der 12. Infanteriedivision Generalleutnant Rudolf Bamler und der Stadtkommandant, Generalmajor Gottfried von Erdmannsdorf, ließen den Kampf einstellen, nachdem gemäß sowjetischen Angaben 6.000 deutsche Soldaten bei der Verteidigung der Stadt gefallen waren. 3.400 Überlebende gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Versprengte deutsche Soldaten leisteten teilweise noch über mehrere Wochen Widerstand und kämpften sich teilweise erfolgreich zu den deutschen Linien zurück.

Die Rückzugsbewegung der 4. deutschen Armee konnte nur langsam vollzogen werden, da der Weg durch ein weites, unzugängliches Waldgebiet führte, das außerdem zum größten Teil von Partisanenverbänden kontrolliert wurde. Die einzige für den Rückzug verfügbare, jedoch unbefestigte Straße Mahiljou-Berazino-Minsk war mit Fahrzeugen aller Art verstopft. Viele Zivilisten, die mit den Deutschen kooperiert hatten, flohen aus Furcht vor Lynchjustiz zusammen mit den Deutschen Soldaten. Der durch das OKH verursachte Mangel an Kraftfahrzeugen bei den deutschen Verbänden rächte sich jetzt sehr. Zusätzlich wurden die Kolonnen durch sowjetische Schlachtflugzeuge vom Typ Iljuschin Il-2 angegriffen, was zu einem allgemeinen Chaos und zum Tod von drei Korps-Kommandeuren der 4. deutschen Armee innerhalb weniger Stunden führte. Der massenhafte Einsatz sowjetischer Schlachtflieger war für die Deutschen neu und beraubte sie ihrer Artillerie, welche die letzte, bis dahin effiziente Verteidigungsmöglichkeit gegen die Angriffe der Roten Armee war.[22] Generell erlitten die deutschen Truppen auch in diesem Sektor sehr hohe Verluste. Laut dem damaligen Befehlshaber der 4. deutschen Armee Kurt von Tippelskirch gelang es nur der Hälfte seiner Soldaten, sich über den Fluss Dnepr zurückzuziehen. [7] Dies wird unter anderem in den Memoiren Lew Kopelews bestätigt, der als Soldat bei der 50. sowjetischen Armee an der Offensive gegen Mahiljou teilnahm. [41]

[Bearbeiten] Kessel von Babrujsk (Bobruisker Operation)

Lokation des Kampfgebietes während der Bobruisker Operation
Lokation des Kampfgebietes während der Bobruisker Operation
Häuserkampf in Babrujsk (28. oder 29. Juni 1944)
Häuserkampf in Babrujsk (28. oder 29. Juni 1944)
Zerstörungen in Babrujsk, Bereich Puschkin Straße (Foto Herbst 1944)
Zerstörungen in Babrujsk, Bereich Puschkin Straße (Foto Herbst 1944)

Im dem südlichen, von der 9. Armee gehaltenen Frontabschnitt begann der Angriff der sowjetischen 1. Weißrussischen Front unter Marschall Rokossowski am 24. Juni. Auch hier wurde der Angriff durch heftiges Artilleriefeuer sowie durch Schlachtflugzeuge der 16. sowjetischen Luftarmee unterstützt. Gemäß Rokossowskis Plan griffen die sowjetischen Truppen an zwei Abschnitten der deutschen Front an. Am Abend des Tages gelang es den Angreifern der 65. sowjetischen Armee unter Generalleutnant Batow, die Front an der südlichen Flanke des deutschen XXXV. Armeekorps zu durchbrechen. Zeitgleich misslang ein deutscher Versuch, mit Hilfe der 20. Panzerdivision den sowjetischen Angriff an der nördlichen Flanke desselben Armeekorps abzuwehren. Auch dort gelang der Roten Armee (unter anderem bei der Ortschaft Rogatschew) der Einbruch in die deutschen Verteidigungsstellungen, obwohl die 20. Panzerdivision an dieser Stelle versuchte, den sowjetischen Angriff abzuwehren. Die schnellen sowjetischen motorisierten Verbände im Süden stießen danach sofort in Richtung der Ortschaft Paritschi vor und überquerten dort die Bjaresina. Die langsameren sowjetischen Infanterieeinheiten drehten nach Norden ein und begannen mit den nördlich angreifenden Teilen das Gros der 9. deutschen Armee einzuschließen. Der Befehlshaber der 9. deutschen Armee beging den Fehler, die 20. Panzerdivision, welche die einzige deutsche Einheit war, die Chancen auf Erfolg bei der Abwehr einer der sowjetischen Angriffsspitzen gehabt hätte, auf beide Schwerpunkte aufzuteilen. Durch diese selbst verursachte Schwächung waren beide Angriffe der 1. Weißrussischen Front erfolgreich.

