Motorrad-Weltmeisterschaft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Giacomo Agostini, mit 15 Titeln Rekordweltmeister der Motorrad-WM.

Mit Motorrad-Weltmeisterschaft ist im Allgemeinen die vom Weltverband FIM im Jahre 1949 erstmals ausgeschriebene Weltmeisterschaft für Straßenmotorräder gemeint. Es werden Weltmeistertitel in mehreren Klassen vergeben, die durch Hubraum, Zylinderzahl, Arbeitsweise und Gewicht definiert sind.

Daneben gibt es unter anderem Weltmeisterschaften für Motocross, Enduro und Speedway.

Geschichte[Bearbeiten]

Lange Jahre wurden die Hubraum-Klassen 50 cm³ bzw. 80 cm³, 125 cm³, 250 cm³, 350 cm³ und 500 cm³ bei den Solo-Maschinen sowie 500 cm³ bei den Seitenwagen ausgetragen. In den 1950er-Jahren dominierten englische und italienische Marken mit Viertaktmotoren. Auch die süddeutsche Marke NSU konnte Weltmeistertitel erringen. Von 1957 bis 1973 war MZ mit Zweitakt-Maschinen in den Hubraumklassen 125 cm³, 250 cm³, 350 cm³ die führende deutschen Marke im internationalen Motorradrennsport. Allerdings war der MZ-Rennstall bei Weltmeisterschaftsrennen in NATO-Staaten wegen des Alleinvertretungsanspruchs der BRD in den 1960er Jahren aus politischen Gründen von der Teilnahme ausgeschlossen. Deshalb war es auch den besten Fahrern nicht möglich, eine Marken-Weltmeisterschaft auf MZ zu erreichen.

Anfang der 1970er-Jahre lösten die Zweitakt-Maschinen meist japanischer Herkunft auch in der Königsklasse bis 500 cm³ die bis dahin dominierenden Viertakter aus Europa ab. So wechselte 1974 Giacomo Agostini nach 13 Weltmeistertiteln in Folge bei den 350ern und 500ern von der italienischen Marke MV Agusta zu Yamaha und errang damit den ersten 500er-WM-Titel für die Zweitaktmaschinen, die in den folgenden Jahrzehnten die Viertakter völlig verdrängten. Trotzdem gelang dem 15-fachen Weltmeister Giacomo Agostini im Jahre 1976 noch ein Sieg auf der Viertakt-MV-Agusta, und zwar auf der fahrerisch anspruchsvollen Nordschleife des Nürburgrings.

Von 1949 bis 1976 zählte die Tourist Trophy, auf der Insel Isle of Man, zur Motorrad-Straßen-Weltmeisterschaft. Der Kurs wurde u. a. aus dem Programm genommen, nachdem Giacomo Agostini beschloss, nie wieder auf der gefährlichen Strecke zu fahren. Er tat das, weil Gilberto Parlotti im Rennen der Klasse bis 125 cm³, in der WM-Saison 1972, in Führung liegend, tödlich verunglückte. Zwischen 1977 und 1989 wurde die Formula TT in drei Hubraum-Klassen als offizielle Weltmeisterschaft unter dem Dach der FIM ausgetragen, um die Aberkennung des WM-Status der Tourist Trophy zu kompensieren und gleichzeitig Rennen mit seriennahen Maschinen populärer zu machen.

1984 wurde die 50er „Schnapsglas“-Klasse durch die 80-cm³-Klasse ersetzt; die 350er-Klasse wurde bereits ab 1983 ersatzlos gestrichen. Dadurch bleibt der Deutsche Toni Mang aus Inning am Ammersee, der auch mehrere 250er-Titel errang, ewiger Weltmeister in dieser Klasse. Der klassische Start mit Anschieben der Motorräder wurde Ende der 1980er durch einen stehenden Start mit laufenden Motoren ersetzt.

1990 wurden die 80er und 1997 auch noch die Seitenwagen Rennmaschinen aus dem WM-Programm genommen, sodass bis 2001 die Weltmeisterschaft nur in den Hubraum-Klassen 125 cm³, 250 cm³ und 500 cm³ ausgetragen wurde. Die Hersteller störte es zunehmend, dass sie für die Weltmeisterschaftsrennen die aus Umweltgründen nicht mehr zeitgemäßen Zweitaktmotoren weiterentwickeln mussten um konkurrenzfähig zu bleiben, während große Motorräder für die Straße längst ausschließlich mit Viertaktmotoren ausgestattet waren. Ein Versuch Hondas, Ende der 1970er Jahre mit der NR500 noch einmal einen konkurrenzfähigen Viertakter zu etablieren, scheiterte.

