Mercedes-Benz W 100

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Mercedes-Benz
Mercedes-Benz 600 vl silver TCE.jpg
W 100
Produktionszeitraum: 1963–1981
Klasse: Oberklasse
Karosserieversionen: Limousine, Pullman-Limousine, Landaulet
Motoren: Ottomotor:
6,3 Liter (184 kW)
Länge: 5540–6240 mm
Breite: 1950 mm
Höhe: 1485 mm
Radstand: 3200–3900 mm
Leergewicht: 2500–3350 kg

Der Mercedes-Benz 600, intern als W 100 bezeichnet, war in den 1960er und 1970er Jahren das Staats- und Repräsentationsfahrzeug von Daimler-Benz.

Geschichte und Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursprünge des 600ers liegen in der Mitte der 1950er Jahre. Fritz Nallinger, führender Entwickler bei Daimler-Benz, betrieb die Entwicklung eines Wagens auf dem Stand des technisch Machbaren. So erhielt der Wagen unter anderem Luftfederung, Automatikgetriebe, Servolenkung und -bremsen.

Mercedes-Benz 600 Pullman neben einem „Adenauer-Mercedes-Benz“
Landaulet
Landaulet für den Papst

1960 war die Formfindung abgeschlossen. Mit zwölf unterschiedlichen Prototypen wurden Probefahrten unternommen, wonach die exakten Spezifikationen des Wagens festgelegt wurden.

Vorstellung in der Öffentlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Baureihe debütierte im September 1963 auf der IAA in Frankfurt. Knapp zwei Wochen vorher war der 600 zehn Fachjournalisten aus aller Welt vorgestellt worden. Der „Große Mercedes“ wurde sehr positiv in der Öffentlichkeit aufgenommen. Den ersten ausgelieferten Wagen erhielt der Erstbesteller, ein Architekt aus Amerika.

Karosserievarianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gab:

  • viertürige Limousinen, knapp zwei Meter breit und 5,54 Meter lang,
  • vier- oder sechstürige Limousinen (Pullman-Limousinen), 6,24 m lang, und
  • vier- oder sechstürige Landaulets, ebenfalls 6,24 m lang.

Zwei Prototypen einer Coupé-Version wurden gefertigt. Eines wurde Fritz Nallinger zur Verfügung gestellt, das „Nallinger-Coupé“, das andere wurde nur für firmeninterne Versuche verwendet. Weitere Einzelstücke waren ein Landaulet auf normalem, "kurzen" Fahrgestell und ein Landaulet für den Papst.

Von den 2677 Wagen wurden 429 als Pullman-Variante oder als Sechstürer und 59 als Landaulets hergestellt; sie haben ein festes Dach vorne über dem Chauffeur und ein Cabriolet-Faltverdeck hinten über den Passagieren. Es gab zwei Landaulet-Versionen, eine mit langem und eine mit kurzem hinteren Verdeck. Im Pullman sind im Fond zwei vis-à-vis angeordnete Sitzreihen oder Klappsitze mit oder entgegen der Fahrtrichtung vorhanden.

Sonderanfertigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine der bekanntesten Sonderanfertigungen ist das für Papst Paul VI. gebaute Landaulet. Dieses hat vier Türen, einen einzelnen Sessel hinten, ein um 70 mm erhöhtes Dach sowie einen höheren Boden im Fond. Dieses Einzelstück kehrte nach zwanzig Jahren Dienst im Vatikan 1985 nach Deutschland zurück und ist im Mercedes-Benz Museum ausgestellt. Für den Grafen von Berckheim wurde ein Landaulet mit verkürztem Radstand gebaut.

Motor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der M-100-Motor des W 100