Im Gegensatz zu den in Wizebsk stationierten Einheiten wurde den deutschen Truppen der 9. Armee ein Rückzug nach Nordwesten in Richtung Minsk genehmigt. Große Teile der relativ unbeweglichen deutschen Einheiten mussten dabei jedoch den Weg über Babrujsk nehmen. Aufgrund der guten Motorisierung der sowjetischen Truppen gelang es diesen, die sich zurückziehenden deutschen Einheiten zu überholen und hinter Babrujsk einen Kessel um große Teile der 9. deutschen Armee zu bilden. In diesem wurden ca. 70.000 Deutsche, darunter auch viele Unterstützungseinheiten eingeschlossen. Die sich im Kessel befindenden deutschen Truppen wurden nun von sowjetischer Artillerie zusammengeschossen. [14]

Der Kommandeur des XXXV. Armeekorps Generalleutnant von Lützow erkannte den Ernst der Lage und autorisierte selbstständige Ausbruchsversuche der ihm unterstellten Einheiten. Unter den deutschen Soldaten brach Panik aus, viele versuchten sogar, den Fluss Bjaresina durchschwimmend, den sowjetischen Einheiten zu entkommen. [39] Obwohl 15.000[42] bis 30.000[32] deutschen Soldaten ein Ausbruch unter Zurücklassung vieler Fahrzeuge und schweren Waffenmaterials gelang , wurde der größere Teil der deutschen Soldaten im Kessel vom Babrujsk gefangengenommen oder getötet. Wie katastrophal die deutschen Verluste waren, zeigt ein Zitat des sowjetischen Journalisten Wassili Semjonowitsch Grossman:

„[...]Die Männer laufen über die Leichname deutscher Soldaten. Leichen, hunderte und tausende bedecken die Straße, liegen in Gräben, unter den Kiefern, auf den noch grünen Getreidefeldern. An einigen Stellen müssen Fahrzeuge über die Körper fahren, weil sie so dicht auf dem Boden liegen. [...] Ein Kessel des Todes kochte an diesem Ort, an dem Rache [ für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion ] genommen wurde.“ [43]

Die 383. Infanteriedivision der 9. deutschen Armee, die in Babrujsk eingeschlossen war, erhielt den Auftrag, den festen Platz zu verteidigen und somit Zeit für den Aufbau einer neuen deutschen Verteidigungslinie vor Minsk zu gewinnen. Die Reste der Division unter dem Befehl des Platzkommandanten Generalleutnant Edmund Hoffmeister ergaben sich schließlich am 29. Juni. Tausende deutscher Soldaten gingen in sowjetische Gefangenschaft oder wurden durch die Russen an Ort und Stelle umgebracht. Dieses Schicksal ereilte beispielsweise viele der in Babruisk verbliebenen schwer verwundeten Deutschen:

„[...] Am 29. besetzten die Russen das Lazarett und filzten uns sogleich gründlich. [...] Etwa eine Stunde später erschienen wieder Russen, diesmal in ölverschmierten Uniformen. Systematisch gingen sie von Bett zu Bett, richteten ihre Maschinenpistolen auf die Verwundeten und schossen ihre Magazine leer. [...] Mit den Toten lag ich noch drei Tage in diesem Lazarett, ohne jegliche [...] Versorgung und Verpflegung. [...] Plötzlich erschien ein russischer Zivilarzt [...] Der Arzt sorgte dafür, das die Überlebenden aus den Räumen heraus [in ein ehemaliges Wehrmachtserholungsheim] gefahren wurden.“[14] Besonders Soldaten derjenigen Einheiten der Wehrmacht, die sich aus der örtlichen Bevölkerung oder aus Russen zusammensetzten oder Hilfswillige (kurz Hiwis) und Zivilisten, bei denen eine Kollaboration mit den Deutschen nachweisbar war, hatten keine Gnade von den Soldaten der Roten Armee zu erwarten: Sie wurden nach ihrer Gefangennahme beziehungsweise Verhaftung misshandelt und häufig getötet.[44] [41]

Die Stadt Babrujsk wurde während der Kämpfe fast vollständig zerstört. Nach der Rückeroberung lebten in der Stadt kaum mehr als 28.000 Menschen, die meisten waren obdachlos. Die Mehrzahl der geflohenen Einwohner kehrte erst 1945 zurück. [45]

Die Truppen der 1. Weißrussischen Front stießen nach ihrem Erfolg durch einen breiten Korridor auf Minsk und in westlicher Richtung entlang des Pripjaz vor. Damit begann die Rote Armee einen Ring um die noch intakte 4. deutsche Armee, die sich noch weiter östlich gegen die 2. Weißrussische Front verteidigte, sowie um die sich zurückziehenden Reste der 9. deutschen Armee zu schließen.

[Bearbeiten] Rückeroberung von Minsk (Minsker Operation)

Geografische Lage des Kampfgebietes während der Minsker Operation
Geografische Lage des Kampfgebietes während der Minsker Operation
Sowjetische Infanteristen auf Sturmgeschützen vom Typ SU-76 (Minsk, 3. Juli 1944)
Sowjetische Infanteristen auf Sturmgeschützen vom Typ SU-76 (Minsk, 3. Juli 1944)
Brennendes Gebäude der Minsker Universität (3. Juli 1944)
Brennendes Gebäude der Minsker Universität (3. Juli 1944)
Einwohner von Minsk kehren in ihre Häuser zurück (Juli 1944)
Einwohner von Minsk kehren in ihre Häuser zurück (Juli 1944)

Die bisher erzielten Erfolge der Roten Armee und die daraus resultierenden Meldungen machten auch dem deutschen OKW das Ausmaß der bisher erlittenen Niederlage deutlich, das erst am 26. Juni die Lage richtig erkannte. Sofort wurden alle verfügbaren Reserven, die vorher in Richtung der Heeresgruppe Nordukraine verlegt worden waren, in Richtung der Heeresgruppe Mitte in Marsch gesetzt.[16] Personelle Konsequenzen bezüglich der Besetzung von Führungspositionen der Heeresgruppe folgten. Der Oberbefehlshaber der 9. deutschen Armee, General Hans Jordan, wurde wegen zu zögerlichem Einsatz der 20. Panzerdivision abgelöst und durch General Nikolaus von Vormann ersetzt. Ernst Busch wurde als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte unberechtigterweise allein für die Lage der Heeresgruppe verantwortlich gemacht und am Abend des 28. Juni entlassen [16]. Sein Nachfolger wurde Generalfeldmarschall Walter Model.

Wie Busch stand auch Model bedingungslos auf der Seite Adolf Hitlers [46], genoss jedoch bei diesem im Gegensatz zu seinem Vorgänger hohes Ansehen.[9] Model hatte außerdem den Vorteil, das er das Kommando über die Heeresgruppe Nordukraine behielt und somit ohne Anträge den Transfer von Verstärkungen einleiten konnte. Durch diese Umbesetzungen wurden aber die enormen Probleme, mit denen die Heeresgruppe Mitte konfrontiert war, zunächst nicht gelöst. Deren Front war am Abend des Tages auf einer Breite von etwa 300 Kilometern durchbrochen oder aufgrund der dramatischen Umstände aufgegeben worden.