Logo der MotoGP-Klasse

Seit 1988 hatte sich parallel die Superbike-Weltmeisterschaft etabliert, wo mit seriennahen Motorrädern fast so schnell gefahren wurde wie mit den noch leistungsstärkeren und leichteren 500er Grand-Prix-Maschinen. Zur Saison 2002 wurde auf Druck der japanischen Hersteller, insbesondere Honda, die 500er-Klasse durch die MotoGP ersetzt. Ein neues Regelwerk erlaubte bzw. forderte nun Viertaktmotoren mit maximal 990 cm³. Diese Regelung wurde ab der Saison 2007 erneut angepasst und der zulässige maximale Hubraum auf 800 cm³ limitiert. Analog zur Formel 1 müssen diese MotoGP-Maschinen speziell für Rennen entwickelte Prototypen sein, die wegen der Abgrenzung zu den Superbikes nicht von Serienmaschinen abgeleitet sind. Die ersten vier Jahre der MotoGP dominierte der Italiener Valentino Rossi.

Ab der Saison 2010 wurde die 250-cm³-Klasse, in der Zwei- und Viertakter bis 250 cm³ zugelassen waren, von der Moto2-Klasse abgelöst, in der Viertaktmaschinen bis 600 cm³ an den Start gehen. Zur Saison 2012 löste analog dazu die Moto3-Klasse mit ihren 250er-Viertaktern die 125-cm³-Klasse ab. Außerdem wurde der maximal zulässige Hubraum der MotoGP-Klasse auf 1000 cm³ erhöht.

Reglement[Bearbeiten]

Weltmeister wird derjenige Fahrer beziehungsweise der Konstrukteur, welcher bis zum Saisonende die meisten Punkte in der Weltmeisterschaft angesammelt hat. Bei der Punkteverteilung werden die Platzierungen im Gesamtergebnis des jeweiligen Rennens berücksichtigt. Die fünfzehn erstplatzierten Fahrer jedes Rennens erhalten Punkte nach folgendem Schema:

Punkteverteilung
Platz 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Punkte 25 20 16 13 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1

In die Wertung kamen alle erzielten Resultate.

Das komplette Reglement der Motorrad-WM ist auf den Internetseiten der FIM verfügbar.[1]

Rekorde[Bearbeiten]

Erfolgreichste Fahrer[Bearbeiten]

Erfolgreichste Hersteller (Solo-Grand-Prix-Siege)[Bearbeiten]

(Stand: Großer Preis von San Marino, 16. September 2012)

Hersteller Grand-Prix-Siege Klassen
1. JapanJapan Honda 654 79 – MotoGP, 156 – 500 cm³, 35 – 350 cm³, 207 – 250 cm³, 164 – 125 cm³, 13 – 50 cm³
2. JapanJapan Yamaha 471 72 – MotoGP, 120 – 500 cm³, 67 – 350 cm³, 165 – 250 cm³, 47 – 125 cm³
3. ItalienItalien Aprilia 294 143 – 250 cm³, 151 – 125 cm³
4. ItalienItalien MV Agusta 275 139 – 500 cm³, 76 – 350 cm³, 26 – 250 cm³, 34 – 125 cm³
5. JapanJapan Suzuki 155 1 – MotoGP, 89 – 500 cm³, 35 – 125 cm³, 30 – 50 cm³
6. SpanienSpanien Derbi 107 1 – 250 cm³, 64 – 125 cm³, 25 – 80 cm³, 17 – 50 cm³
7. JapanJapan Kawasaki 85 2 – 500 cm³, 28 – 350 cm³, 45 – 250 cm³, 10 – 125 cm³
8. DeutschlandDeutschland Kreidler 71 71 – 50 cm³
9. ItalienItalien Gilera 59 35 – 500 cm³, 4 – 350 cm³, 12 – 250 cm³, 8 – 125 cm³
10. ItalienItalien Garelli 51 44 – 125 cm³, 7 – 50 cm³

Einzigartiges[Bearbeiten]