Mercedes-Benz setzte bei dieser Luxuslimousine nicht nur in Größe und Gewicht (zwischen 2,5 und 3,3 Tonnen je nach Ausführung) Maßstäbe. Der V8-Motor M 100 mit 6,3 Litern Hubraum, Saugrohreinspritzung mit Achtstempel-Einspritzpumpe und 184 kW war eine Neuentwicklung. Die Spitzengeschwindigkeit des kürzeren Viertürers beträgt 205 km/h, die Beschleunigung auf 100 km/h dauert zehn Sekunden. Der Mercedes-Benz 600 war damals eines der schnellsten Serienfahrzeuge der Welt und wurde auch als „Größter Sportwagen aller Zeiten“ betitelt. Der M-100-Motor fand einige Jahre später Verwendung im Spitzenmodell der Baureihe W 109, dem 300 SEL 6.3 und wurde, im Hubraum erweitert – wiederum den zwischenzeitlich vergrößerten Rolls-Royce-Motor überbietend – und mit einer Bosch-K-Jetronic-Saugrohreinspritzung versehen, auch in den 450 SEL 6.9 eingebaut. Beide Limousinen waren in ihren Fahrleistungen zur Zeit ihres jeweiligen Erscheinens wie zeitgenössische Sportwagen motorisiert.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Motor Mercedes-Benz M 100 6332 cm³ V8
Länge 5540 mm (6240 mm)
Breite 1950 mm
Höhe 1485 mm (1500 mm)
Radstand 3200 mm (3900 mm)
Radaufhängung vorn Doppelquerlenker
Radaufhängung hinten Eingelenk-Pendelachse mit Niveauregulierung
Bremsen Scheiben vorn und hinten
Felgen/Reifen 6,5J × 15 H/9.00 H 15 Supersport 6 PR
Karosserieformen Limousine kurz und lang (Pullman auch mit sechs Türen),
Landaulet
Leergewicht o. Fahrer 2440 kg (2630 kg)
Gesamtgewicht 2990 kg (3280 kg)
Tankinhalt 112 l, davon 19 l Reserve
Höchstgeschwindigkeit 205 (200) km/h
Kraftstoffverbrauch 26,8 l/100 km

Die Angaben in Klammern beziehen sich auf den sieben- oder achtsitzigen 600er Pullman.

Technische Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausstattung der Limousine umfasste vieles, was zur damaligen Zeit technisch möglich war, und ist noch Jahrzehnte später bei heutigen Fahrzeugen nicht selbstverständlich. Beispielsweise sind zu nennen: Luftfederung, eine elektrisch regulierbare Heizungs- und Lüftungsanlage, Klimaanlage, ein umfassendes hydraulisches Servosystem (so genannte „Komforthydraulik“) mit hydraulisch verstellbaren Sitzen vorn, hydraulisch verstellbarer Sitzbank hinten, hydraulischen Fensterhebern und ebenfalls hydraulisch betriebenen Schiebedächern (Die Wagen mit langem Radstand waren auch mit einem Schiebedach über den Rücksitzen lieferbar). Im Vergleich zu Elektroantrieben war die Hydraulik nahezu geräuschlos, verlor bei ausgeschaltetem Motor aber schnell an Kraft. Bei der Entwicklung des Autos wurden 15 Patente angemeldet.

Innenausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Interieur
Blick in den Fond eines Pullman mit Trennscheibe

Die Ausstattungsmöglichkeiten waren zahlreich (Furnierwahl, Velours oder Leder, Kühlfach, Autotelefon, Schiebedächer vorn oder hinten).

Modellpflege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Modellpflege beim 600er fiel über den gesamten Produktionszeitraum sehr zurückhaltend aus. Technisch wurde der 600er immer wieder modernisiert; von deutlich sichtbarer Verjüngung des Modells sah Mercedes-Benz in der sehr langen Modelllaufzeit ab. Die Gestaltung des Innenraums, insbesondere vorne, entsprach in etwa derjenigen der 1965er S-Klasse W 108/W 109. Als diese 1972 von der Nachfolgebaureihe W 116 abgelöst wurde, wirkte das 600er-Interieur im Vergleich altbacken, wurde aber beibehalten – wohl zu Recht vermutete Mercedes-Benz in den 600er-Käufern die konservativste aller Käufergruppen.

Es wurden nur kleine sichtbare Änderungen vorgenommen. 1969 mussten die vorher rot gefärbten Blinkergläser am Heck wegen der neuen StVZO (die am 1. Januar 1970 in Kraft trat) geändert werden. Sie schrieb orangefarbene Blinkleuchten vor. Diese Vorschrift musste auch bei anderen Fahrzeugen von Daimler-Benz erfüllt werden. Es gab noch weitere kleine Änderungen, zum Beispiel wurden die Griffstücke der Zigarettenanzünder vergrößert, oder die „Schlummerrolle“ genannten Kopfstützen der ersten Baujahre wurden durch die Kopfstützen der Modellreihe W 108/W 109 ersetzt. In den ersten Produktionsjahren waren Kopfstützen hinten serienmäßig; vorn waren sie aufpreispflichtig. Die Außenspiegel wurden ebenfalls durch die Spiegel des W 108 ersetzt; die Radzierkappen erhielten statt acht nun zwölf Belüftungsschlitze. 1971 entfiel die Zuziehhilfe der Türen.

Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 1964 betrug der Listenpreis für einen 600er Mercedes-Benz 56.500 Mark (inflationsbereinigt nach heutiger Kaufkraft 119.893 Euro).
Gegen Ende seiner Bauzeit kostete der Wagen laut Preisliste vom 1. Februar 1979:

  • 600 Limousine, fünf/sechs Sitze, vier Türen: 144.032 DM (entspricht 171.713 Euro)
  • 600 lang Pullman, sieben/acht Sitze; vier Türen: 165.424 DM (197.217 Euro)
  • 600 lang, sieben/acht Sitze, sechs Türen: 175.392 DM (209.101 Euro)
  • Zum Vergleich: Der 450 SEL 6.9, das teuerste Modell der damaligen S-Klasse, kostete 78.960 DM (94.135 Euro)

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fertigung des 600er soll über alle Jahre hinweg wegen der Kundensonderwünsche und der durchgängigen Handarbeit trotz hoher Preise für Mercedes-Benz stets ein Verlustgeschäft gewesen sein, das aus Prestige-Gründen betrieben wurde. Außerdem spielte die Konkurrenz zu Rolls-Royce und Bentley eine nicht unerhebliche Rolle; so vergrößerte Rolls-Royce den eigenen Motor von 6,2 auf 6,75 Liter Hubraum, um den 600er mit seinen 6,3 Litern zu überbieten. Mercedes-Benz vergrößerte daraufhin den Hubraum des M100-Motors von 6,3 Liter, wie im 600er und 300 SEL 6.3 eingebaut, auf 6,9 Liter, wie er im 450 SEL 6.9 verwendet wurde.

Mercedes-Benz 600 in USA-Ausführung mit Sealed-Beam-Scheinwerfern

Der 600 erreichte nicht einmal zehn Prozent der angestrebten Jahresproduktion von 3000 Stück. Damit blieb er ein sehr seltener Wagen, während von Rolls-Royce und Bentley – damals noch zwei Marken eines wirtschaftlich eigenständigen Herstellers – jährlich um 3000 Wagen abgesetzt werden konnten.

Zum wirtschaftlichen Ergebnis von Daimler-Benz hat der 600er keinen unmittelbaren positiven Beitrag geleistet. Andererseits prägten gerade die in der (damals noch beinahe konkurrenzlosen) Nachrichtensendung Tagesschau der ARD immer wieder zu sehenden Bilder von Staatsgästen der Bundesregierung, die im hinten offenen 600er Landaulet gefahren wurden, die Meinung von Generationen darüber, wie eine Staatslimousine auszusehen habe. Für die Reputation von Mercedes-Benz war der 600er wesentlich.

Besitzer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Staaten hatten einen 600er im Fuhrpark, unter anderem Ägypten, Algerien, Ghana, Jordanien, Kambodscha, Kuba, Österreich und die Türkei. In Deutschland wurden die Fahrzeuge der Bundesregierung bzw. dem Bundespräsidenten von Daimler-Benz aus deren Fuhrpark zur Verfügung gestellt.

Zu den prominenten Besitzern eines Mercedes-Benz 600 gehörten unter anderem folgende Personen:

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 600er ist in einer Szene von James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät von 1969 zu sehen, als die Gehilfin des Schurken Ernst Stavro Blofeld (Telly Savalas) aus dem Fond eines 600er die frisch mit James Bond (George Lazenby) verheiratete Teresa (Diana Rigg) erschießt. Auch im nachfolgenden Film Diamantenfieber kommt der W 100 vor wie auch in Octopussy, in dem Prinz Kamal Khan (Louis Jourdan) nach einer Auktion in einen 600er einsteigt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heribert Hofner: Mercedes-Benz 600. Delius Klasing, Bielefeld 2001, ISBN 3-7688-1199-9.
  • Michael Wiedmaier: Mercedes-Benz 600 – Die feine Art des Fahrens. WKF-Verlag, Freilassing 2008, ISBN 3-9807271-4-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 27. Dezember 2010 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ntxautomuseum.com
  2. a b c d e f g h i j http://classic-oldtimers.de/ (Memento vom 10. Februar 2013 im Webarchiv archive.is)
  3. Jay Leno's Garage – 1972 Mercedes-Benz 600 Kompressor
  4. Inside Cocaine Kingpin Pablo Escobar’s Amazing Car Collection. Abgerufen am 1. November 2018 (englisch).