Model erkannte, dass er die bedrohliche Situation nur dadurch bereinigen konnte, indem er zunächst mit den ihm zur Verfügung stehenden begrenzten Kräften eine neue deutsche Front aufzubauen versuchte. Zeitgleich versuchte er, die Umfassung der 4. deutschen Armee und 9. deutschen Armee durch die 1. Weißrussische Front und 3. Weißrussische Front zu verhindern. Dazu sollte eine ad hoc gebildete Kampfgruppe von Saucken, die die bereits stark angeschlagene Kampfgruppe von Gottberg ersetzte, mit der 5. Panzerdivision den Übergang über den Fluss Beresina bei Baryssau nordöstlich von Minsk sichern. Im südöstlichen Abschnitt konnte die noch weitestgehend unberührt gebliebene 2. deutsche Armee den Vormarsch der Roten Armee bei Sluzk verzögern. Die als Verstärkung von der Heeresgruppe Nordukraine herbeigerufene 4. Panzerdivision konnte per Eisenbahntransport bei Baranawitschy ausgeladen und sofort eingesetzt werden. Ihr Auftrag war, die Verbindung zur 12. Panzerdivision der 9. deutschen Armee bei der Ortschaft Stoubzy (weißrussisch: Стоўбцы) wieder herzustellen.

Im Nordosten waren jedoch die Reste der 3. Panzerarmee nicht mehr in der Lage, Widerstand zu leisten, auch wenn sie inzwischen wieder zu einer Kampfgruppe zusammengefasst waren. Dadurch wurde auch die Frontlinie der 5. Panzerdivision überdehnt, die sich daraufhin ebenfalls zurückziehen musste. Die sowjetische 3. Weißrussische Front konnte mit der von dem Marschall der Panzertruppen Pawel Alexejewitsch Rotmistrow geführten 5. Gardepanzerarmee an der Spitze die Bjaresina überschreiten, am 30. Juni Baryssau einnehmen und weiter in Richtung Minsk vorstoßen. Dieser sehr starke Panzerverband erlitt dabei trotz der relativ schwachen deutschen Abwehr hohe Verluste, war aber durch den rücksichtslosen Einsatz für die Deutschen am gefährlichsten. Als die 5. Gardepanzerarmee am 16. Juli auf nur 50 kampfbereite Panzer des Typs IS-2 geschrumpft war, wurde Rotmistrow schließlich von seinem Frontkommando entbunden. Im Südosten gelang es der 1. Weißrussischen Front am 2. Juli Stoubzy zu erreichen, das von der deutschen 4. und 12. Panzerdivision als Rückzugsweg offen gehalten werden sollte. In und um die Stadt entbrannten heftige Kämpfe zwischen der deutschen 4. Panzerdivision und Einheiten der russischen 65. Armee. Den Deutschen gelang es, im Laufe der folgenden Tage, einen Teil der Stadt und der Umgebung in ihrer Hand zu behalten. Weiter nördlich der Ortschaft befand sich der Wald von Naliboki, der vollständig von Partisanen besetzt und somit für die Wehrmacht unzugänglich war. Die militärische Katastrophe der Heeresgruppe Mitte war nicht mehr aufzuhalten, als es der Roten Armee am 3. Juli gelang, Minsk einzunehmen (siehe Karte mit den Operationen der daran maßgeblich beteiligten 4. Gardepanzerbrigade), das kaum verteidigt werden konnte, weil sich in der Stadt zwar große Mengen an Nachschubgütern, jedoch keine nennenswerten Truppen mehr befanden. Dadurch wurde diese Stadt jedoch auch weniger zerstört als andere Orte in Weißrussland, weil die wenigen deutschen Zerstörungskommandos in der Stadt es nicht wie vorgesehen schafften, einen Großteil der Häuser anzuzünden oder zu sprengen und sich durch den geringen deutschen Widerstand auch der sowjetische Artillerieeinsatz in Grenzen hielt.