  • John Surtees ist bis heute der einzige Fahrer, der Weltmeistertitel in den Klassen bis 350 cm³, bis 500 cm³ der Motorrad-WM und in der Formel 1 gewann (1964). Nur drei andere Motorrad-Weltmeister fuhren in der Formel 1: Nello Pagani, Mike Hailwood und Johnny Cecotto.
  • Valentino Rossi ist der einzige Motorrad-Rennfahrer, der Weltmeistertitel in vier verschiedenen Klassen gewann (125 cm³, 250 cm³, 500 cm³ und MotoGP)
  • Loris Capirossi ist der zweite Motorrad-Rennfahrer, der den Weltmeistertitel in seiner ersten Saison gewann, 1990. Vor ihm gewann 1975 Johnny Cecotto den Titel in der 350er-Klasse.
  • Emilio Alzamora ist der erste Motorrad-Rennfahrer, der den Weltmeistertitel in der 125-cm³-Klasse gewinnen konnte, ohne ein einziges Rennen in der betreffenden Saison (1999) zu gewinnen. Manuel Herreros erreichte 1989 den letzten 80-cm³-Titel ebenfalls ohne Grand-Prix-Siege. George O’Dell wurde 1977 Seitenwagen-Weltmeister, doch konnte er nie einen Grand Prix gewinnen.
  • Rupert Hollaus ist der bisher einzige postume Weltmeister. 1954 verunglückte er auf NSU als bereits feststehender Weltmeister der 125-cm³-Klasse beim Training zum Großen Preis der Nationen in Monza tödlich.

Frauen im GP-Sport[Bearbeiten]

  • Inge Stoll (Deutschland) ist die erste Frau, die im GP-Sport Punkte errang. Von 1952 bis 1957 nahm sie als Beifahrerin in einem Norton-Gespann an den Seitenwagen-Rennen der Motorrad-WM teil. Dabei erreichte sie folgende Plätze: 1952:5; 1953:3; 1954:7; 1955:4; 1956:11; 1957:9; am 24. August 1958 verunglückte sie tödlich bei einem Rennen in Brünn.
  • Gina Bovaird ist die einzige Motorrad-Rennfahrerin, die in der Klasse 500 cm³ startete. Dies war beim Französischen Grand Prix 1982.
  • Katja Poensgen (Deutschland) ist die einzige Motorrad-Rennfahrerin, die in der 250-cm³-Klasse Punkte einfuhr. Sie startete in den Saisons 2001 und 2003 und wurde 2001 beim italienischen Grand Prix in Mugello Vierzehnte.
  • Taru Rinne (Finnland) sammelte insgesamt 25 Punkte in der 125-cm³-Klasse (1988 und 1989). Sie war Zweitschnellste im Training zum 1989er Grand Prix von Deutschland.
  • Tomoko Igata (Japan) sammelte insgesamt 30 Punkte in der 125-cm³-Klasse (1994 und 1995).

Strecken, auf denen WM-Läufe stattfinden/stattfanden[Bearbeiten]

Land Strecke Stadt Zeitraum
ArgentinienArgentinien Argentinien Autódromo Oscar Alfredo Gálvez Buenos Aires 1961–1963, 1981, 1982, 1987, 1994, 1995, 1998, 1999
Autódromo Termas de Río Hondo Termas de Río Hondo seit 2014
AustralienAustralien Australien Eastern Creek Raceway Sydney 1991–1996
Phillip Island Circuit Phillip Island 1989, 1990, seit 1997
BelgienBelgien Belgien Circuit Zolder Zolder 1980
Circuit de Spa-Francorchamps Spa 1949–1990
BrasilienBrasilien Brasilien Autódromo Internacional Ayrton Senna Goiânia 1987–1989
Autódromo José Carlos Pace São Paulo 1992
Autódromo Internacional Nelson Piquet Rio de Janeiro 1995–1997, 1999–2004
China VolksrepublikChina Volksrepublik China Shanghai International Circuit Shanghai 2005–2008
DeutschlandDeutschland Deutschland Hockenheimring Hockenheim 1957, 1959, 1961, 1963, 1966, 1967, 1969, 1971, 1973, 1975,
1977, 1979, 1981–1983, 1985, 1987, 1989, 1991–1994
Nürburgring (Nordschleife) Nürburg 1955, 1958, 1970, 1972, 1974, 1976, 1978, 1980
Nürburgring (Südschleife) Nürburg 1965, 1968
Nürburgring (Grand-Prix-Kurs) Nürburg 1984, 1986, 1988, 1990, 1995–1997
Schottenring Schotten 1953
Solitude Stuttgart-Solitude 1952, 1954, 1956, 1960, 1962, 1964
Deutschland Demokratische Republik 1949DDR DDR /
DeutschlandDeutschland Deutschland
Sachsenring Hohenstein-Ernstthal 1961–1972, seit 1998
FinnlandFinnland Finnland Imatra Imatra 1964–1982
Pyynikki Tampere 1962, 1963
FrankreichFrankreich Frankreich Circuit d’Albi Albi 1951
Circuit de Charade Clermont-Ferrand 1959–1967, 1972, 1974
Circuit de Nevers Magny-Cours Magny Cours 1992
Circuit de Reims-Gueux Reims 1954, 1955
Circuit Paul Armagnac Nogaro 1978, 1982
Circuit Paul Ricard Le Castellet 1973, 1975, 1977, 1980–1981, 1984, 1986, 1988, 1991, 1996–1999
Circuit Bugatti Le Mans 1969–1970, 1976, 1979, 1983, 1985, 1987, 1989–1990, 1994–1995, seit 2000
Rouen-les-Essarts Rouen 1953, 1954, 1965
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Großbritannien Donington Park Circuit Castle Donington 1987–2009
Silverstone Circuit Silverstone 1977–1986, seit 2010
KatarKatar Katar Losail International Circuit Doha seit 2004
IndienIndien Indien Buddh International Circuit Greater Noida ab 2013
IndonesienIndonesien Indonesien Sentul International Circuit Citeureup 1996–1997
Isle of ManIsle of Man Isle of Man Snaefell Mountain Course Douglas 1949–1976
Clypse Course 1954–1959
ItalienItalien Italien Autodromo Enzo e Dino Ferrari Imola 1969, 1972, 1974, 1975, 1977, 1979, 1981, 1983, 1988, 1989, 1996–1999
Autodromo Internazionale del Mugello Mugello 1976, 1978, 1982, 1984, 1985, seit 1991
Autodromo Nazionale Monza Monza 1949–1968, 1970, 1971, 1972, 1983, 1986, 1987
Misano World Circuit Marco Simoncelli Misano Adriatico 1980, 1982, 1984–1987, 1989–1991, 1993, seit 2007
JapanJapan Japan Fuji Speedway Oyama 1966, 1967
Suzuka International Racing Course Suzuka 1963–1965, 1987–1998, 2000–2003
Twin Ring Motegi Motegi seit 1999
Jugoslawien Sozialistische Föderative RepublikJugoslawien Jugoslawien Preluk Opatija 1969, 1970, 1972–1977
Automotodrom Grobnik Rijeka 1978–1990
KanadaKanada Kanada Mosport International Raceway Bowmanville 1967
MalaysiaMalaysia Malaysia Shah Alam Circuit Shah Alam 1991–1997
Johor Circuit Pasir Gudang 1998
Sepang International Circuit Sepang seit 1999
NiederlandeNiederlande Niederlande TT Circuit Assen Assen seit 1949
NordirlandNordirland Nordirland Clady Circuit Clady 1949–1952
Dundrod Circuit Dundrod 1952–1971
OsterreichÖsterreich Österreich A1-Ring Spielberg 1996, 1997
Salzburgring Salzburg 1971–1979, 1981–1991, 1993, 1994
PortugalPortugal Portugal Circuito do Estoril Estoril 2000–2012
SchwedenSchweden Schweden Hedemora TT Circuit Hedemora 1958
Karlskoga Motorstadion Karlskoga 1978, 1979
Råbelövsbanan Kristianstad 1959, 1961
Scandinavian Raceway Anderstorp 1971–1977, 1981–1990
SchweizSchweiz Schweiz Bremgarten Bern 1949, 1951–1954
Circuit des Nations Genf 1950
SpanienSpanien Spanien Circuit de Catalunya Barcelona seit 1991
Circuit Ricardo Tormo Valencia seit 1999
Circuito de Jerez Jerez de la Frontera seit 1987
Circuito del Jarama San Sebastián de los Reyes 1969, 1971, 1973, 1975, 1977–1988, 1991, 1993, 1998
Circuit de Montjuïc Barcelona 1950–1968, 1970, 1972, 1974, 1976
Motorland Aragón Alcañiz seit 2010
SudafrikaSüdafrika Südafrika Kyalami Grand Prix Circuit Johannesburg 1983–1985, 1992
Phakisa Freeway Welkom 1999–2004
TschechienTschechien Tschechien Automotodrom Brno Brünn seit 1993
TschechoslowakeiTschechoslowakei Tschechoslowakei Masaryk-Ring Brünn 1965–1982
Automotodrom Brno Brünn 1987–1991
TurkeiTürkei Türkei Istanbul Park Circuit Istanbul 2005–2007
UngarnUngarn Ungarn Hungaroring Budapest 1990, 1992
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten USA Circuit of The Americas Austin ab 2013
Daytona International Speedway Daytona Beach 1964, 1965
Indianapolis Motor Speedway Speedway seit 2008
Laguna Seca Raceway Monterey 1988–1991, 1993, 1994, 2005-2013
Venezuela 1954Venezuela Venezuela San Carlos San Carlos 1977–1979

Verweise[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Motorrad-Weltmeisterschaft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reglement der Motorrad-WM (PDF; 524 kB)