Die bis dahin noch auf dem Ostufer der Bjaresina befindliche 4. deutsche Armee konnte aufgrund ihrer geringen Marschgeschwindigkeit den Flussübergang erst am gleichen Tag beenden und war nun zusammen mit Resten der 9. deutschen Armee in einem Kessel eingeschlossen, der durch die Truppen der 2. Weißrussischen Front bedrängt und eingedrückt wurde. Damit erlitten die Deutschen nun ein ähnliches Schicksal wie die Franzosen knapp 132 Jahre zuvor. (siehe Schlacht an der Beresina) Der 12. Panzerdivision gelang es zwar, zusammen mit anderen Teilen der 9. deutschen Armee die 4. Panzerdivision zu erreichen. Dies geschah jedoch erst, nachdem die Division aufgrund nicht mehr vorhandenen Funkkontakts an Stoubzy vorbeimarschiert war. Um die Verbindung herzustellen, gab die 4. Panzerdivision Stoubzy am 4. Juli auf. Damit war jedoch der einzige noch verbleibende Rückzugsweg für die sich noch knapp 100 km östlich befindende 4. deutsche Armee verschlossen worden. [16] Model konzentrierte nach diesen Misserfolgen seine Bemühungen ganz auf die Bildung einer Frontlinie westlich von Minsk, da er nicht über genügend Mittel verfügte, um den eingeschlossenen Truppen östlich der Stadt zu helfen.

[Bearbeiten] Die Zerschlagung der 4. deutschen Armee

Das Oberkommando über die 4. deutsche Armee wurde durch von Tippelskirch am 1. Juli dem Generalleutnant Vincenz Müller übertragen. Die an Müller mündlich weitergegebene Zielstellung lautete: „[...] Der nächste Auftrag für die 4. Armee ist: weiter zurückgehen in allgemeiner Richtung etwa 50 bis 60 km südlich Minsk.“ Müller sollte versuchen, nach dem Vorbild des bereits im April bei einem Flugunfall ums Leben gekommenen Generaloberst Hans-Valentin Hube, die ihm unterstellten Truppen, die in absehbarer Zeit eingeschlossen sein würden, in Richtung Westen an Minsk vorbei zu bewegen und wieder den Anschluss an die deutschen Stellungen herzustellen.

Bis zum 3. Juli, als die 4. Armee endgültig von den Russen eingeschlossen wurde, verlief der Rückzug langsam, aber im Großen und Ganzen planmäßig. Es fanden Feuerüberfälle von Partisanen statt, die sich in den Wäldern westlich und südwestlich von Mahiljou aufhielten, und deren Intensität mit fortlaufender Zeit zunahm. Nach der sowjetischen Rückeroberung von Minsk verstärkte sich auch der Druck durch die regulären Truppen der 2. Weißrussischen Front, die mit der Vernichtung der deutschen Armee beauftragt war. Generalleutnant Vincenz Müller, der sich im deutschen Heer zu Recht einen Namen als Steher gemacht hatte, war aber immer noch der Meinung, dass der Ausbruch aus der Umklammerung zu schaffen wäre: „Es wäre ja zum Lachen, wenn wir diese Schweine nicht durch Sonne, Mond und Sterne jagen würden.“ [47] Über Funk teilte er von Tippelskirch am 3. Juli mit, dass er einen Durchbruch „möglichst vieler noch moralisch einwandfreier Kämpfer mit einfachster Waffenausstattung “ durchführen würde.[47] Ob Müller zu diesem Zeitpunkt die aktuelle deutsche Gesamtlage vollständig bekannt war, bleibt dahingestellt.

Die Lage der Reste der 4. Armee dramatisierte sich in den folgenden Tagen nahezu stündlich. Die Ränder des Kessels, der sich in einem unübersichtlichen Gebiet mit vielen Waldstücken befand, zerfaserten immer mehr: Deutsche Einheiten, die vor angreifenden russischen Truppen in Waldstücken Deckung suchten, verloren den Kontakt zum Rest der Armee und waren plötzlich auf sich gestellt. Die Angriffsspitzen der Deutschen, die einen Weg nach Westen bahnen sollten, kamen immer schwerer voran. Ein zusätzliches Hindernis war die Tatsache, dass Müllers Stab keine Karten des Gebietes um Minsk zur Verfügung standen, nach denen sich die Deutschen hätten orientieren können. Die kümmerlichen Reste der deutschen Luftwaffe versuchten, zumindest ansatzweise die eingeschlossenen Truppen mit Nahrung und Munition zu versorgen: Der Großteil dieser wenigen per Fallschirm abgeworfenen Versorgungsgüter, deren Menge sowieso nicht ausgereicht hätte, landete jedoch beim Gegner. Am 5. Juli hatte die deutsche 4. Armee zum letzten Mal Funkkontakt mit den übrigen Verbänden der Heeresgruppe Mitte: Müller forderte dabei von Tippelskirch auf, wenigstens den Abwurf genauer Landkarten über dem Kessel zu organisieren, erhielt aber keine Antwort mehr. [7] Am selben Tag brach auch die Versorgung aus der Luft ab, bei Smilawitschy (weißrussisch Сьмілавічы) südostwärts Minsk wurden die letzten Versorgungspakete abgeworfen.[9] Die für die Versorgung notwendigen Feldflugplätze mussten aufgrund des raschen sowjetischen Vordringens weiter nach Westen verlegt werden.

Am 6. Juli gelang es der sowjetischen 49. und 33. Armee, die Rückzugsstraße Beresino-Minsk zu blockieren und die an der Spitze der 4. deutschen Armee stehende 110. Infanteriedivision vom Rest des Verbandes abzuschneiden. Der Treibstoff und die Munition aller unter Generalleutnant Müllers Befehl stehenden Einheiten gingen zur Neige. Verwundete konnten nicht mehr medizinisch versorgt werden. Trotz der verzweifelten Lage kämpften die deutschen Soldaten aus Furcht vor der sowjetischen Gefangenschaft weiter.

[Bearbeiten] Ausbruchsversuche und Kapitulation

Generalleutnant Vincenz Müller erkannte die Hoffnungslosigkeit der Lage und schlug in einer am 7. Juli stattfindenden Stabsbesprechung vor, „Schluss zu machen“ und den Kampf einzustellen. Müller verlor auf diese Weise seine Autorität als Führungsperson der deutschen Einheiten. Sein Vorschlag wurde von den meisten der ihm unterstellten Kommandeure abgelehnt, die zu ihren Einheiten gingen und von nun an auf eigene Faust versuchten, doch noch nach Westen durchzustoßen. Eine Gruppe von ungefähr 5.000 deutschen Soldaten unter dem Kommando von Generalleutnant Trowitz versuchte bei der Ortschaft Michanowitschi den sowjetischen Einschließungsring zu sprengen, scheiterte aber an der russischen Gegenwehr. Ähnliche Versuche kleinerer Gruppen folgten, hatten aber immer dasselbe Ergebnis. Müller beschloss in der Zwischenzeit, nachdem er Gedanken an einen Selbstmord verworfen hatte, sich auf eigene Faust zu den russischen Gegnern zu begeben und zu kapitulieren, da sein Stab inzwischen versprengt war und keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr bestanden.

Deutsche Kriegsgefangene auf der Straße Minsk-Smolensk kurz nach dem Ende der Kesselschlacht bei Minsk, im Hintergrund ein aufgegebener Panzer vom Typ Tiger I (um den 9. bis 15. Juli 1944)